Elisabeth schüttelte den Kopf.
»Nein, so hab' ich es nicht gemeint. Ich möchte wissen, wie die Menschen in solchen Häusern wohnen, in denen sie immerfort von einer großen Tradition, von großen Erinnerungen umstellt sind! Ich denke, man muß sich eigentlich vorkommen, als ob man an eine Kette gebunden wäre, so daß man so leben muß oder wenigstens versucht so zu leben, wie alle die getan haben, durch deren Hände die Kette läuft. Ich denke mir, man hat da gar nie den Mut, man selbst zu sein, man versucht wohl immer unwillkürlich, ob man sich in den Stil oder in die Tradition einpaßt. Ich denke mir das traurig und beklemmend.«
Der Oberst sah auf die Menschen zurück, die eben aus dem Palazzo Morosini getreten waren und jetzt lachend und scherzend eine Gondel bestiegen.
»Das denkst Du Dir bloß aus! Schau' Dir die Menschen da an, ob sie beklemmt aussehen oder man ihnen zutraut, daß sie sich einer Tradition einfügen wollen. Es sind alles Italiener, vergiß das nicht! Sie wurzeln fester im Leben als wir, und die Vergangenheit hat über sie keine Macht –«
Elisabeth entgegnen nichts mehr. Ihre Gedanken gingen schon auf anderen Wegen. Sie liefen zurück zum Palazzo Priuli und zu dem Mann, der in der Rose ihre Wange gestreichelt hatte. Voll verwirrender Süße stürmten sie auf das Mädchen ein, bis ihr Gesicht nicht mehr verklärt aussah, wie an den Tagen vorher, sondern ernst und bewegt, so daß ihr Vater einmal fragte: »Liesel, an was denkst Du?«
»Ich denke an die ›Dogaressa‹,« entgegnete sie und log nicht einmal, da sie's sagte. Ja, sie dachte an das Bild, an den Palast, aber auch noch an den, in dem das Blut alter Herrscher floß. Er, sein Haus, sein Bild, seine Stadt gingen ineinander über, daß sie nicht mehr genau unterscheiden konnte, woran ihr Denken hing, daß sie nur eine Sehnsucht empfand, die sie zu gleicher Zeit erschreckte und beglückte, eine Sehnsucht, die die Arme weit ausbreitete, um etwas zu empfangen, dessen Namen sie noch nicht kannte oder sich noch nicht zu nennen traute. An diesem Tag und an andern, die ihm folgten, spürte Elisabeth erst wieder, daß sie jung und daß das Leben ihr noch alles schuldig geblieben war. Im Harm um ihre erste Liebe, in den kleinlichen Sorgen, durch die sie Jahr um Jahr mit den Eltern geschritten war, hatte sie's fast vergessen, war immer schon zufrieden gewesen, wenn keine Katastrophe die bescheidene Zufriedenheit ihres Elternhauses gestört hatte. Nun aber war's ihr, als stünde hier, in Venedig, irgendwo das Glück für sie bereit und hätte seinen Nachen an den weiß-blauen Pfählen des Palazzo Priuli festgebunden.
Während Ettore mit seiner dunkelroten Rose dahinfuhr, war er sehr zufrieden. Heute war er ohne jede Anstrengung der schöne Priuli, dessen Lächeln ganz Venedig kannte und in das die Frauen verliebt waren. Wie alle Tage, so machte er auch heute eine etwa einstündige Fahrt auf dem Canal Grande, denn wenn die elegante Welt Venedigs auch um diese Zeit hier nicht zu sehen war, so hielt Ettore es doch für unterhaltend und auch für klug, sich eben in dieser Stunde in das Fremdengewühl zu mischen. Er wußte ja, wie bestechend er in seiner malerischen Gondel wirkte, und er hatte noch immer, trotz verschiedener Fehlschläge, die Hoffnung nicht aufgegeben, daß sich eines Tages eine Milliardärin hier, auf dem Canal Grande, in ihn und seinen glänzenden Apparat verlieben würde. Früher wenigstens hatte er darauf gerechnet, ehe die Schöttlings in seinen Gesichtskreis getreten waren, jetzt hoffte er, vielleicht noch einmal der Gondel mit dem blonden Mädchen zu begegnen. Er war zufrieden mit sich und eigentlich schon glücklich. Was er auf dem Lido nur wie im Scherz, nur wie unter dem Eindruck einer Laune gesprochen hatte, schien, durch seltsame Zufälle begünstigt, Wirklichkeit werden zu wollen, eine Wirklichkeit, von der ein warmes Glücksgefühl auf ihn niederfloß. Warum ihm Elisabeth und ihr Besitz mit eins so teuer schien? In erster Linie natürlich ihrer großen Erbschaft wegen, denn obwohl die Priuli keine Kriege mehr führten, brauchten sie doch Geld, Geld und nochmal Geld. Seit Jahrzehnten und länger noch waren sie ja nur mehr Nachfahren, hatten niemals die Hände oder die Gedanken geregt, um selbständig zu erwerben, was ihnen große Ahnen hinterlassen hatten. Stolz und fröhlich hatten sie immer von dem gezehrt, was da war, so daß es jetzt Tage und Wochen gab, an denen die Familie nur von den Eintrittsgeldern der Galerie oder von Darlehen Carlo Priulis lebte, die allerdings karg bemessen waren, denn der Ingenieur war sparsam und ärgerte sich jedesmal, wenn er, der sich um seinen Verdienst redlich abmühte, die Hände der faulenzenden Verwandten füllen sollte.
