Vernimmt der Ewige mit Wohlgefallen.«

(Die Kinder umgeben knieend den Altar, und der Vorhang fällt.)

Die Badreise.

Zur gänzlichen Herstellung wurde der Baronin vom Arzte eine Badereise verordnet, und noch im Spätsommer des Jahrs von derselben mit Gatten und Kindern angetreten. Groß war die Freude und Erwartung der Mädchen, als sie die frohe Kunde erhielten: daß sie die Mutter begleiten dürften, und schon die Zurüstungen, welche die ziemlich weite Reise erforderte, gewährte ihnen einen süßen Vorgenuß. Lange Zeit unterhielten sich die Schwestern, wenn sie des Nachts in ihr Schlafstübchen kamen, bis der Schlummer ihr Auge schloß, von Nichts, als von dem Vergnügen, das ihnen in kurzem bevorstund, und malten sich dasselbe mit lebhaften, und wunderlieblichen Farben, welche ihnen theils ihre Einbildungskraft, theils Schilderungen des Orts, der das Ziel ihrer Reise war, und die sie von Erwachsenen hörten, verlieh; ja nicht selten wurden diese Gespräche in ihre Träume mit verwebt, welche sie sich dann bei ihrem Erwachen ungesäumt mittheilten. Nur daß der liebe Bruder Franz ihrer, zu hoffenden Genüsse sich nicht auch zu getrösten hatte, dies war ein trauriger Gedanke für sie; allein die Versäumniß in der Schule wäre für ihn zu nachtheilig durch die lange Abwesenheit geworden, als daß die Aeltern seinen stillen Wunsch hätten erfüllen, und ihn mitnehmen können. Er wurde bei einem Freund seines Vaters so lange in die Kost gegeben, und da Jener mehrere Söhne hatte, mit denen er sich gut verstand, so versprach er sich von diesem Aufenthalt auch manche Freude, und verschmerzte leichter die unvermeidliche Entbehrung.

