Es sollten wohl möglich viele Beispiele angeführt werden, um zu zeigen, wie im Natur-Zustande ein gewisser Grad von Abänderung in den Instinkten und die Erblichkeit solcher Abänderungen zur Thätigkeit der Natürlichen Züchtung unerlässlich ist, aber Mangel an Raum hindert mich es zu thun. Ich kann bloss versichern, dass Instinkte gewiss variiren, wie z. B. der Wander-Instinkt nach Ausdehnung und Richtung variiren oder auch ganz aufhören kann. So ist es mit den Nestern der Vögel, welche theils je nach der dafür gewählten Stelle, nach den Natur- und Wärme-Verhältnissen der bewohnten Gegend, aber auch oft aus ganz unbekannten Ursachen abändern. So hat AUDUBON einige sehr merkwürdige Fälle von Verschiedenheiten in den Nestern derselben Vogel-Arten, je nachdem sie im Norden oder im Süden der Vereinten Staaten leben, mitgetheilt. Warum, hat man gefragt, hat die Natur der Biene, wenn Instinkt veränderlich ist, nicht die Fähigkeit ertheilt, andre Materialien da zu benützen, wo Wachs fehlt? Aber welche andre Materialien könnten die Bienen benützen. Ich habe gesehen, dass sie mit Kochenille und mit Fett versetztes Wachs gebrauchen und verarbeiten. ANDREW KNIGHT sah seine Bienen, statt emsig Pollen einzusammeln, ein Zäment aus Wachs und Terpentin gebrauchen, womit entrindete Bäume überstrichen worden waren. Endlich hat man kürzlich Bienen beobachtet, die, statt Blüthen um ihres Samenstaubes willen aufzusuchen, gerne eine ganz verschiedene Substanz, nämlich Hafermehl verwendeten. — Furcht vor irgend einem besondren Feinde ist gewiss eine instinktive Eigenschaft, wie man bei den noch im Neste sitzenden Vögeln zu erkennen Gelegenheit hat, obwohl sie durch Erfahrung und durch die Wahrnehmung von Furcht vor demselben Feinde bei anderen Thieren noch verstärkt wird. Thiere auf abgelegenen kleinen Eilanden fürchten sich nicht vor den Menschen und lernen, wie ich anderwärts gezeigt habe, ihn nur langsam fürchten; und so nehmen wir auch in England selbst wahr, dass die grossen Vögel, weil sie vom Menschen mehr verfolgt werden, sich viel mehr vor ihm fürchten, als die kleinen. Wir können die stärkere Scheuheit grosser Vögel getrost dieser Ursache zuschreiben, denn auf von Menschen unbewohnten Inseln sind die grossen nicht scheuer als die kleinen; und die Elster, so furchtsam in England, ist in Norwegen eben so zahm als die Krähe (Corvus cornix) in Ägypten.
Dass die Gemüthsart der Individuen einer Spezies im Allgemeinen, auch wenn sie in der freien Natur geboren sind, äusserst manchfaltig seye, kann mit vielen Thatsachen belegt werden. Auch liessen sich bei einigen Arten Beispiele von zufälligen und fremdartigen Gewohnheiten anführen, die, wenn sie der Art nützlich wären, durch Natürliche Züchtung zu ganz neuen Instinkten Veranlassung werden könnten. Ich weiss wohl, dass diese allgemeinen Behauptungen, ohne einzelne Thatsachen zum Belege, nur einen schwachen Eindruck auf den Geist des Lesers machen werden, kann jedoch nur meine Versicherung wiederholen, dass ich nicht ohne gute Beweise so spreche.
