»Ich habe ein Diplom erhalten;« versezte Bertha ganz demüthig. »Nun – und darüber bist Du nicht mehr erfreut?« entgegnete Jener erstaunt. Das Mädchen erwiederte: »Ach ich verdiene es nicht, und Emma, die weit fleißiger war als ich, ist leer ausgegangen, dies schmerzt mich bitter.« – Emma verhielt sich ganz stille, aber man bemerkte es deutlich, daß sie über die erlittene Zurücksetzung sehr empfindlich schien; Bertha aber nahm erst auf ein wiederholtes Verlangen der Aeltern das Ehrenzeugnis aus der Mappe, und reichte es hocherröthend, und mit gesenktem Blick dem Vater hin. Es war eine zierlich vergoldete Karte, auf welcher die Worte standen: »dem ausgezeichneten Fleiß und sittlichen Betragen.« Der Major strich ihr die Wange und sagte: »das ist brav, das habe ich nicht von dir vermuthet!« Bertha erwiederte: »Gewiß ist es wieder ein, durch unsere Aehnlichkeit veranlaßter Irrthum; Emma bewieß sich immer tadellos; ich hingegen« – sie schwieg und ihr Blick wurde feucht; »da kein Name auf der Karte steht,« versezte der Major, »so wäre jener Fall möglich, indessen versicherte mir erst vorhin die Mutter: daß meine Bertha sich bessert; vielleicht daß dieses Zeugniß eine Aufmunterung deines Eifers seyn soll.« »Nein, nein!« fiel ihm das Mädchen in die Rede. »Das Diplom gehört nicht mir sondern Emma, und ich behalte es auch nicht.« »Und Du sagst gar nichts dazu?« fragte Frau v. Falkensee Emma, die immer noch verstimmt am Fenster stand, und mit ihrem Schürzenband spielte. »Was soll ich sagen« – versezte sie verdrüßlich – »Bertha war die Glückliche die das Diplom erhielt, so soll sie es auch von mir aus bleiben.« »Pfui Mädchen!« nahm der Vater das Wort, »das ist keine Sprache, welche einer guten Schwester geziemt; und nun erst verdient Bertha in meinen Augen wirklich jene Auszeichnung vor dir; inzwischen wird die liebe Mutter, da meine Unpäßlichkeit mich daran hindert, der Wahrheit auf den Grund zu kommen suchen, und die Aeltern werden dann Alles auszugleichen wissen.«

So war es auch, Frau v. Falkensee begab sich zu der Vorsteherin des Instituts, und erzählte ihr den ganzen Vorgang, verschwieg auch Bertha's redliches und schwesterliches Benehmen nicht, welches derselben die Liebe Jener im hohen Grade gewann; auch erfreute sie die Majorin durch die wiederholte Versicherung: daß sie jezt viel weniger Ursache finde, mit Bertha unzufrieden zu seyn, als ehemals, daß jedoch Emma das Diplom sich rühmlich erworben habe, und der Lehrer bei der Austheilung durch die täuschende Aehnlichkeit der Schwestern, irre geleitet worden wäre.

Bertha hatte jedoch diesen Ausspruch nicht abgewartet, sondern schon vorher das Ehrenzeugniß in Emma's Komodschublade gelegt, und als es diese fand, und nicht annehmen wollte, die Schwester mit Thränen gebeten, dasselbe zu behalten. Diese ungeheuchelte Gutmüthigkeit brach Emma's kleinen Trotz. Sie fiel Bertha um den Hals, und sagte schluchzend: »Mit all' meinen hochgeprießenen Tugenden bin ich bei weitem nicht so gut wie du, vergieb mir Schwesterchen ich will künftig gewiß meine Empfindlichkeit besser beherrschen.« –

Der Major wohnte, von den Kindern unbemerkt, im Nebenzimmer, dessen Thüre offen stand, ihrer Unterredung bei; und als nun die Mutter den obigen Bescheid mit nach Hause brachte, theilte ihr Jener seine gemachte Erfahrung mit, und beide kamen darinnen überein: Emma's Besitznahme des Diplom's zu Bestättigen, und Bertha zur Belohnung ihres Benehmens und zur Aufmunterung ihres begonnenen Lerneifers, mit einem neuen Schreibbuch, das einen, mit sinnvollen Bildern gezierten Umschlag hatte, und mit einer fein lackirten Federbüchse, zu beschenken.

Die schönste Puppe.

