Nirgends konnten wir eine Spur von menschlichen Wohnungen, nirgends den tröstlichen Schimmer eines Lichtes vom Ufer her gewahren. Vergebens strengten wir unsre Ohren an, das Plätschern des Ruders oder den willkommnen Klang einer menschlichen Stimme oder das Bellen eines Haushundes zu vernehmen, und hierdurch Gewißheit zu erlangen, daß wir die Nacht nicht in dem einsamen Walde zubringen würden.
Wir fürchteten jetzt, daß wir wirklich den Weg verloren. An einen Versuch, ohne Führer durch das wachsende Dunkel des Waldes in Aufsuchung der rechten Straße zurückzukehren, war nicht zu denken, denn diese war so undeutlich, daß wir uns bald in dem Dickicht verirrt haben würden. Das letzte Knarren der Wagen-Räder erstarb allmälig in unsern Ohren, das Fuhrwerk einzuhohlen würde uns unmöglich gewesen sein. Unter diesen Umständen bat mich mein Gatte, ruhig zu bleiben, wo ich war, während er sich selbst durch das dicht verschränkte Buschholz längs dem Ufer arbeitete, in der Hoffnung, eine Spur von dem Hause, welches wir suchten, und das, seiner Vermuthung nach, in der Nähe sein mußte, wahrscheinlich aber durch eine dichte Baum-Masse unsern Augen verborgen war, zu erblicken.
Als ich so, von den Schatten der Nacht umhüllt, schweigend im Walde zubrachte, wanderten meine Gedanken allmälig über den atlantischen Ocean zu meiner theuren Mutter, zu meiner alten Heimath zurück; ich dachte mir Ihre Gefühle, wenn sie mich in diesem Augenblick hätten sehen können, wie ich so einsam und in tiefem Schweigen auf dem alten bemoosten Steine in der waldigen Wildniß saß, viele hundert Meilen von allen jenen heiligen Banden der Blutsverwandtschaft, von jenen Scenen und Erinnerungen der Kindheit entfernt, welche die Heimath jedem so theuer machen. Es war ein Augenblick, der mich ganz die Wichtigkeit des Schrittes fühlen ließ, den ich gethan, als ich freiwillig das Loos eines Emigranten theilte — mein Geburtsland verließ, das ich aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersehen dürfte. Allein so groß das Opfer war, fühlte ich doch selbst in diesem Augenblick, in meiner seltsamen Lage, keine Reue, keine Entmuthigung. Heiliger Friede zog in mein Herz ein, beschwichtigte meine aufgeregten Gefühle und versetzte meinen Geist in eine Ruhe und Stille, die eben so ungetrübt und ungestört waren, wie die sich zu meinen Füßen ausbreitende Wasserfläche.
Meine Träumerei wurde durch das leichte Plätschern eines Ruders unterbrochen, und ein heller Lichtschein ließ mich einen über den See gleitenden Nachen erblicken. Nach wenigen Minuten grüßte mich eine wohlbekannte, freundliche Stimme, während die kleine Barke zwischen den Cedern gerade zu meinen Füßen angelegt wurde. Mein treuer Gefährte hatte einen vorspringenden Winkel des Ufers gewonnen und von da aus den willkommnen Schimmer des Holzfeuers in dem Log-Hause gesehn, nach einigen Schwierigkeiten war es ihm gelungen, die Aufmerksamkeit seiner Bewohner zu erregen. Man hatte daselbst die Hoffnung, daß wir an diesem Tage eintreffen würden, längst aufgegeben, und unser erstes Rufen und Pfeifen war fälschlich für das ferne Geläute von Kuhglocken im Walde genommen worden; dies war an dem Aufschub schuld, der uns in so große Verlegenheit gebracht hatte.
An dem hellen, auf dem Heerde des Log-Hauses, worin S— mit seiner Gattin recht bequem wohnte, lodernden Feuer, vergaßen wir bald unsre ermüdende Wanderung. Ich wurde der Dame vom Hause gebührender Maßen vorgestellt, und trotz allen Einwürfen von Seiten der zärtlichen und besorgten Mutter wurden drei schlummernde Kinder, eins nach dem andern, aus ihren Wiegen genommen und von dem stolzen und entzückten Vater den Gästen gezeigt.
Wir wurden mit jener Zuvorkommenheit und Innigkeit willkommen geheißen, die dem Herzen so wohlthätig ist, die Begrüßung war eben so aufrichtig als liebreich. Kein Mittel blieb unversucht, unsre einstweilige Einrichtung so bequem als möglich zu machen, und wenn sie auch der Eleganz entbehrte, woran wir in England gewöhnt gewesen, so fehlte es ihr doch nicht an ländlicher Behaglichkeit; jedenfalls war sie von der Art, wie sie sich Ansiedler ersten Ranges nur immer wünschen können, und gewiß sind viele derselben zu Anfange nicht halb so gut logirt gewesen, als wir es gegenwärtig sind.