Die Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkeit Abänderungen des Instinktes im Natur-Zustande zu vererben wird durch Betrachtung einiger Fälle bei gezähmten Thieren noch stärker hervortreten. Wir werden dadurch auch zu sehen in den Stand gesetzt, welchen vergleichungsweisen Einfluss Gewöhnung und die Züchtung sogenannter zufälliger Abweichungen auf die Abänderung der Geistes-Fähigkeiten unsrer Hausthiere ausgeübt haben. Es lässt sich eine Anzahl sonderbarer und verbürgter Beispiele anführen von der Vererblichkeit aller Abschattungen der Gemüthsart, des Geschmacks oder der Neigung zu den sonderbarsten Streichen in Verbindung mit Zeichen von Geist oder mit gewissen periodischen Bedingungen. Bekannte Belege dafür liefern uns die verschiedenen Hunde-Rassen. So unterliegt es keinem Zweifel (und ich habe selbst einen schlagenden Fall der Art gesehen), dass junge Vorstehehunde zuweilen vor andern Hunden anziehen, wenn sie das erstemal mit hinausgenommen werden. So ist das Aufstöbern der Feldhühner gewiss oft erblich bei Hunden der vorzugsweise dazu gebrauchten Rasse, wie junge Schäferhunde geneigt sind die Heerde zu umkreisen statt nebenher zu laufen. Ich kann nicht sehen, dass diese Handlungen wesentlich von denen des Instinktes verschieden sind; denn die jungen Hunde handeln ohne Erfahrung, einer fast wie der andre in derselben Rasse, und ohne den Zweck des Handelns zu kennen. Denn der junge Vorstehehund weiss noch eben so wenig, dass er durch sein Stehen den Absichten seines Herrn dient, als der Kohlschmetterling weiss, warum er seine Eier auf ein Kohl-Blatt legt. Wenn wir eine Art Wolf sähen, welcher noch jung und ohne Abrichtung bei Witterung seiner Beute bewegungslos wie eine Bildsäule stehen bliebe und dann mit eigenthümlicher Haltung langsam auf sie hinschliche, oder eine andre Art Wolf, welche, statt auf einen Rudel Hirsche zuzuspringen, dasselbe umkreiste und so nach einem entfernten Punkte triebe, so würden wir dieses Verhalten gewiss dem Instinkte zuschreiben. Zahme Instinkte, wie man sie nennen könnte, sind gewiss viel weniger fest und unveränderlich als die natürlichen; denn sie sind durch viel minder strenge Züchtung ausgeprägt und eine bei weitem kürzere Zeit hindurch unter minder steten Lebens-Bedingungen vererbt worden.
Wie streng diese „zahmen Instinkte“, Gewohnheiten und Neigungen vererbt werden und wie wundersam sie sich zuweilen mischen, zeigt sich ganz wohl, wenn verschiedene Hunde-Rassen miteinander gekreutzt werden. So ist eine Kreutzung mit Bullbeissern auf viele Generationen hinaus auf den Muth und die Beharrlichkeit des Windhundes von Einfluss gewesen, und eine Kreutzung mit dem Wind-Hunde hat auf eine ganze Familie von Schäferhunden die Neigung übertragen Hasen zu verfolgen. Diese zahmen Instinkte, auf solche Art durch Kreutzung erprobt, gleichen natürlichen Instinkten, welche sich in ähnlicher Weise sonderbar mit einander verbinden, so dass sich auf lange Zeit hinaus Spuren des Instinktes beider Ältern erhalten. So beschreibt LE ROY einen Hund, dessen Grossvater ein Wolf war; dieser Hund verrieth die Spuren seiner wilden Abstammung nur auf eine Weise, indem er nämlich, wenn er von seinem Herrn gerufen wurde, nie in gerader Richtung auf ihn zukam.
Zahme Instinkte werden zuweilen bezeichnet als Handlungen, welche bloss durch eine lang-fortgesetzte und erzwungene Gewohnheit erblich werden; ich glaube aber, dass Diess nicht richtig ist. Gewiss hat niemals jemand daran gedacht oder versucht, der Purzeltaube das Purzeln zu lehren, was meines Wissens auch schon junge Tauben thun, welche nie andere purzeln gesehen haben. Man kann sich denken, dass einmal eine einzelne Taube Neigung zu dieser sonderbaren Bewegungs-Weise gezeigt habe und dass dann in Folge sorgfältiger und lang-fortgesetzter Züchtung aus ihr die Purzler allmählich das geworden, was sie jetzt sind; und wie ich von Herrn BRENT vernehme, gibt es bei Glasgow Haus-Purzler, welche nicht 18 Zolle weit fliegen können, ohne sich einmal kopfüber zu bewegen. Eben so ist es schwer zu bezweiflen, ob jemals irgend jemand daran gedacht habe, einen Hund zum Vorstehen abzurichten, hätte nicht etwa ein Individuum von selbst eine Neigung verrathen es zu thun, und man weiss, dass Diess zuweilen vorkommt, wie ich selbst einmal an einem Dachshund beobachtete; das „Stehen“ ist wohl, wie Manche gedacht haben, nur eine verstärkte Pause eines Thieres, das sich in Bereitschaft setzt, auf seine Beute einzuspringen. Hatte sich ein erster Anfang des Stehens einmal gezeigt, so mögen methodische Züchtung und die erbliche Wirkung zwangsweiser Abrichtung in jeder nachfolgenden Generation das Werk bald vollendet haben: und unbewusste Züchtung ist immer in Thätigkeit, da jedermann, wenn auch ohne die Absicht eine verbesserte Rasse zu bilden, sich gerne die Hunde verschafft, welche am besten vorstehen und jagen. Anderseits hat auch Gewohnheit in einigen Fällen genügt. Kaum ist in der Regel ein Thier schwerer zu zähmen als das Junge des wilden Kaninchens, und kein Thier zahmer als das Junge des zahmen Kaninchens; und doch kann ich kaum glauben, dass die Haus-Kaninchen auf Zahmheit gezüchtet worden sind, sondern vermuthe vielmehr, dass wir die gesammte erbliche Veränderung von äusserster Wildheit bis zur äussersten Zahmheit einzig der Gewohnheit und lange fortgesetzten engen Gefangenschaft zuzuschreiben haben. Demungeachtet können, wie der Französische Übersetzer dieses Buches bemerkt hat, gerade die zahmsten Kaninchen, weil am wenigsten lästig, am öftesten erhalten worden seyn, so dass mithin auch in diesem Falle Züchtung mit ins Spiel gekommen wäre.