Die Seinigen reißten ab, und Bertha und Emma waren ganz Auge und Ohr, damit ihnen in der neuen Welt, die sich vor ihnen öffnete Nichts entgehen konnte, was ihre Wißbegierde befriedigte. Ja sie hatten schon zu Hause den lieben Vater um die Erlaubniß gebeten, ihn unter Wegs recht viel fragen zu dürfen. Dies wurde ihnen zugestanden, und jener blieb ihnen keine Antwort schuldig. Emma nahm dann öfters ihr Schreibtäfelchen heraus, und bemerkte sich das Wichtigste. Bertha aber meinte: in ihrem Köpfchen hätte dies Alles Plaz, sie brauche nicht, sich die Mühe zu geben und es aufzuschreiben. Bereichert schon mit allerlei erlangten Einsichten und Kenntnissen, langten sie nach 3 Tagen an dem Ort ihrer Bestimmung an, und auch hier brachte ihnen Anfangs fast jede Stunde eine neue Erfahrung; wozu hauptsächlich die Menge der Anwesenden, und noch hinzukommenden Kurgäste das ihrige beitrug; hier sahen sie fast alle Nationen Europa's, lernten fremde Sitten und Gebräuche kennen, begegneten bald da einem unermeßlichen Reichthum, bald dort körperlichem Elende, hier einem Kranken der voll Hoffnung seine Wiederherstellung erwartete, dort einem bekümmerten Zweifler, der kleinmüthig an seiner Rettung verzagte. Die Wirthstafel bot ihnen täglich Veränderungen dar, sowohl in den oft wechselnden Mitgästen, als auch durch die Unterhaltungen, welche daselbst Statt fanden; denn immer erschienen Leute, welche durch Sing und Sang, durch den Vortrag von Romanzen und Liedern, durch Taschenspieler Künste, oder durch den Verkauf allerlei hübscher Sachen das Geld aus der Börse der Kurgäste in ihren Beutel lockten. Oft vergaßen die Mädchen darüber Eßen und Trinken, um alles Neue zu schauen und zu vernehmen, und spendeten willig auch ihr kleines Scherflein, wenn der Teller herum ging, auf dem die Gaben eingesammelt wurden. Traf ein neuer Badegast ein, so verkündigte dies am ersten Abend der musikalische Willkomm, der Jenem von den dortigen Musikern, die sehr vorzüglich waren, zu Theil wurde, und auch dies war eine angenehme Unterhaltung für Emma und Bertha, da sie die Musik sehr liebten; täglich begleiteten sie die Mutter an den Gesundbrunnen, wo das rege Gewühl der Menschen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Auch auf allen nahen und weitern Spaziergängen oder Fahrten nahmen die liebenden Aeltern ihre Töchterchen mit, und die Reize der Natur in jener wunderschönen Gegend gewährte ihnen viel Genuß. Ueberdieß fehlte es ihnen eben so wenig an geselligen Freuden; denn es befanden sich noch mehrere junge Leute an dem Badeort, welche ihre Aeltern oder Verwandte dahin begleitet hatten, und unsere Schwestern fanden manches Mädchen ihres Alters, zu der sie sich hingezogen fühlten, und angenehme Stunden mit ihnen verlebten. Aber sie selbst erregten große Theilnahme unter den anwesenden Kurgästen, und Einwohnern des Orts. Ihre wunderbare Aehnlichkeit, wurde sehr oft angestaunt, ihre Liebe zu einander, ihr angenehmes Aeussere, so wie ihr sittsames und anständiges Benehmen erwarb ihnen allgemeines Wohlgefallen, und lange waren sie das Tagsgespräch, ohne daß die anspruchslosen Kinder es wußten oder vermutheten; denn treulich sorgten Vater und Mutter dafür, daß das schmeichelnde Lob, welches man ihnen zollte, nicht, oder doch selten zu ihren Ohren drang. Ohne es im geringsten zu veranlaßen, erhielt daher auch Bertha durch einstimmige Wahl einstmals einen sehr ehrenvollen Auftrag, und keines der anwesenden Mädchen beneidete sie darum, indem sie durch ihre Gutmüthigkeit die Liebe aller im hohen Grad erlangt hatte.

Gegen das Ende ihres Badeaufenthalts erschall plözlich die Kunde: daß der allgemein geliebte Landesvater für einige Zeit auch ein Badegast werden wollte. Aufrichtig war die Freude, die darüber laut wurde, und in froher Erwartung schlug jenem jedes Herz entgegen. Mit großer Sorgfalt wurden alle erforderlichen Vorkehrungen zu einer würdigen und bequemen Aufnahme und Beherbergung des hohen Gastes getroffen, und dem Monarchen die schönste Wohnung eingeräumt. Unter den Badbesuchenden war auch ein verdienter General, der für König und Vaterland oft sein Leben aufs Spiel gesezt, und dadurch viele Wunden, die ihm jezt den Gebrauch des Bades nöthig machten, erhalten hatte. Dieser gerieth in fast jugendliche Begeisterung bei der Nachricht: daß sein geliebter Herrscher mit ihm zugleich die Heilquelle trinken und benüzen wolle, und Tag und Nacht beschäftigte ihn der Gedanke, wie Jener recht feierlich empfangen werden könnte. Er besprach sich mit Falkensee darüber, und beide entwarfen einen schönen Plan, welcher dann der übrigen Badegesellschaft vorgelegt und von dieser mit ungetheiltem Beifall aufgenommen wurde.

Der König liebte es, zuweilen, und besonders auf dem Lande sich zwanglos zu unterhalten, und zu freuen, so sollte denn auch die Festlichkeit den Anstrich einer ländlichen erhalten. Am ersten Abend, nach der Ankunft des Monarchen, warfen sich Herren und Damen, Knaben und Mädchen in geschmackvolle Bauerntracht nach dortiger Landessitte; jedoch die Kleidung war sehr anständig, ja bei Manchen, die es daraufwenden konnten, kostbar zu nennen. Alle begaben sich auf einen runden freien Plaz, welcher mit Buchen und Birken umpflanzt, mit Blumengewinden verziert, und mit einer zahllosen Menge Lampen vielfarbig beleuchtet war. In der Mitte des Plazes erhob sich ein kleiner Tempel, aus Baumstämmchen errichtet, deren obere Zweige künstlich verschlungen, das grüne Dach wölbten. Im Hintergrund erblickte man transparent erhellt, eine Lorberkrone in einem Sternenkranz, und die Worte:

Dem Beglücker seines Volkes!
geweiht
von treu ihm ergebenen Landeskindern!