Die muntere Bertha war der Liebling der reichen Banquier Krause, und ihres einzigen Töchterchens Malwina, welche, eben so lebhaft wie Jene, die stillere Emma weniger liebte, als ihr lustiges Schwesterchen. Bertha wurde auch öfters zu ihr eingeladen, als Emma, und die beiden Freundinnen unterhielten sich köstlich mit einander, obgleich auch manches schlimme Stückchen von ihnen zum Vorschein kam, da sie sich gegenseitig zu muthwilligen Streichen aufforderten, und verleiteten. Frau Krause jedoch, gleich edel als verständig, hielt treue Aufsicht über die Kinder, wenn sie beisammen waren, und verhütete dadurch, daß ihre Munterkeit, nicht in Ausgelassenheit ausartete, und der Muthwille der Kleinen, der nie bösartig, oder unanständig sich äusserte, wurde von ihr nur sanft gerügt, nur leise im Zaum gehalten. Auch vermochte sie es nicht über sich, Emma durch gänzliche Zurücksetzung zu kränken; sie würdigte den Werth des sanften Kindes, gab ihr unverkennbare Beweise ihres Wohlwollens, und Malwina mußte sie immer dazwischen auf ihr Geheiß auch einladen. Aber Bertha's offene Gutmüthigkeit sprach sie doch besonders an, und diese war Tagelang in ihrem Hause; wo im Winter den Mädchen mitunter gestattet wurde, in dem großen Hofraum Schlitten zu fahren, was ein köstliches Vergnügen für sie war; und im Sommer durften sie Frau Krause auf allen Spaziergängen begleiten, und sich auf Wiesen und Fluren nach Herzenslust tummeln. Aber auch das Puppenspiel wurde von ihnen nicht vernachläßigt, nur trieben sie es auf andere Weise als Emma. Dieser gefiel es, die Puppen neben sich hinzusetzen, Speisen für sie zu kochen, und sie damit zu bewirthen, oder wohl gar auch dieselben als Schülerinnen, und sich als ihre Lehrerin zu betrachten, und Unterricht ihnen zu ertheilen. Die flüchtige Bertha aber, und ihre ihr nüzliche Freundin Malwina, fanden an diesem Allen wenig Freude; ihre Unterhaltung war: die Puppen recht oft an und aus zu kleiden, sie, in ihrer Vorstellung, da und dort hin mit zunehmen, und sie blieben also auch in den Winterabenden mit denselben nicht lange ruhig sitzen; indessen wußte sich Bertha nichts hübscheres als eine schön gepuzte Puppe. Als nun ihr 8ter Geburtstag herbei kam, so theilte Malwina, die Jene unbeschreiblich liebte, der Mutter den innigen Wunsch mit, Bertha zum Angebind eine ausgezeichnet schöne Puppe geben zu dürfen. Frau Krause war nicht dagegen, nur äusserte sie, daß Emma dann auch eine erhalten müsse; es wäre eben so gut ihr Geburtstag, und sie dürfte durch Vernachlässigung nicht gekränkt werden. Malwina war es zufrieden, aber sie bat sich aus, daß sie für ihre Bertha die schönste Puppe aussuchen dürfe.

Mit diesem Vorhaben machten sich Mutter und Tochter auf den Weg, jene einzukaufen, und erreichten vollkommen ihren Zweck. Sie fanden 2 Puppen, beinahe sich so ähnlich wie die lebenden Zwillingsschwestern, und nur dadurch unterschieden: daß die eine mit einem Uehrchen geschmückt war, die andere aber nicht, ferner trug jene einen Hut von Seide, diese von einem geringern Zeug, und um den Leib hatte erstere ein Samtband mit einer niedlichen Schnalle, die zweite nur einen mit dem Kleid ähnlichen Gürtel, der eine Schleife bildete. Der übrige Anzug der beiden Puppen war überein; die Kleider aus einem bunten Sommerzeug verfertigt, die Krägen aus feinem weißen Battist, mit schmalen Spizchen besezt, die Füßchen mit netten schwarzen Schuhen und gewebten Strümpfchen bekleidet; jede hielt ein zartgeflochtenes Arbeitskörbchen mit einem blauseidenem Sack versehen, in der Hand. Malwina war über diesen Kauf so sehr erfreut, als sollten die Puppen ihr Eigenthum werden; allein leider konnte das gute Mädchen nicht den Genuß haben, das Entzücken der Freundinnen beim Empfang des schönen Angebinds zu theilen; ja sie durfte auch nicht hoffen, diese bald zu sehen, und von ihnen zu hören, wie die gepuzten Abgesandten ihre neuen Gebieterinnen befriedigt hatten.

Den Abend vor dem ersehnten Geburtstag fühlte sich die arme Malwina unwohl, und schon am folgenden Morgen machte die Mutter die Entdeckung, daß ihr Töchterchen von den Masern befallen worden sey; die Krankheit schien gutartig zu werden, dem ohngeachtet trennte sie dieselbe von Emma und Bertha, da beide jene noch nicht gehabt hatten.