Natürliche Instinkte gehen in der Gefangenschaft verloren; ein merkwürdiges Beispiel davon sieht man bei denjenigen Geflügel-Rassen, welche selten oder nie „brütig“ werden[26], d. h. nie auf ihren Eiern zu sitzen verlangen. Die tägliche Gewöhnung daran allein verhindert uns zu sehen, in wie hohem Grade und wie allgemein die geistigen Fähigkeiten unsrer Hausthiere durch Zähmung verändert worden sind. Man kann kaum daran zweifeln, dass die Liebe des Menschen als Instinkt auf den Hund übergegangen ist. Alle Wölfe, Füchse, Schakals und Katzen-Arten sind, wenn man sie gezähmt hält, sehr begierig Geflügel, Schaafe und Schweine anzugreifen, und dieselbe Neigung hat sich unheilbar auch bei solchen Hunden gezeigt, welche man jung aus Gegenden zu uns gebracht hat, wo wie im Feuerlande und in Australien die Wilden jene Hausthiere nicht halten. Und wie selten ist es auf der andern Seite nöthig, unsren zivilisirten Hunden, selbst wenn sie noch jung sind, die Angriffe auf jene Thiere abzugewöhnen. Allerdings machen sie manchmal einen solchen Angriff und werden dann geschlagen und, wenn Das nicht hilft, endlich weggeschafft, — so dass Gewohnheit und wahrscheinlich einige Züchtung zusammengewirkt haben, unsren Hunden ihre erbliche Zivilisation beizubringen. Andrerseits haben junge Hühnchen, ganz in Folge von Gewöhnung, die Furcht vor Hunden und Katzen verloren, welche sie zweifelsohne nach ihrem ursprünglichen Instinkte besessen; denn ich erfahre von Capt. HUTTON, dass die jungen vom Ostindischen Stammvater dieser Art (Gallus Bankiva), wenn sie auch von einer gewöhnlichen Henne ausgebrütet worden, anfangs ausserordentlich wild sind. Und so ist es auch mit den jungen Phasanen aus Eiern, die man in England von einem Haushuhn hat ausbrüten lassen. Und doch haben die Hühnchen keineswegs alle Furcht verloren, sondern nur die Furcht vor Hunden und Katzen; denn sobald die Henne ihnen durch Glucken eine Gefahr anmeldet, laufen alle (zumal junge Welschhühner), um sich unter ihren Schutz zu begehen, oder um sich im Grase und Dickicht umher zu verbergen, Letztes offenbar in der instinktiven Absicht, wie wir bei wilden Boden-Vögeln sehen, um ihrer Mutter möglich zu machen davon zu fliegen. Freilich ist dieser bei unseren jungen Hühnchen zurückgebliebene Instinkt im gezähmten Zustande ganz nutzlos, weil die Mutter-Henne das Flug-Vermögen durch Nichtgebrauch gewöhnlich eingebüsst hat.
Daraus lässt sich schliessen, dass zahme Instinkte erworben worden und wilde Instinkte verloren gegangen sind, theils durch eigne Gewohnheit und theils durch die Einwirkung des Menschen, welche viele aufeinander-folgende Generationen hindurch eigenthümliche geistige Neigungen und Fähigkeiten, die uns in unsrer Unwissenheit anfangs nur ein sogenannter Zufall geschienen, durch Züchtung gehäuft und gesteigert hat. In einigen Fällen hat erzwungene Gewöhnung genügt, um solche erbliche Veränderung geistiger Eigenschaften zu bewirken; in andern ist durch Zwangs-Zucht nichts ausgerichtet und Alles nur durch unbewusste oder methodische Züchtung bewirkt worden; in den meisten Fällen aber haben beide wahrscheinlich zusammengewirkt.
