Nichtgebrauch, zuweilen mit Natürlicher Züchtung verbunden, führt oft zur Verkümmerung eines Organes, wenn es bei veränderter Lebens-Weise oder unter wechselnden Lebens-Bedingungen nutzlos geworden ist, und man bekommt auf diese Weise eine richtige Vorstellung von rudimentären Organen. Aber Nichtgebrauch und Natürliche Züchtung werden auf jedes Geschöpf gewöhnlich erst wirken, wenn es zur Reife gelangt ist und selbstständigen Antheil am Kampfe ums Daseyn nimmt. Sie werden nur wenig über ein Organ in den ersten Lebens-Altern vermögen, wesshalb kein Organ in solchen frühen Altern sehr verringert oder verkümmert werden kann. Das Kalb z. B. hat Schneide-Zähne, welche aber im Oberkiefer das Zahnfleisch nie durchbrechen, von einem frühen Stammvater mit wohl-entwickelten Zähnen geerbt, und es ist anzunehmen, dass diese Zähne im reifen Thiere während vieler aufeinander-folgender Generationen reduzirt worden sind, entweder weil sie nicht gebraucht oder weil Zunge und Gaumen zum Abweiden des Futters ohne ihre Hilfe durch Natürliche Züchtung besser hergerichtet worden sind; wesshalb dann im Kalb diese Zähne unentwickelt geblieben und nach dem Prinzip der Erblichkeit in gleichem Alter von früher Zeit an bis auf den heutigen Tag so vererbt worden sind. Wie ganz unerklärbar sind nach der Annahme, dass jedes organische Wesen und jedes besondre Organ für seinen Zweck besonders erschaffen worden seye, solche Erscheinungen, die, wie diese nie zum Durchbruch gelangenden Schneidezähne des Kalbs oder die verschrumpften Flügel unter den verwachsenen Flügeldecken mancher Käfer, so auffallend das Gepräge der Nutzlosigkeit an sich tragen! Man könnte sagen, die Natur habe Sorge getragen, durch rudimentäre Organe und homologe Gebilde uns ihren Abänderungs-Plan zu verrathen, welchen wir ausserdem nicht verstehen würden.

Ich habe jetzt die hauptsächlichsten Erscheinungen und Betrachtungen wiederholt, welche mich zur innigsten Überzeugung geführt, dass die Arten während langer Fortpflanzungs-Perioden durch Erhaltung oder Natürliche Züchtung mittelst zahlreich aufeinander-folgender kleiner aber nützlicher Abweichungen von ihrem anfänglichen Typus verändert worden sind. Ich kann nicht glauben, dass eine falsche Theorie die mancherlei grossen Gruppen oben aufgezählter Erscheinungen erklären würde, wie meine Theorie der Natürlichen Züchtung es doch zu thun scheint. Es ist keine triftige Einrede, dass die Wissenschaft bis jetzt noch kein Licht über den Ursprung des Lebens verbreite. Wer vermöchte zu erklären, was das Wesen der Attraktion oder Gravitation seye? Obwohl LEIBNITZ den NEWTON angeklagt, dass er „verborgene Qualitäten und Wunder in die Philosophie“ eingeführt, so wird doch dieses unbekannte Element der Attraktion jetzt allgemein als eine vollkommen begründete vera causa angenommen.

Ich kann nicht glauben, dass die in diesem Bande aufgestellten Ansichten gegen irgend wessen religiöse Gefühle verstossen sollten. Es möge die Erinnerung genügen, dass die grösste Entdeckung, welche der Mensch jemals gemacht, nämlich das Gesetz der Gravitation, von LEIBNITZ angegriffen worden ist, weil es die natürliche Religion untergrabe und die offenbarte verläugne. Ein berühmter Schriftsteller und Geistlicher hat mir geschrieben, „er habe allmählich einsehen gelernt, dass es eine ebenso erhabene Vorstellung von der Gottheit seye, zu glauben, dass sie nur einige wenige der Selbstentwickelung in andre und nothwendige Formen fähige Urtypen geschaffen, als dass sie immer wieder neue Schöpfungs-Akte nöthig gehabt habe, um die Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer eigenen Gesetze entstanden seyen.“

