Ueber Mailand ging die Fahrt in kleine Nester und Städte, die durch große Offenbarungen der Kunst für alle Zeiten geweiht sind. Der Oberst und Elisabeth schwelgten in primitiven Fresken, in naiven Gobelins, in präraffaelitischen Märtyrern und Allegorien, der Leutnant aber stand ziemlich teilnahmslos umher und schien von allem, was er sah, ziemlich oder gründlich enttäuscht. Denn Otto von Schöttling war ein aus der Art geschlagener Schöttling und Bayer, dem wenig Kunstbegeisterung im Blute lag, der nicht als Aesthet, sondern als Beobachter reiste und obendrein noch das »Uns-kann-keiner-Gefühl« des jungen Neudeutschen mit sich trug und zur rechten Zeit laut werden ließ. Er sah überall Verlotterung, Faulheit, Schmutz und Unredlichkeit, wo Vater und Schwester malerische Wirkung und kindliche Harmlosigkeit erblickten, und erklärte bald, er hätte schon genug vom Bilderrummel, und der Geruch der Kanäle sei so entsetzlich, daß er ihn auf die Länge nicht aushalten könne. Erstaunt, ungläubig hörten der Oberst und Elisabeth, was er sagte, und begriffen ihn nicht, begriffen vor allem nicht, wieso sich gerade hier, in dieser märchenhaften Stadt eine so tiefe Verschiedenheit der Ansichten geltend machen konnte.
Dann bat wohl Elisabeth: »Geh', Papa, erzähl' ein wenig, wie alles war, wie Du zum erstenmal hier warst!«
Und der Oberst, der sich selbst gern der alten Zeiten erinnerte, fing an zu erzählen, wie schlecht damals, so ums Jahr 1875 herum, die Schiffe und wie lang die Fahrt gewesen, wie es in Venedig damals noch keine Wasserleitung und keine Vaporetti gegeben habe, sondern nur Ziehbrunnen und die schwarzen Gondeln, wie das alte Getto noch bestanden habe, starrend vor Schmutz, aber in den Tiefen seiner Trödlerläden seltene Altertümer bergend, wie die Straßen und Plätze kaum je gekehrt wurden und von Bettlern erfüllt waren, und wie er und der andere junge Dachs, mit dem er gereist war, an der Speisenkarte ihrer Trattoria gemächlich von den Preisen herunterhandeln konnten. Elisabeth hörte solche Geschichten vom früheren Venedig zu gern, der Leutnant aber meinte mit gönnerhaftem Lächeln:
»Donnerwetter, Papa, das muß eine schöne Wirtschaft gewesen sein und eine schöne Trattoria!«
Der Oberst entgegnete ruhig:
»Wir waren anspruchsloser als Ihr heutzutage! Ihr habt's besser und wollt's immer noch besser haben!«
Der Leutnant wurde rot und klein. So hatte er's ja nicht gemeint, er wollte den Vater ja nicht kränken und war doch weiß Gott für sich persönlich nicht anspruchsvoll. –
»Laß gut sein, ich weiß schon, wie Du es meinst! Elisabeth und ich, wir sind eben die Rasse von früher, und Ihr die neue. Wir beten noch an, was unsere Vorfahren angebetet haben, Ihr aber seid aus anderm Stoff und wollt selber Vorfahren sein!«
Sie verfolgten das Gespräch nicht weiter.