Nähere Betrachtung einiger wenigen Beispiele wird vielleicht am besten geeignet seyn es begreiflich zu machen, wie Instinkte im Natur-Zustande durch Züchtung modifizirt worden sind. Ich will aus der grossen Anzahl derjenigen, welche ich gesammelt und in meinem späteren Werke zu erörtern haben werde, nur drei Fälle hervorheben, nämlich den Instinkt, welcher den Kuckuck treibt seine Eier in fremde Nester zu legen, den Instinkt der Ameisen Sklaven zu machen, und den Zellenbau-Trieb der Honig-Bienen; die zwei zuletzt genannten sind von den Naturforschern wohl mit Recht als die zwei wunderbarsten aller bekannten Instinkte bezeichnet worden.
Man nimmt jetzt gewöhnlich an, die unmittelbare und die Grund-Ursache für den Instinkt des Kuckucks seine Eier in fremde Nester zu legen beruhe darin, dass dieselben der Reihe nach nicht täglich, sondern erst jeden zweiten oder dritten Tag zur Reife kommen, so dass, wenn der Kuckuck sein eignes Nest zu bauen und auf seinen eignen Eiern zu sitzen hätte, die ersten Eier entweder eine Zeitlang unbebrütet bleiben oder Eier und junge Vögel von verschiedenem Alter im nämlichen Neste zusammen kommen müssten[27]. Wäre Diess so der Fall, so müssten allerdings die Prozesse des Legens und Ausschlüpfens unangemessen lang währen, und die zuerst ausgeschlüpften jungen Vögel wahrscheinlich vom Männchen allein aufgefüttert werden. Allein der Amerikanische Kuckuck findet sich in derselben Lage, und doch macht er sein eignes Nest und legt seine Eier nach-einander hinein, und seine Jungen schlüpfen gleichzeitig aus. Man hat zwar versichert, auch der Amerikanische Kuckuck lege zuweilen seine Eier in fremde Nester, aber nach Dr. Brewer’s verlässiger Gewährschaft in diesen Dingen ist es ein Irrthum. Demungeachtet könnte ich noch mehre andre Beispiele von Vögeln anführen, die ihre Eier zuweilen in fremde Nester legen. Nehmen wir nun an, der Stamm-Vater unsres Europäischen Kuckucks habe die Gewohnheiten des Amerikanischen gehabt, doch zuweilen ein Ei in das Nest eines andren Vogels gelegt. Wenn der alte Vogel von diesem gelegentlichen Brauche Vortheil hatte, oder der junge durch den fehlgreifenden Instinkt einer fremden Mutter kräftiger wurde, als er unter der Sorge seiner eignen Mutter geworden seyn würde, weil diese mit der gleichzeitigen Sorge für Eier und Junge von verschiedenem Alter überladen gewesen wäre und von selbst in sehr zartem Alter schon hätte wandern müssen; so gewann entweder der Alte oder das auf fremde Kosten gepflegte Junge dabei. Der Analogie nach möchte ich dann glauben, dass als Folge der Erblichkeit das so aufgeatzte Junge mehr geneigt seye, die zufällige und abweichende Handlungsweise seiner Mutter nachzuahmen, auch seine Eier in fremde Nester zu legen und so kräftigere Nachkommen zu erlangen. Durch einen fortgesetzten Prozess dieser Art könnte nach meiner Meinung der wunderliche Instinkt des Kuckucks entstanden seyn. Ich will jedoch noch beifügen, dass nach Dr. GRAY u. e. a. Beobachtern der Europäische Kuckuck doch keineswegs alle mütterliche Liebe und Sorge für seine eignen Sprösslinge verloren hat.
Der Brauch seine Eier gelegentlich in fremde Nester von derselben oder einer andern Spezies zu legen, ist unter den Hühner-artigen Vögeln nicht ganz ungewöhnlich; und Diess erklärt vielleicht die Entstehung eines eigenthümlichen Instinktes in der benachbarten Gruppe der Strauss-artigen Vögel. Denn mehre Strauss-Hennen wenigstens von der Amerikanischen Art vereinigen sich, um zuerst einige Eier in ein Nest und dann in ein andres zu legen; und diese werden von den Männchen ausgebrütet. Man wird zu Erklärung dieser Gewohnheit wahrscheinlich die Thatsache mit in Betracht ziehen, dass diese Hennen eine grosse Anzahl von Eiern und zwar in Zwischenräumen von zwei bis drei Tagen legen. Jedoch ist jene Gewohnheit beim Amerikanischen Strausse noch nicht sehr entwickelt; denn es liegt dort auch noch eine so erstaunliche Menge von Eiern über die Ebene zerstreut, dass ich auf der Jagd an einem Tage nicht weniger als 20 verlassener und verdorbener Eier aufzunehmen im Stand war.