Was die fast allgemeine Unfruchtbarkeit der Arten bei ihrer Kreutzung anbelangt, die einen so merkwürdigen Gegensatz zur fast allgemeinen Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten bildet, so muss ich den Leser auf die am Ende des achten Kapitels gegebene Zusammenfassung der Thatsachen verweisen, welche mir entscheidend genug zu seyn scheinen um darzuthun, dass diese Unfruchtbarkeit in nicht höherem Grade eine angeborne Eigenthümlichkeit bildet, als die Schwierigkeit zwei Baum-Arten aufeinander zu propfen; sondern dass sie zusammenfalle mit der Verschiedenheit der Lebensthätigkeit im Reproduktiv-Systeme der gekreutzten Arten. Wir finden die Bestätigung dieser Annahme in der weiten Verschiedenheit der Ergebnisse, wenn die nämlichen zwei Arten wechselseitig von einander befruchtet werden, d. h. wenn eine Stelle zuerst als Vater und dann als Mutter erscheint.

Obwohl die Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten und ihrer Blendlinge von so vielen Autoren als allgemein bezeichnet worden ist, so kann Diess doch nach den von GÄRTNER und KÖLREUTER mitgetheilten Thatsachen nicht als richtig gelten. Auch kann uns ihre sehr häufige Fruchtbarkeit nicht überraschen, wenn wir bedenken, dass es nicht aussieht, als ob ihre Konstitutionen überhaupt oder ihre Reproduktiv-Systeme sehr angegriffen worden seyen. Überdiess sind die meisten zu Versuchen benützten Abarten aus Kultur der Arten hervorgegangen, und da die Kultur die Unfruchtbarkeit offenbar zu vermindern strebt, so dürfen wir nicht erwarten, dass sie Unfruchtbarkeit irgendwo veranlasse.

Die Unfruchtbarkeit der Bastarde ist eine von der der ersten Kreutzung sehr verschiedene Erscheinung, da ihre Reproduktiv-Organe mehr oder weniger unfähig zur Verrichtung sind, während sich bei den ersten Kreutzungen die beiderseitigen Organe in vollkommenem Zustande befinden. Da wir Organismen aller Art durch Störung ihrer Konstitution unter nur wenig abweichenden Lebens-Bedingungen fortwährend mehr und weniger steril werden sehen, so dürfen wir uns nicht wundern, dass Bastarde weniger fruchtbar sind; denn ihre Konstitution kann als durch Verschmelzung zweier verschiedenen Organisationen kaum anders gelitten haben. Dieser Parallelismus wird noch durch eine andre parallele aber gerade entgegengesetzte Klasse von Erscheinungen unterstützt: dass nämlich die Kraft-Entwickelung und Fruchtbarkeit aller Organismen durch geringen Wechsel in ihren Lebens-Bedingungen zunimmt und dass die Nachkommen wenig modifizirter Formen oder Abarten durch die Kreutzung an Kraft und Fruchtbarkeit gewinnen. Ebenso vermindern einerseits beträchtliche Veränderungen in den Lebens-Bedingungen und Kreutzungen zwischen sehr verschiedenen Formen die Fruchtbarkeit, wie anderseits geringere Veränderungen dieselbe zwischen nur wenig abgeänderten Formen vermehren.