Im Tempel war ein Theil der weiblichen Jugend versammelt; diese aber nicht als Bäuerinen gekleidet, sondern in weißen Gewändern, blau ausgeschmückt. An ihrer Spitze die erwählte Bertha, welche dem König auf einem blauseidenen Kissen einige werthvolle Verse, von denen der General der Verfasser war, zu überreichen, und jene zu deklamiren, beauftragt wurde. Den Plaz füllten die verkleideten Landleute, so wie sich auch wirkliche darunter mischten, und fast kein Bewohner des Orts und der Umgegend fehlte. In einiger Entfernung verbarg ein Gebüsch die Musiker, welche beim Erscheinen des Gefeierten das Lied: – »Heil unserm König Heil!« anstimmten, das alle Anwesenden mit einem unnennbar gerührten und frohen Ausdruck absangen. Die Witterung und alle Umstände begünstigten das Unternehmen, und der König war tief bewegt bei diesen Aeusserungen und Beweisen der Liebe und Verehrung seiner Unterthanen. – Freundlich dankend wandte er sich allenthalben hin, und fast jedes der Theilnehmer an diesem Feste konnte sich rühmen: daß sein geliebter Landesherr einige inhaltreiche Worte ihm gespendet habe, welche dem Gedächtnis tief eingeprägt wurden. Besonders ruhte aber der Blick des Königs wohlgefällig auf der holden Jugend, die sich still und bescheiden auf ihrem angewiesenen Plaz verhielt. Er raunte einem seiner Kammerherrn etwas ins Ohr, worauf sich dieser mit einer Verbeugung entfernte, bald aber zurückkehrte, und dem Monarchen eine kleine Chatoulle einhändigte. Aus dieser beschenkte letzterer nun jedes der Kinder mit einem neugeprägten blanken Thaler, der des Regenten wohlgetroffenes Bildniß trug. Dann nahm er aus dem Kästchen eine Perlenschnur, und schlang sie eigenhändig um Emmas dunkle reiche Haarflechten. Diese verbeugte sich mit Anmuth, küßte des Königs Hand und sagte: »Nicht ich verdiene solche Huld, sondern meine Zwillingsschwester Bertha war es, welche das Glück genoß, Euer Majestät die Verse des guten General Romberg zu überreichen.« Erstaunt blickte der Monarch umher; Emma aber winkte, und Bertha trat zu ihr. »Fürwahr eine täuschende Aehnlichkeit!« rief der König, und fügte bei: »Allein was ich einmal gegeben habe, kann ich doch nicht wieder nehmen; die Schwestern mögen sich gütlich vergleichen.« Mit diesen Worten steckte er an Bertha's Finger ein Diamant-Ringlein, küßte beide Mädchen auf die Stirne, und verließ den Tempel, um auf dem freien Plaz, unter den Anwesenden den Dichter jener Strophen aufzusuchen, und ihm besonders dafür zu danken.

Die festlichen Stunden verstrichen schnell, aber höchst genußreich, und jedes kehrte mit süßen Erinnerungen an dieselben, und mit erhöhter Verehrung für den huldvollen Monarchen in seine Wohnung zurück. Bertha's und Emma's schwesterlichen Einverständniß brachte aber des Königs Geschenk keinen Nachtheil. Die Perlen hatten wohl mehr Werth, als das Ringlein, und Emma wollte jene der Erstern durchaus aufdringen; doch diese ließ sich nicht dazu bewegen, und so blieb es dabei.