Aber warum, wird man fragen, haben denn fast alle ausgezeichneten lebenden Naturforscher und Geologen diese Ansicht von der Veränderlichkeit der Spezies verworfen? Es kann ja doch nicht behauptet werden, dass organische Wesen im Naturzustande keiner Abänderung unterliegen; es kann nicht bewiesen werden, dass das Maass der Abänderung im Verlaufe ganzer Erd-Perioden eine beschränkte Grösse seye; ein bestimmter Unterschied zwischen Arten und ausgeprägten Abarten ist noch nicht angegeben worden und kann nicht angegeben werden. Es lässt sich nicht behaupten, dass Arten bei der Kreutzung ohne Ausnahme unfruchtbar seyen, noch dass Unfruchtbarkeit eine besondre Gabe und ein Merkmal der Schöpfung seye. Die Annahme, dass Arten unveränderliche Erzeugnisse seyen, war fast unvermeidlich so lange, als man der Geschichte der Erde nur eine kurze Dauer zuschrieb; und nun, da wir einen Begriff von der Länge der Zeit erlangt haben, sind wir zu verständig, um ohne Beweis anzunehmen, der geologische Schöpfungs-Bericht seye so vollkommen, dass er uns einen klaren Nachweis über die Abänderung der Arten liefern müsste, wenn sie solche Abänderung erfahren hätten.

Aber die Hauptursache, wesshalb wir von Natur nicht geneigt sind zuzugestehen, dass eine Art eine andere verschiedene Art erzeugt haben könne, liegt darin, dass wir stets behutsam in der Zulassung einer grossen Veränderung sind, deren Mittelstufen wir nicht kennen. Die Schwierigkeit ist dieselbe, welche so viele Geologen gefühlt, als LYELL zuerst behauptete, dass binnen-ländische Fels-Klippen gebildet und grosse Thäler ausgehöhlt worden seyen durch die langsame Thätigkeit der Küsten-Wogen. Der Begriff kann die volle Bedeutung des Ausdruckes Hundert Millionen Jahre unmöglich fassen; er kann nicht die ganze Grösse der Wirkung zusammenrechnen und begreifen, welche durch Häufung einer Menge kleiner Abänderungen während einer fast unendlichen Anzahl von Generationen entsteht.

Obwohl ich von der Wahrheit der in diesem Bande auszugsweise mitgetheilten Ansichten vollkommen durchdrungen bin, so hege ich doch keinesweges die Erwartung erfahrene Naturforscher davon zu überzeugen, deren Geist von einer Menge von Thatsachen erfüllt ist, welche sie seit einer langen Reihe von Jahren gewöhnt sind aus den meinigen ganz entgegengesetzten Gesichtspunkten zu betrachten. Es ist so leicht unsre Unwissenheit unter Ausdrücken, wie „Schöpfungs-Plan“, „Einheit des Zweckes“ u. s. w. zu verbergen und zu glauben, dass wir eine Erklärung geben, wenn wir bloss eine Thatsache wiederholen. Wer von Natur geneigt ist, unerklärten Schwierigkeiten mehr Werth als der Erklärung einer Summe von Thatsachen beizulegen, der wird gewiss meine Theorie verwerfen. Auf einige wenige Naturforscher von empfänglicherem Geiste und solche, die schon an der Unveränderlichkeit der Arten zu zweifeln begonnen haben, mag Diess Buch einigen Eindruck machen; aber ich blicke mit Vertrauen auf die Zukunft, auf junge und strebende Naturforscher, welche beide Seiten der Frage mit Unpartheilichkeit zu beurtheilen fähig seyn werden. Wer immer sich zur Ansicht neigt, dass Arten veränderlich sind, wird durch gewissenhaftes Geständniss seiner Überzeugung der Wissenschaft einen guten Dienst leisten; denn nur so kann dieser Berg von Vorurtheilen, unter welchen dieser Gegenstand vergraben ist, allmählich beseitigt werden.

