Doch kehren wir zur Vergleichung zwischen Blendlingen und Bastarden zurück. GÄRTNER behauptet, dass Blendlinge mehr als Bastarde geneigt seyen, wieder in eine der älterlichen Formen zurückzuschlagen; doch ist dieser Unterschied, wenn er richtig, gewiss nur ein stufenweiser. GÄRTNER legt ferner Nachdruck darauf, dass, wenn zwei obgleich nahe mit einander verwandte Arten mit einer dritten gekreutzt werden, deren Bastarde doch weit auseinander weichen, während, wenn zwei sehr verschiedene Varietäten einer Art mit einer andern Art gekreutzt werden, deren Blendlinge unter sich nicht sehr verschieden sind. Dieses Ergebniss ist jedoch so viel ich zu ersehen im Stande bin, nur auf einen einzigen Versuch gegründet und scheint den Erfahrungen geradezu entgegengesetzt zu seyn, welche KÖLREUTER bei mehren Versuchen gemacht hat.

Diess sind allein die an sich unwesentlichen Verschiedenheiten, welche GÄRTNER zwischen Bastarden und Blendlingen der Pflanzen auszumitteln im Stande gewesen ist. Aber auch die Ähnlichkeit der Bastarde und Blendlinge, und insbesondere die von nahe verwandten Arten entsprungenen Bastarde mit ihren Ältern folgt nach GÄRTNER den nämlichen Gesetzen. Wenn zwei Arten gekreutzt werden, so zeigt zuweilen eine derselben ein überwiegendes Vermögen eine Ähnlichkeit mit ihr dem Bastarde aufzuprägen, und so ist es, wie ich glaube, auch mit Pflanzen-Varietäten. Bei Thieren besitzt gewiss oft eine Varietät dieses überwiegende Vermögen über eine andre. Die beiderlei Bastard-Pflanzen aus einer Wechselkreutzung gleichen einander gewöhnlich sehr, und so ist es auch mit den zweierlei Blendlingen aus Wechselkreutzungen. Bastarde sowohl als Blendlinge können wieder in jede der zwei älterlichen Formen zurückgeführt werden, wenn man sie in aufeinander-folgenden Generationen wiederholt mit der einen ihrer Stamm-Formen kreutzt.

Diese verschiedenen Bemerkungen lassen sich offenbar auch auf Thiere anwenden; doch wird hier der Gegenstand ausserordentlich verwickelt, theils in Folge vorhandener sekundärer Sexual-Charaktere und theils insbesondere in Folge des gewöhnlich bei einem von beiden Geschlechtern überwiegenden Vermögens sein Bild dem Nachkommen aufzuprägen, eben sowohl wo es sich um die Kreutzung von Arten, als dort, wo es sich um die von Varietäten unter einander handelt. So glaube ich z. B., dass diejenigen Schriftsteller Recht haben, welche behaupten, der Esel besitze ein solches Übergewicht über das Pferd, in dessen Folge sowohl Maulesel als Maulthier mehr dem Esel als dem Pferde glichen; dass jedoch dieses Übergewicht noch mehr bei dem männlichen als dem weiblichen Esel hervortrete, daher der Maulesel als der Bastard von Esel-Hengst und Pferde-Stute dem Esel mehr als das Maulthier gleiche, welches das Pferd zum Vater und eine Eselin zur Mutter hat.

Einige Schriftsteller haben viel Gewicht darauf gelegt, dass es unter den Thieren nur bei Blendlingen vorkomme, dass solche einem ihrer Ältern ausserordentlich ähnlich seyen; doch lässt sich nachweisen, dass Solches auch bei Bastarden, wenn gleich seltener als bei Blendlingen, der Fall ist. Was die von mir gesammelten Fälle von einer Kreutzung entsprungenen Thieren betrifft, die einem der zwei Ältern sehr ähnlich gewesen, so scheint sich diese Ähnlichkeit vorzugsweise auf in ihrer Art monströse und plötzlich aufgetretene Charaktere zu beschränken, wie Albinismus, Melanismus, Mangel der Hörner, Fehlen des Schwanzes und Überzahl der Finger und Zehen, daher sie keinen Zusammenhang mit den durch Züchtung langsam entwickelten Merkmalen haben. Demzufolge werden auch Fälle plötzlicher Rückkehr zu einem der zwei älterlichen Typen bei Blendlingen vorkommen, welche von oft plötzlich entstandenen und ihrem Charakter nach halb-monströsen Varietäten abstammen, als bei Bastarden, die von langsam und auf natürliche Weise gebildeten Arten herrühren. Im Ganzen aber bin ich der Meinung von Dr. PROSPER LUCAS, welcher nach der Musterung einer ungeheuren Menge von Thatsachen bei den Thieren zu dem Schlusse gelangt, dass die Gesetze der Ähnlichkeit zwischen Kindern und Ältern die nämlichen sind, ob beide Ältern mehr oder ob sie weniger von einander abweichen, ob sie einer oder ob sie verschiedenen Varietäten oder ganz verschiedenen Arten angehören.

Von der Frage über Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit abgesehen, scheint sich in allen andern Beziehungen eine grosse Ähnlichkeit des Verhaltens zwischen Bastarden und Blendlingen zu ergeben. Bei der Annahme, dass die Arten einzeln erschaffen und die Varietäten erst durch sekundäre Gesetze entwickelt worden seyen, müsste ein solches ähnliches Verhalten als eine äusserst befremdende Thatsache erscheinen. Geht man aber von der Ansicht aus, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Arten und Varietäten gar nicht vorhanden seye, so steht es vollkommen mit derselben im Einklang.