Wenden wir uns zur geographischen Verbreitung, so erscheinen auch da die Schwierigkeiten für die Theorie der Fortpflanzung mit fortwährender Abänderung erheblich genug. Alle Individuen einer Art und alle Arten einer Sippe oder selbst noch höherer Gruppen müssen von gemeinsamen Ältern herkommen; wesshalb sie, wenn auch noch so weit zerstreut und isolirt in der Welt, im Laufe aufeinander-folgender Generationen aus einer Gegend in die andre gewandert seyn müssen. Wir sind oft ganz ausser Stand auch nur zu vermuthen, auf welche Weise Diess geschehen seyn möge. Da wir jedoch anzunehmen berechtigt sind, dass einige Arten die nämliche spezifische Form während ungeheuer langen Perioden, in Jahren gemessen, beibehalten haben, so darf man kein allzu grosses Gewicht auf die gelegentliche weite Verbreitung einer Spezies legen; denn während solcher ausserordentlich langer Zeit-Perioden wird sie auch zu weiter Verbreitung irgend welche Mittel gefunden haben. Eine durchbrochene oder zerspaltene Gruppe lässt sich oft durch Erlöschen der vermittelnden Arten erklären. Es ist nicht zu läugnen, dass wir mit den manchfaltigen klimatischen und geographischen Veränderungen, welche die Erde erst in der laufenden Periode erfahren, noch ganz unbekannt sind; und solche Veränderungen müssen die Wanderungen offenbar in hohem Grade befördert haben. Beispielsweise habe ich zu zeigen versucht, wie mächtig die Eis-Zeit auf die Verbreitung sowohl der identischen als der stellvertretenden Formen über die Erd-Oberfläche gewirkt habe. Ebenso sind wir auch fast ganz unbekannt mit den vielen gelegenheitlichen Transport-Mitteln. Was die Erscheinung betrifft, dass verschiedene Arten einer Sippe sehr entfernt von einander abgesonderte Gegenden bewohnen, so sind, da der Abänderungs-Prozess nothwendig sehr langsam vor sich geht, während sehr langer Zeit-Abschnitte für alle Wanderungen genügende Gelegenheiten vorhanden gewesen, wodurch sich einigermaassen die Schwierigkeit vermindert die weite Verbreitung der Arten einer Sippe zu erklären.

Da nach der Theorie der Natürlichen Züchtung eine endlose Anzahl Mittelformen alle Arten jeder Gruppe durch eben so feine Abstufungen, als unsre jetzigen Varietäten darstellen, miteinander verkettet haben muss, so wird man die Frage aufwerfen, warum wir nicht diese vermittelnden Formen rund um uns her erblicken? Warum fliessen nicht alle organischen Formen zu einem unentwirrbaren Chaos zusammen? Aber was die noch lebenden Formen betrifft, so sind wir (mit Ausnahme einiger seltenen Fälle) wohl nicht zur Erwartung berechtigt, direkt vermittelnde Glieder zwischen ihnen selbst, sondern nur etwa zwischen ihnen und einigen erloschenen und ersetzten Formen zu entdecken. Selbst auf einem weiten Gebiete, das während einer langen Periode seinen Zusammenhang bewahrt hat und dessen Klima und übrigen Lebens-Bedingungen nur allmählich von einem Bezirke zu andern von nahe verwandten Arten bewohnten Bezirken abändern, selbst da sind wir nicht berechtigt oft die Erscheinung vermittelnder Formen in den Grenz-Strichen zu erwarten. Wir haben keinen Grund zu glauben, dass nur wenige Arten einer Sippe jemals Abänderungen erleiden, da die andern gänzlich erlöschen, ohne eine abgeänderte Nachkommenschaft zu hinterlassen. Von den veränderlichen Arten ändern immer nur wenige in der nämlichen Gegend zugleich ab, und alle Abänderungen gehen nur langsam vor sich. Ich habe auch gezeigt, dass die vermittelnden Formen, welche anfangs wahrscheinlich in den Zwischenstrichen vorhanden gewesen, einer Ersetzung durch die verwandten Formen von beiden Seiten her unterlegen sind, die vermöge ihrer grossen Anzahl gewöhnlich schnellere Fortschritte in ihren Abänderungen und Verbesserungen als die minder zahlreich vertretenen Mittelformen machen, so dass diese vermittelnden Abarten mit der Länge der Zeit ersetzt und vertilgt werden.