Einige hervorragende Naturforscher haben noch neuerlich ihre Ansicht veröffentlicht, dass eine Menge angeblicher Arten in jeder Sippe keine wirklichen Arten vorstellen, wogegen andre Arten wirkliche, d. h. selbstständig erschaffene Spezies seyen. Diess scheint mir eine sonderbare Annahme zu seyn. Sie geben zu, dass eine Menge von Formen, die sie selbst bis vor Kurzem für spezielle Schöpfungen gehalten und welche noch jetzt von der Mehrzahl der Naturforscher als solche angesehen werden, welche mithin das ganze äussre charakteristische Gepräge von Arten besitzen, — sie geben zu, dass diese durch Abänderung hervorgebracht worden seyen, weigern sich aber dieselbe Ansicht auf andre davon nur sehr unbedeutend verschiedene Formen auszudehnen. Demungeachtet beanspruchen sie nicht eine Definition oder auch nur eine Vermuthung darüber geben zu können, welches die erschaffenen und welches die durch sekundäre Gesetze entstandenen Lebenformen seyen. Sie geben Abänderung als eine vera causa in einem Falle zu und verwerfen solche willkürlich im andern, ohne den Grund der Verschiedenheit in beiden Fällen nachzuweisen. Der Tag wird kommen, wo man Diess als einen ergötzlichen Beleg von der Blindheit vorgefasster Meinung anführen wird. Diese Schriftsteller scheinen mir nicht mehr vor der Annahme eines wunderbaren Schöpfungs-Aktes als vor der einer gewöhnlichen Geburt zurückzuschrecken. Aber glauben sie denn wirklich, dass in unzähligen Momenten unsrer Erd-Geschichte jedesmal gewisse Urstoff-Atome kommandirt worden seyen zu lebendigen Geweben in einander zu fahren? Sind sie der Meinung, dass durch jeden unterstellten Schöpfungs-Akt bloss ein einziger, oder dass viele Individuen entstanden sind? Sind all’ diese zahllosen Sorten von Pflanzen und Thieren in Form von Saamen und Eiern, oder sind sie als ausgewachsene Individuen erschaffen worden? und die Säugthiere insbesondere, sind sie geschaffen worden mit dem falschen Merkmale der Ernährung vom Mutterleibe? Zweifelsohne können diese nämlichen Fragen beim jetzigen Stande unseres Wissens auch von denjenigen nicht beantwortet werden, welche an die Schöpfung von nur wenigen Urformen oder von irgend einer Form von Organismen glauben. Verschiedene Schriftsteller haben versichert, dass es leichter seye an die Schöpfung von Hundert Millionen Dingen als von einem zu glauben; aber MAUPERTUIS’ philosophischer Grundsatz von „der kleinsten Thätigkeit“ leitet uns lieber die kleinere Zahl anzunehmen; und gewiss dürfen wir nicht glauben, dass zahllose Wesen in jeder grossen Klasse mit klaren und doch trügerischen Merkmalen der Abstammung von einem gemeinsamen Stammvater geschaffen worden seyen.

Man kann noch die Frage aufwerfen, wie weit ich die Lehre von der Abänderung der Spezies ausdehne? Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil, je verschiedener die Formen sind, welche wir betrachten, desto mehr die Argumente an Stärke verlieren. Doch sind einige schwer-wiegende Beweisgründe sehr weit-reichend. Alle Glieder einer ganzen Klasse können durch Verwandtschafts-Beziehungen mit einander verkettet und alle nach dem nämlichen Prinzip in unterabgetheilte Gruppen klassifizirt werden. Fossile Reste sind oft geeignet grosse Lücken zwischen den lebenden Ordnungen des Systemes auszufüllen. Verkümmerte Organe beweisen oft, dass der erste Stammvater dieselben Organe in vollkommen entwickeltem Zustande besessen habe; daher ihr Vorkommen nach ihrer jetzigen Beschaffenheit ein ungeheures Maass von Abänderung in dessen Nachkommen voraussetzt. Durch ganze Klassen hindurch sind mancherlei Gebilde nach einem gemeinsamen Model geformt, und im Embryo-Stande gleichen alle Arten einander genau. Daher ich keinen Zweifel hege, dass die Theorie der Abstammung mit allmählicher Abänderung alle Glieder einer nämlichen Klasse mit einander verbinde. Ich glaube, dass die Thiere von höchstens vier oder fünf[49] und die Pflanzen von eben so vielen oder noch weniger Stamm-Arten herrühren.