Wohl besaßen die Priuli etliche Güter mit Weinbergen und Oelpressen in Friaul, aber da niemand sich um ihre Verwaltung bekümmerte, warfen sie nur einen kläglichen Pachtzins ab, und es schien unmöglich, für sie einen Käufer zu finden oder eine neue Hypothek, mit der man sie hätte belasten können.
Es war also wohl in erster Linie Elisabeths Reichtum, der Ettore anzog, aber noch anderes kam dazu. Das war: er hatte sich im Laufe der letzten Jahre schon mehrfach Körbe von reichen Mädchen geholt, so daß Miß Mauds Absage ihm nicht wie eine ungeahnte Ueberraschung, sondern mehr wie etwas leidig Gewohntes erschienen war. So seltsam es auf den ersten Blick auch scheinen mochte, daß ein Mann, der immerhin so viel Aeußerlichkeiten zu bieten hatte, als Freier ohne Glück war, so wurde dies doch verständlicher, sobald man Ettore und seine ganze Art näher kannte. Er war naiv und selbstsüchtig wie ein Kind, und wie ein Kind viel zu sehr mit sich und den tausend kleinen Süßigkeiten des Lebens beschäftigt, als daß er sich hätte ernsthaft zusammennehmen und all seine Anstrengung auf ein einziges Ziel richten können. Er konnte ganz hübsch aufschneiden, lügen und ein wenig Komödie spielen, aber heucheln, tiefgründig heucheln konnte er nicht. So war er, sobald er auf die Freite ging, ein primitiver Geldjäger, den jedes Mädchen nach zwei Tagen durchschaute, weil er eben ganz unfähig war, mit großen Gefühlsunwahrheiten oder täuschend gespielter Liebe zu manövrieren. Er überzeugte nur, wenn er selber überzeugt war, und darum hatte er es bisher wohl zu zahlreichen Liebschaften, aber noch zu keiner Braut gebracht. Die Freunde, die's gut mit ihm meinten, wie z. B. der junge Fürst Gaulo, sahen wohl mit Verwunderung, wie täppisch er war, und redeten ihm zu, seine Absichten doch mit etwas mehr Raffinement zu verbrämen. Ettore aber, der auch eigensinnig war wie ein Kind, lachte sie aus und hielt ihnen seine Lieblingsredensart entgegen, die er immer anwendete, gleichviel ob sie paßte oder nicht: »L'italia farà da sè.«
Mit seiner Naivität und seinem Egoismus spürte er jetzt, daß Elisabeth in ihm nicht nur den schönen Mann sah oder den gierigen Freier sehen würde, sondern noch etwas anderes, das er zwar nicht verstand, das ihm aber ihr gegenüber eine starke Ueberlegenheit lieh. Nicht bewußt, rein instinktiv fühlte er, daß dies Mädchen mit dem gütigen, verklärten Gesicht sich von seinem Egoismus würde ausbeuten und beherrschen lassen, daß sie bereit war, ihn und das, was sie in ihm sah, zu lieben, zu verwöhnen und anzubeten. Weil er wie ein Kind sich über Nichtigkeiten erzürnen oder freuen konnte, hatte er jetzt, da Miß Mauds Absage doch noch immer in ihm fortklang, ein Bedürfnis sich anzuschmiegen, sich verhätscheln zu lassen und von einer Frau, von einer wirklichen Frau, nicht von einem kleinen, liederlichen Mädel, zu hören, daß er ihr Schatz, ihr alles auf der Welt sei … Damals, auf dem Lido hatte er Elisabeth, wie sie verträumt übers Meer hinblickte, sofort als Phantastin erkannt, und wenn er selber auch keine Spur von Phantasie besaß, sondern immerfort mit beiden Füßen auf der Erde stand, so wußte er doch, was Phantasie wert sein kann, hauptsächlich für einen Realisten, der sich die Einbildungskraft eines Andern zunutze macht. Weil sie so anders war als die tückische Miß Maud, von der er damals gekommen war, hatte diese Deutsche sein Empfinden gerührt, hatte ihn immer mehr in ihren Bannkreis gezogen, daß er jetzt entschlossen war, sie zu heiraten, selbst wenn sie viel, viel weniger besaß als die Amerikanerin. Wenn sie auch nur eine halbe Million Mitgift bekam, wollte er schon zufrieden sein, obgleich sie, wenn sie im Freundeskreis auf dem Lido oder im Klub saßen, allesamt schworen, daß man unter 60 000 Lire Rente nichts anfangen könne …