In der That können wir uns glücklich schätzen, daß wir nicht sogleich die rohe Shanty zu beziehen brauchen, welche ich Ihnen als die einzige Wohnstätte auf unserm Grund und Boden geschildert habe. Diese Prüfung unsers Muthes hat uns S— gütig erspart, der durchaus darauf bestand, daß wir so lange unter seinem gastlichen Dache bleiben sollten, bis unser eignes Haus fertig und beziehbar sein würde. Hier also sind wir zur Zeit fixirt[31], wie sich die Canadier ausdrücken; und wenn ich auch manche kleine Bequemlichkeiten und Luxusgegenstände entbehre, so erfreue ich mich doch einer trefflichen Gesundheit und eines frischen Lebensmuthes, und fühle mich in der Gesellschaft meiner Umgebung wahrhaft glücklich.
Die Kinder sind bereits ganz in mich vernarrt. Sie haben meine Leidenschaft für Blumen entdeckt und suchen danach zwischen den Baumstummeln und längs dem Seeufer, um sie mir zu überbringen. Ich habe eine Sammlung angefangen, und obgleich die Jahreszeit schon weit vorgeschritten ist, so kann sich mein Herbarium doch mancher schönen Farnkräuter rühmen; desgleichen enthält es das gelbe canadische Veilchen, welches zweimal im Jahre, nämlich im Frühling und Herbst[32] blüht; zwei Herbst-Maßlieben, (Michaelmas daesies), wie man hier die strauchartigen Astern nennt, deren Varietäten sehr zierlich sind; und eine Ranke der Fichten-Guirlande (festoon pine), ein allerliebstes Immergrün mit kriechenden Stengeln, die drei bis vier Yards auf der Erde hinlaufen. Es sendet in Entfernungen von fünf bis sechs Zoll gerade, steife, grüne Stengel nach oben und gleicht hinsichtlich seiner dunkeln, glänzend grünen, spelzartigen Blätter einigen unsrer Haide-Arten. Die Amerikaner schmücken ihre Fenster und Spiegel mit Guirlanden von dieser Pflanze und den getrockneten Blumen der oben erwähnten Immortelle (life everlasting); wir nennen diese hübschen weißen und gelben Blumen Love everlasting (ewige Liebe). Auf meinen Wanderungen im Walde unfern des Hauses habe ich ein kriechendes Gewächs entdeckt, welches ziemliche Aehnlichkeit mit der Ceder hat und nicht unpassend mit dem Namen der kriechenden Ceder (ground or creeping cedar) bezeichnet werden könnte.
Da sehr Viel von der Flora dieser unangebauten Theile des Landes dem Naturkundigen unbekannt ist, und die Pflanzen ganz namenlos (?) sind, so nehme ich mir die Freiheit, ihnen nach Neigung oder Laune Namen zu geben. Allein indem ich von Pflanzen und Blumen schreibe, vergesse ich, daß Sie lieber von den Schritten hören dürften, die wir auf unserm Grundeigenthum gethan haben.
Mein Gatte hat Leute zum Aufschichten (log) des Holzes, das ist die Zusammenlegung der gefällten Bäume in Haufen und deren Verbrennung, so wie auch zur Lichtung eines Platzes für ein zu erbauendes Haus gemiethet. Er hat auch einen Vertrag mit einem jungen Ansiedler in der Nachbarschaft geschlossen, wonach dieser sich anheischig macht, unsre künftige Wohnung für eine bestimmte Summe, einem bestimmten Plan gemäß, von außen und innen völlig in Stand zu setzen. Wir werden indeß »die Biene« rufen und für alles sorgen, was zur Unterhaltung unsers würdigen Bienenstocks erforderlich ist. Nun müssen Sie wissen daß eine Biene in amerikanischer Sprechweise oder Phraseologie, jene freundschaftliche Vereinigung von Nachbarn bedeutet, die nach erhaltener Aufforderung sich versammeln, um die Wände eines Hauses, einer Shanty, Scheune oder irgend eines andern Gebäudes aufzurichten: dies ist eine »aufrichtende Biene,« (raising bee). Außerdem giebt es logging bees, welche die gefällten Bäume zusammenschichten und verbrennen; husking bees, die von den Stämmen die Rinde abschälen; chopping bees, welche den Boden lichten, u. s. w. Die Beschaffenheit der zu verrichtenden Arbeit giebt der Biene den Namen. In den volkreichen, seit langer Zeit angebauten Distrikten findet dieses Verfahren nur selten statt, allein es ist von großem Nutzen und für neue Ansiedler in abgelegnen Stadtbezirken, wo die Arbeitslöhne verhältnißmäßig hoch und Arbeiter schwer zu erlangen sind, unentbehrlich.