Die Analogie würde mich noch einen Schritt weiter führen, nämlich zu glauben, dass alle Pflanzen und Thiere nur von einer einzigen Urform herrühren; doch könnte die Analogie eine trügerische Führerin seyn. Demungeachtet haben alle lebenden Wesen Vieles miteinander gemein in ihrer chemischen Zusammensetzung, ihrer zelligen Struktur, ihren Wachsthums-Gesetzen, ihrer Empfindlichkeit gegen schädliche Einflüsse. Wir sehen Diess oft in sehr zutreffender Weise, wenn dasselbe Gift Pflanzen und Thiere in ähnlicher Art berührt, oder wenn das von der Gallwespe abgesonderte Gift monströse Auswüchse an der wilden Rose wie an der Eiche verursacht. In allen organischen Wesen scheint die gelegentliche Vereinigung männlicher und weiblicher Elementar-Zellen zur Erzeugung eines neuen solchen Wesens nothwendig zu seyn. In allen ist, so viel bis jetzt bekannt, das Keim-Bläschen dasselbe. Daher alle individuellen organischen Wesen von gemeinsamer Entstehung sind. Und selbst was ihre Trennung in zwei Haupt-Abtheilungen, in ein Pflanzen- und ein Thierreich betrifft, so gibt es gewisse niedrige Formen, welche in ihren Charakteren so sehr das Mittel zwischen beiden halten, dass sich die Naturforscher noch darüber streiten, zu welchem Reiche sie gehören und Professor ASA GRAY hat bemerkt, dass Sporen und andre reproduktive Körper von manchen der unvollkommenen Algen zuerst ein charakteristisch thierisches und dann erst ein unzweifelhaft pflanzliches Daseyn besitzen. Nach dem Prinzipe der Natürlichen Züchtung mit Divergenz des Charakters erscheint es auch nicht unglaublich, dass sich einige solche Zwischenformen zwischen Pflanzen und Thieren entwickelt haben müssen. Und wenn wir Diess zugeben, so müssen wir auch zugeben, dass alle organischen Wesen, die jemals auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Urform abstammen[50]. Doch beruhet dieser Schluss hauptsächlich auf Analogie, und es ist unwesentlich, ob man ihn anerkenne oder nicht. Aber anders verhält sich die Sache mit den Gliedern einer jeden grossen Klasse, wie der Wirbelthiere oder Kerbthiere; denn hier haben wir, wie schon bemerkt worden, in den Gesetzen der Homologie und Embryonologie einige bestimmten Beweise dafür, dass alle von einem einzigen Urvater abstammen.

Wenn die von mir in diesem Bande und die von Hrn. WALLACE im Linnean Journal aufgestellten oder sonstige analoge Ansichten über die Entstehung der Arten zugelassen werden, so lässt sich bereits dunkel voraussehen, dass der Naturgeschichte eine grosse Umwälzung bevorsteht. Die Systematiker werden ihre Arbeiten so wie bisher verfolgen können, aber nicht mehr unablässig durch den gespenstischen Zweifel beängstigt werden, ob diese oder jene Form eine wirkliche Art seye. Diess, fühle ich sicher und sage es aus Erfahrung, wird eine Erleichterung von grossen Sorgen gewähren. Der endlose Streit, ob die fünfzig Britischen Brombeer-Sorten wirkliche Arten sind oder nicht, wird aufhören. Die Systematiker haben nur zu entscheiden (was keineswegs immer leicht ist), ob eine Form beständig oder verschieden genug von andern Formen ist, um eine Definition zuzulassen und, wenn Diess der Fall, ob die Verschiedenheiten wichtig genug sind, um einen spezifischen Namen zu verdienen. Dieser letzte Punkt aber wird eine weit wesentlichere Betrachtung als bisher erheischen, wo auch die geringfügigsten Unterschiede zwischen zwei Formen, wenn sie nicht durch Zwischenstufen miteinander verschmolzen waren, bei den meisten Naturforschern für genügend galten, um beide zum Range zweier Arten zu erheben. Hiernach sind wir anzuerkennen genöthigt, dass der einzige Unterschied zwischen Arten und ausgebildeten Abarten nur darin besteht, dass diese letzten durch erkannte oder vermuthete Zwischenstufen noch heutzutage miteinander verbunden sind und die ersten es früher gewesen sind. Ohne daher die Berücksichtigung noch jetzt vorhandener Zwischenglieder zwischen zwei Formen verwerfen zu wollen, werden wir veranlasst seyn, den wirklichen Betrag der Verschiedenheit zwischen denselben sorgfältiger abzuwägen und höher zu werthen. Es ist ganz möglich, dass jetzt allgemein als blosse Varietäten anerkannte Formen künftighin spezifischer Benennungen werth geachtet werden, wie z. B. die beiden Sorten Schlüsselblumen, in welchem Falle dann die wissenschaftliche und die gemeine Sprache miteinander in Übereinstimmung kämen[51]. Kurz wir werden die Arten auf dieselbe Weise zu behandeln haben, wie die Naturforscher jetzt die Sippen behandeln, welche annehmen, dass die Sippen nichts weiter als willkürliche der Bequemlichkeit halber eingeführte Gruppirungen seyen. Das mag nun keine eben sehr heitre Aussicht seyn; aber wir werden hiedurch endlich das vergebliche Suchen nach dem unbekannten und unentdeckbaren Wesen der „Spezies“ los werden.