Nach dieser Lehre von der Unterdrückung einer unendlichen Menge vermittelnder Glieder zwischen den erloschenen und lebenden Bewohnern der Erde und eben so zwischen den Arten einer jeden der aufeinandergefolgten Perioden und den ihnen zunächst vorangegangenen fragt es sich, warum nicht jede geologische Formation mit Resten solcher Glieder erfüllt ist? und warum nicht jede Sammlung fossiler Reste einen klaren Beweis von solcher Abstufung und Umänderung der Lebenformen darbietet. Obwohl geologische Untersuchung uns die frühere Existenz vieler Mittelglieder zur näheren Verkettung zahlreicher Lebenformen miteinander dargethan, so liefert sie uns doch nicht die unendlich zahlreichen feineren Abstufungen zwischen den früheren und jetzigen Arten, welche meine Theorie erfordert, und Diess ist eine der handgreiflichsten und stärksten von den vielen gegen meine Theorie vorgebrachten Einwendungen. Und wie kommt es, dass ganze Gruppen verwandter Arten in dem einen oder dem andern geologischen Schichten-Systeme oft so plötzlich aufzutreten scheinen (gewiss oft nur scheinen!). Warum finden wir nicht grosse Schichten-Stösse unter dem Silur-Systeme erfüllt mit den Überbleibseln der Stammväter der silurischen Organismen-Gruppen? Denn nach meiner Theorie müssen solche Schichten-Systeme in diesen alten und gänzlich unbekannten Abschnitten der Erd-Geschichte gewiss irgendwo abgesetzt worden seyn.

Man kann auf diese Fragen und gewichtigen Einwände nur mit der Annahme antworten, dass der geologische Schöpfungs-Bericht bei weitem unvollständiger ist, als die meisten Geologen glauben. Es lässt sich nicht einwenden, dass für irgend welches Maass organischer Abänderung nicht genügende Zeit gewesen; denn die Länge der abgelaufenen Zeit ist für menschliche Begriffe unfassbar. Die Menge der Exemplare in allen unsren Museen zusammengenommen ist absolut nichts im Vergleich mit den zahllosen Generationen zahlloser Arten, welche sicherlich schon existirt haben. Die gemeinsame Stammform von je 2–3 Arten wird nicht in allen ihren Charakteren genau das Mittel zwischen denen ihrer Nachkommen halten, wie die Felstaube nicht genau in Kopf und Schwanz das Mittel hält zwischen ihren Nachkommen, der Pouter- und Pfauen-Taube. Wir werden ausser Stand seyn eine Art als die Stamm-Art einer oder mehrer andren Arten zu erkennen, wenn wir nicht auch viele der vermittelnden Glieder zwischen ihrer früheren und jetzigen Beschaffenheit besitzen; und diese vermittelnden Glieder dürfen wir bei der Unvollständigkeit der geologischen Schöpfungs-Urkunden kaum jemals zu entdecken erwarten. Wenn man zwei oder drei oder noch mehr Mittelglieder entdeckte, so würde man sie einfach als eben so viele neue Arten einreihen, zumal wenn man sie in eben so vielen verschiedenen Schichten-Abtheilungen fände, wären in diesem Falle ihre Unterschiede auch noch so klein. Man könnte viele jetzige zweifelhafte Formen nennen, welche wahrscheinlich Abarten sind; aber wer könnte behaupten, dass in künftigen Welt-Perioden noch so viele fossile Mittelglieder werden entdeckt werden, dass Naturforscher nach der gewöhnlichen Anschauungs-Weise zu entscheiden im Stande seyn werden, ob diese zweifelhaften Formen Varietäten sind oder nicht? — Nur ein kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht worden, und nur von gewissen Organismen-Klassen können fossile Reste in grosser Anzahl erhalten werden. Weit verbreitete Arten variiren am meisten, und die Abarten sind anfänglich oft nur lokal; beide Ursachen machen die Entdeckung von Zwischengliedern wenig wahrscheinlich. Örtliche Varietäten verbreiten sich nicht in andre und entfernte Gegenden, bis sie beträchtlich abgeändert und verbessert sind; — und wenn sie nach ihrer Verbreitung in einer geologischen Formation entdeckt werden, so wird es scheinen, als seyen sie erst jetzt plötzlich erschaffen worden, und man wird sie einfach als neue Arten betrachten. — Die meisten Formationen sind mit Unterbrechungen abgelagert worden; und ihre Dauer ist, wie ich glaube, kürzer als die mittle Dauer der Arten-Formen gewesen. Zunächst aufeinander-folgende Formationen sind gewöhnlich durch ungeheure leere Zeiträume von einander getrennt; denn Fossil-Reste führende Formationen, mächtig genug, um spätrer Zerstörung zu widerstehen, können meistens nur da gebildet werden, wo dem in Senkung begriffenen Meeres-Grund viele Sedimente zugeführt werden. In den damit abwechselnden Perioden von Hebung oder Ruhe wird das Blatt in der Schöpfungs-Geschichte in der Regel weiss bleiben. Während dieser letzten Perioden wird wahrscheinlich mehr Veränderung in den Lebenformen, während der Senkungs-Zeiten mehr Erlöschen derselben stattfinden.