Malwinens Betrübniß darüber war groß, und besonders an dem wichtigen Tag, von dem sie sich so viele Freuden versprochen hatte. Die zärtliche Mutter bot Alles auf, durch andere Erheiterungsmittel Malwinen die Entbehrung weniger fühlbar zu machen, doch diese konnte sie nicht recht verschmerzen; besonders war es ihr eine große Sorge, daß die Magd, welche jezt den Freundinnen das Angebinde bringen mußte, doch ja die Schwestern nicht verwechseln, und der geliebten Bertha die schönste Puppe übergeben möchte. Sie ließ Christinen vor ihr Bett kommen und fragte sie wiederholt und dringend, ob sie Bertha von Emma unterscheiden würde, jene mußte ihr genau angeben, woran sie dieselbe erkenne und ihr feierlich versprechen, ihr und nicht Emma die Puppe mit der Uhr einzuhändigen. Christina aber hatte ein weites Gewissen, sie vergaß ihre Pflicht und ihr Versprechen, und folgte, als sie auf die Strasse kam, der Einladung einer Bekannten, die auf der, eben Stattfindenden Messe ein neues Kleid sich kaufen wollte, und ging mit dieser; eine zweite Bekannte, die ihr begegnete, beauftragte sie, statt ihrer die Puppen zu Falkensee's zu tragen, und mit ihrer Freundin Angelegenheit zu sehr beschäftigt, nannte sie der Ueberbringerin jenes Angebinds wohl die Namen Emma und Bertha, und bezeichnete auch die Puppe, welche leztere erhalten sollte; allein Alles geschah eilig und oberflächlich, und als die fremde Magd in das Haus des Majors kam, wußte sie keinen Bescheid mehr. Indessen lag ihr eine pünktliche Ausrichtung ihres Auftrags auch nicht sehr am Herzen, und als sie Emma auf dem Vorplatz fand, glaubte sie, dieser gehöre die schönste Puppe, übergab ihr, ohne weiter sich zu bedenken, dieselbe in Malwinens Name, und Bertha, welche nun auch herzu kam, die Andere. Diese lieben Gäste fanden bei den Mädchen die freundlichste, fröhlichste Aufnahme, und der Unterschied zwischen beiden wurde anfangs gar nicht beachtet, ja man fühlte sich nur in ihrem Besitz, und durch den Beweis des liebevollen Andenken der kranken Freundin jubelnd glüklich. Nach und nach begann eine genauere Musterung des Anzugs der Puppen, und nun fiel es so wohl Emma als Bertha auf, daß die Puppe der Erstern mehr Vorzüge hatte, und daß Jener dieselbe gehören solle. »Ich glaube immer, die schönste Puppe ist dir bestimmt Bertha;« sagte Emma. »Du bist ja Malwinens beste Freundin, also wird sie dir auch das schönste Geschenk zugedacht haben.« Bertha versezte: »Nicht doch Schwesterchen! ich hörte es wohl, daß die Magd ausdrücklich nach deinem Namen fragte, und dann, als sie diesen vernahm, Dir deine Puppe einhändigte. Laß mich's gestehen, ich dachte anfangs wie du: es sey wieder eine, durch unsere Aehnlichkeit entstandene Verwechslung, allein nun glaube ich es nicht mehr; denn Frau Krause ist dir liebe Emma auch recht aufrichtig zu gethan, und wird dafür halten, daß bei meinen besonnenen Schwesterchen die schönste Puppe besser aufgehoben sey, als bei der flüchtigen Bertha; daher behalte sie in Ruhe, und laß mich nur zuweilen mit spielen, ich will sie dir gewiß nicht verderben. Besonders muß das zierliche Uehrchen recht in Obacht genommen werden. Sieh nur Emma wie allerliebst dies ist! auch die Gürtelschnalle dürfte ich nicht nach meiner sonstigen Weise oft auf- und zuschnallen, der feine Stachel würde bald abbrechen. Ach könnte nur Malwina unsere Freude an den schönen Puppen mit genießen!« So schwazte Bertha noch eine Weile fort, ohne die geringste Misgunst über den Vorzug, den die Schwester erhielt zu zeigen.

Nach mehreren Wochen, als Malwina glücklich hergestellt, und die Gefahr der Ansteckung vorüber war, wurde sogleich Bertha zu ihr eingeladen und Jene konnte es kaum erwarten von ihr zu hören: ob sie doch die schönste Puppe erhalten habe. Bertha's Erzählung überzeugte Malwina vom Gegentheil und tief betrübt darüber, bat sie die Freundin: Schwester Emma zu einem Tausch zu bewegen. Allein dazu verstand sich Bertha durchaus nicht. Sie sprach: »Emma verdient das Schönste; sie geht bedachtsamer damit um als ich, und hält ihre Puppe gewaltig in Ehren. Wie könnte ich ihr die Freude rauben! Auch ist sie die Gefälligkeit selbst, und schlägt mir nie die Bitte ab, wenn ich die Puppe ein wenig haben, und mich an dem Anblick des netten Uehrchens ergözen will. Daher soll sie auch ihr Eigenthum bleiben.« Frau Krause, welche diese Aeusserung mit angehört hatte, nahm sich im Stillen vor, noch ein kleines Uehrchen zu bekommen zu suchen, und als es ihr gelang, mußte Malwine insgeheim Bertha's Puppe damit schmücken, und ihre Mutter versezte, als die Kleine sie wieder sah, und ihr für jenes Geschenk dankte: »auf solche Weise wird uneigennützige Schwesterliebe belohnt, wenigstens von mir.« Dabei drückte sie dem guten Mädchen einen herzlichen Kuß auf die Lippen, und Bertha stand wieder eine Stufe höher in ihrem Herzen.