Das Ergebnis der Untersuchungen, die angestellt wurden mit den auf den Kulturplatten aufgefundenen Mikroorganismen, ist also in dem Sinne zu bewerten, daß es nicht gelungen ist, krankheitserregende Keime unter ihnen nachzuweisen.
Bei der geringen Menge des zur Aussaat auf Kulturplatten gelangten Materials ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß Keime, die am Telephon vorkommen, garnicht auf die Kulturplatten gelangt sind, andrerseits Keime für ihre Weiterentwickelung ungünstige Bedingungen angetroffen haben könnten, wie dies z. B. für ausschließlich anaerob wachsende Arten und auch für Tuberkelbazillen zutreffen würde, die an sich schon ein sehr langsames Wachstum selbst auf den ihnen zusagenden Nährböden haben und auf den zur Verwendung gelangten Nährböden so gut wie garnicht wachsen. Um deren Vorkommen festzustellen, dienten in erster Linie die oben angeführten Tierversuche, die darin bestanden, daß Meerschweinchen die ganze Bouillon, mit der die Telephone abgerieben waren, subkutan respektive intraperitoneal injiziert wurde.
Diese Versuche reihen sich zwanglos an die oben erwähnten Untersuchungen von Dr. Spitta-London bezüglich des Vorkommens von Tuberkelbazillen an den Fernsprechern an.
Wegen der ungeheueren Menge von Keimen, die diese Bouillon enthielt, habe ich irgend eine stärkere Reaktion des Tierkörpers erwartet. Es überraschte mich also, daß bei sämtlichen Impfungen die Tiere am Leben blieben und abgesehen von einem Falle, keinerlei Krankheitserscheinungen zeigten. Die Injektionsflüssigkeit wurde alsbald resorbiert, von irgend welchen Symptomen einer Entzündung an der Injektionsstelle war nichts zu konstatieren. Bei den meisten Tieren zeigte sich jedoch nach 5 bis 7 Tagen eine Schwellung der der Injektionsstelle entsprechenden Achsel- und Leistendrüsen. Zu einer ausgesprochenen Verhärtung der Drüsen, die den Verdacht auf tuberkulöse Prozesse hätte wachrufen können, kam es jedoch nicht. Durchschnittlich nach weiteren 6 bis 8 Tagen ging die Anschwellung zurück; 14 Tage nach der Injektion, bei einzelnen Tieren erst nach 4 Wochen, war eine Vergrößerung oder Schwellung der Drüsen nicht mehr wahrzunehmen. Sämtliche Tiere wurden 8 Wochen lang beobachtet, sie blieben vollkommen gesund. Diese vorübergehenden Drüsenanschwellungen sind m. E. aufzufassen als die Antwort auf den durch die zugeführten Bakterien, den Staub und Schmutz ausgelösten Reiz.
Nur bei einem Tiere kam es lokal zu einer Absceßbildung. Nach 3 Tagen bestand hochgradige Schwellung an der Injektionsstelle, das Tier machte äußerlich einen schwerkranken Eindruck. Am 5. Tage nach der Injektion erfolgte spontan der Aufbruch des Abscesses. Nach 10 Tagen vollkommene Ausheilung mit Hinterlassung einer 1 ½ cm langen Narbe. Als Ursache der Absceßbildung konstatierte ich unter dem Mikroskop runde Kokken.
Das Material entstammte einem Telephon, das in dunkler, nicht ventilierbarer Zelle untergebracht war. Die Bouillon verfärbte sich nach der Auswaschung des Wattebausches tiefschwarz.