Was die Abwesenheit Fossilien-führender Schichten unterhalb der untersten Silur-Gebilde betrifft, so kann ich nur auf die im neunten Kapitel aufgestellte Hypothese zurückkommen. Dass der geologische Schöpfungs-Bericht lückenhaft ist, gibt jedermann zu; dass er es aber in dem von mir verlangten Grade seye, werden nur wenige zugestehen wollen. Hinreichend lange Zeiträume zugegeben, erklärt uns die Geologie offenbar genug, dass alle Arten gewechselt haben, und sie haben in der Weise gewechselt, wie es meine Theorie erheischt, nämlich langsam und stufenweise. Wir erkennen Diess deutlich daraus, dass die organischen Reste zunächst aufeinander-folgender Formationen einander allezeit näher verwandt sind, als die fossilen Arten durch weite Zeiträume von einander getrennter Gebirgs-Bildungen.

Diess ist die Summe der hauptsächlichsten Einwürfe und Schwierigkeiten, die man mit Recht gegen meine Theorie vorbringen kann; und ich habe die darauf zu gebenden Antworten und Erläuterungen in Kürze wiederholt. Ich habe diese Schwierigkeiten viele Jahre lang selbst zu sehr empfunden, als dass ich an ihrem Gewichte zweifeln sollte. Aber es verdient noch insbesondere hervorgehoben zu werden, dass die wichtigeren Einwände sich auf Fragen beziehen, über die wir eingestandner Maassen in Unwissenheit sind; und wir wissen nicht einmal, wie unwissend wir sind. Wir kennen nicht all’ die möglichen Übergangs-Abstufungen zwischen den einfachsten und den vollkommensten Organen; wir können nicht behaupten, all’ die manchfaltigen Verbreitungs-Mittel der Organismen während des Verlaufes so zahlloser Jahrtausende zu kennen, und wir wissen nicht, wie unvollständig der geologische Schöpfungs-Bericht ist. Wie bedeutend aber auch diese mancherlei Schwierigkeiten seyn mögen, so genügen sie doch nicht, um meine Theorie einer Abstammung von einigen wenigen erschaffenen Formen mit nachheriger Abänderung derselben umzustossen.

Wenden wir uns nun nach der andern Seite unsres Gegenstandes. Im Kultur-Zustande der Wesen nehmen wir viel Veränderlichkeit derselben wahr. Diess scheint daran zu liegen, dass das Reproduktiv-System ausserordentlich empfindlich gegen Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen ist, so dass dieses System, wenn es nicht ganz unfähig wird, doch keine der älterlichen Form genau ähnliche Nachkommenschaft mehr liefert. Die Abänderungen werden durch viele verwickelte Gesetze geleitet, durch die Wechselbeziehungen des Wachsthums, durch Gebrauch und Nichtgebrauch und durch die unmittelbaren Einwirkungen der physikalischen Lebens-Bedingungen. Es ist sehr schwierig zu bestimmen, wie viel Abänderung unsre Kultur-Erzeugnisse erfahren haben; doch können wir getrost annehmen, dass deren Maass gross gewesen seye, und dass Modifikationen auf lange Perioden hinaus vererblich sind. So lange als die Lebens-Bedingungen die nämlichen bleiben, sind wir zu unterstellen berechtigt, dass eine Abweichung, welche sich schon seit vielen Generationen vererbt hat, sich auch noch ferner auf eine fast unbegrenzte Zahl von Generationen hinaus vererben kann. Andrerseits sind wir gewiss, dass Veränderlichkeit, wenn sie einmal in’s Spiel gekommen, nicht mehr gänzlich aufhört; denn unsre ältesten Kultur-Erzeugnisse bringen gelegenheitlich noch immer neue Abarten hervor.