Zusammenfassung des Kapitels.) Erste Kreutzungen sowohl zwischen genügend unterschiedenen Formen, um für Varietäten zu gelten, wie zwischen ihren Bastarden sind sehr oft, aber nicht immer unfruchtbar. Diese Unfruchtbarkeit findet in allen Abstufungen statt und ist oft so unbedeutend, dass die zwei erfahrensten Experimentisten, welche jemals gelebt, zu mitunter schnurstracks entgegengesetzten Folgerungen gelangten, als sie die Formen darnach ordnen wollten. Die Unfruchtbarkeit ist von angeborener Veränderlichkeit bei Individuen einer nämlichen Art, und für günstige und ungünstige Einflüsse ausserordentlich empfänglich. Der Grad der Unfruchtbarkeit richtet sich nicht genau nach systematischer Affinität, sondern ist von einigen eigenthümlichen und verwickelten Gesetzen abhängig. Er ist gewöhnlich ungleich und oft sehr ungleich bei Wechselkreutzung der nämlichen zwei Arten. Er ist nicht immer von gleicher Stärke bei einer ersten Kreutzung und den daraus entspringenden Nachkommen.

In derselben Weise, wie beim Zweigen der Bäume die Fähigkeit einer Art oder Varietät bei andern anzuschlagen mit meistens ganz unbekannten Verschiedenheiten in ihren vegetativen Systemen zusammenhängt, so ist bei Kreutzungen die grössere oder geringere Leichtigkeit einer Art sich mit der andern zu befruchten von unbekannten Verschiedenheiten in ihren Reproduktions-Systemen veranlasst. Es ist daher nicht mehr Grund anzunehmen, dass von der Natur einer jeden Art ein verschiedener Grad von Sterilität in der Absicht ihr gegenseitiges Durchkreutzen und Ineinanderlaufen zu verhüten besonders eingebunden worden seye, — als Ursache vorhanden ist anzunehmen, dass jeder Holzart ein verschiedener und etwas analoger Grad von Schwierigkeit beim Verpropfen auf andern Arten anzuschlagen eingebunden worden seye, um zu verhüten, dass sich nicht alle in unsern Wäldern aufeinander-propfen.

Die Sterilität der ersten Kreutzungen zwischen reinen Arten mit vollkommenen Reproduktiv-Systemen scheint von verschiedenen Ursachen abzuhängen: in einigen Fällen meistens von frühzeitigem Verderben des Embryos. Die Unfruchtbarkeit der Bastarde mit unvollkommenem Reproduktions-Systeme und derjenigen wo dieses System so wie die ganze Organisation durch Verschmelzung zweier Arten in eine gestört worden ist, scheint nahe übereinzukommen mit derjenigen Sterilität, welche so oft auch reine Spezies befällt, wenn ihre natürlichen Lebens-Bedingungen gestört worden sind. Diese Betrachtungs-Weise wird noch durch einen Parallelismus andrer Art unterstützt, indem nämlich die Kreutzung nur wenig von einander abweichender Formen die Kraft und Fruchtbarkeit der Nachkommenschaft befördert, wie geringe Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen für Gesundheit und Fruchtbarkeit aller organischen Wesen vortheilhaft sind. Es ist nicht überraschend, dass der Grad der Schwierigkeit zwei Arten mit einander zu befruchten und der Grad der Unfruchtbarkeit ihrer Bastarde einander im Allgemeinen entsprechen, obwohl sie von verschiedenen Ursachen herrühren; denn beide hängen von dem Maasse irgend welcher Verschiedenheit zwischen den gekreutzten Arten ab. Eben so ist es nicht überraschend, dass die Leichtigkeit eine erste Kreutzung zu bewirken, die Fruchtbarkeit der daraus entsprungenen Bastarde und die Fähigkeit wechselseitiger Aufeinanderpropfung, obwohl diese letzte offenbar von weit verschiedenen Ursachen abhängt, alle bis zu einem gewissen Grade parallel gehen mit der systematischen Verwandtschaft der Formen, welche bei den Versuchen in Anwendung gekommen; denn „systematische Affinität“ bezweckt alle Sorten von Ähnlichkeiten zwischen den Spezies auszudrücken.

Erste Kreutzungen zwischen Formen, die als Varietäten gelten oder doch genügend von einander verschieden sind um dafür zu gehen, und ihre Blendlinge sind zwar gewöhnlich, aber nicht (wie so oft irrthümlich behauptet worden) ohne Ausnahme fruchtbar. Doch ist diese gewöhnliche und vollkommene Fruchtbarkeit nicht befremdend, wenn wir uns erinnern, wie leicht wir hinsichtlich der Varietäten im Natur-Zustande in einen Zirkelschluss gerathen, und wenn wir uns ins Gedächtniss rufen, dass die grössre Anzahl der Varietäten durch Kultur mittelst Züchtung bloss nach äusseren Verschiedenheiten und nicht nach solchen im Reproduktiv-System hervorgebracht worden sind. In allen andren Beziehungen, ausser der Fruchtbarkeit, ist eine allgemein sehr grosse Ähnlichkeit zwischen Bastarden und Blendlingen. Endlich scheinen mir die in diesem Kapitel kürzlich aufgezählten Thatsachen, trotz unsrer völligen Unbekanntschaft mit den wirklichen Ursachen der Unfruchtbarkeit nicht im Widerspruch, sondern in mehrfacher Hinsicht im Einklang zu stehen mit der Ansicht, dass es keinen gründlichen Unterschied zwischen Arten und Varietäten gibt.

Neuntes Kapitel.
Unvollkommenheit der Geologischen Überlieferungen.