Eine Bedeutung für die Frage, ob das Telephon eine Gefahr in gesundheitlicher Beziehung für die es benutzenden Personen darstellt, kommt indessen diesem Ausnahmefall nicht zu. Es ist doch ein gewaltiger Unterschied, ob, wie in diesem Falle, Millionen von Mikroorganismen einem Meerschweinchen unter die Haut geimpft werden oder zufällig Keime in die Mundhöhle und den Rachen eines Menschen gelangen. Sollte dieser Fall wirklich einmal eintreten, so ist selbst dann noch nicht eine Gefahr darin zu erblicken: einmal kann es sich nur um eine verschwindend geringe Anzahl von Keimen handeln, die während der Benutzung des Fernsprechers auf den Menschen übertragen werden können; dann sind die am Hörer und Schalltrichter nachgewiesenen Mikroorganismen durch das Ergebnis der Tierversuche als harmlose Saprophyten zu betrachten, denen krankheitserregende Eigenschaften nicht anhaften. Speziell ist zusammen mit den Untersuchungen von Spitta-London hinsichtlich der Tuberkuloseübertragung auf Grund der zahlreich unternommenen Tierversuche ausdrücklich zu konstatieren, daß Tuberkelbazillen nicht nachgewiesen werden konnten. Endlich stehen für den Fall, daß Mikroorganismen tatsächlich in die Mund-, Nasen- und Rachenhöhle gelangen sollten, dem Organismus eine Reihe von Schutzmaßregeln zur Verfügung, die zum mindesten eine Abschwächung der ohnehin schon recht minimalen Virulenz der Keime, wenn nicht gar deren vollständige Vernichtung bewirken. Die Sekrete der Schleim- und Speicheldrüsen in der Mundhöhle, dem Nasen- und Rachenraum und der tieferen Luftwege haben antibakterielle Eigenschaften und es ist somit in der normalen Schleim- und Speichelproduktion ein natürlicher Schutz des Organismus gegen schädliche Keime zu sehen. Weiterhin sucht sich der Körper rein mechanisch durch die Flimmerbewegungen der Epithelien der in die Luftröhre eingedrungenen Keime zu entledigen.
Die Ergebnisse der bevorstehenden Arbeit geben in vollkommen objektiver Weise die Verhältnisse an zahlreichen im alltäglichen Gebrauch befindlichen Telephonen wieder. Pathogene Keime sind nicht gefunden worden. Die Befürchtungen, die im Publikum wiederholt betreffs der Tuberkuloseübertragung durch das Telephon laut geworden sind, entbehren jeder Begründung. Allans Publikationen sind lediglich als Zufallsbeobachtungen zu bewerten. Die im Publikum weitverbreitete Angst vor einer Ansteckungsmöglichkeit durch die Benutzung des Fernsprechers ist demnach als vollkommen unbegründet zurückzuweisen. Die Frage nach einem Bedürfnis, das Telephon zu desinfizieren, möchte ich mit Dr. Müller-München verneinen. Den Geboten der Hygiene und der Ästhetik folgend soll indessen ausdrücklich an einer weitgehenden Sauberhaltung des Telephons festgehalten werden. In dem Bestreben, diesen hygienischen und ästhetischen Forderungen in weitgehendster Weise zu entsprechen, ist von jeher nichts unversucht gelassen worden. Das beweist die Unmenge von Apparaten, die mehr oder weniger kompliziert, alle das Ziel verfolgen, der Übertragung ansteckender Krankheiten durch den Gebrauch des Fernsprechers vorzubeugen; das beweisen ferner die zahlreichen Anpreisungen desinfizierender Stoffe, die eigens für das Telephon erdacht sind. Wo indessen Untersuchungen vorgenommen sind, um die desinfizierende Wirkung dieser Stoffe zu erproben, da ist man bald von der Wertlosigkeit dieser Mittel als Desinfizientien überzeugt worden.
Von der Unmenge der Apparate, die Kausch in der zusammenfassenden Übersicht über »Verfahren und Apparate zur Desinfektion der Telephone« beschreibt, ist auch keiner zur allgemeinen oder doch nur weiteren Verwendung gelangt, ein Umstand, der ihre praktische Unbrauchbarkeit zur Genüge beweist. Apparate, die selbsttätig beim Abnehmen und Anhängen des Fernhörers funktionieren, die in Verbindung mit dem Mechanismus des Fernsprechers Ozon oder heiße Luft erzeugen, sind in ihrer Konstruktion zu kompliziert und infolgedessen auch zu kostspielig, um weitere Verbreitung zu finden.
Es genügt wohl in jedem Falle die Sauberhaltung der Fernsprecher durch einfaches tägliches Abreiben mit oder ohne desinfizierende Lösungen. Aus rein ästhetischen Gründen empfiehlt es sich, mit der Desinfektion eine Desodorierung der Schallbecher zu erzielen – soll es doch vorkommen, daß die Schallbecher nach Benutzung durch Personen, die mit üblem Mundgeruch behaftet sind, noch lange Zeit einen widerlichen Geruch ausströmen lassen.