„Wo die herrenlosen Hunde sind, auf irgend einer Landstraße mit etlichen Taugenichtsen seiner Art. Gott war grausam, daß er uns einen solchen Sohn gab. Da er geboren ward, sah ich in ihm die Freude unserer alten Tage, ein Werkzeug mehr im Hause. Ich gedachte einen Handwerker aus ihm zu machen, und das böse Schicksal macht ihn zum Schelm und zum Tagedieb“.
„Sei nicht so hart, Mann“, sprach Soetkin. „Unser Sohn ist erst neun Jahre alt und in der Blüte der Jugendtorheit. Muß er nicht gleich wie die Bäume seine Blatthülsen auf den Weg streuen, ehe er sich mit den Blättern schmückt, die bei Gewächsen aus dem Volke Rechtschaffenheit und Tugend heißen? Er ist ein Schalk, aber seine Schalkheit wird ihm dereinst zum Nutzen gedeihen, wenn er sie nicht zu schlimmen Streichen, sondern zu einem nützlichen Handwerk gebraucht. Er macht sich gern über seinen Nächsten lustig, doch ebenso wird er dereinst seinen Platz in einer lustigen Bruderschaft behaupten. Er lacht immerdar, aber die Gesichter, so mürrisch dreinschauen, sind eine üble Vorbedeutung für die künftigen Mienen. Wenn er läuft, so tut er es, weil er wachsen muß, maßen er noch nicht in dem Alter ist, wo man fühlt, daß die Arbeit Pflicht ist. Und wenn er zuweilen eine halbe Woche lang Tag und Nacht ausbleibt, so weiß er nicht, welchen Harm er uns zufügt, denn er hat ein gutes Herz und liebt uns.“
Klas schüttelte den Kopf und antwortete nichts, und da er schlief, weinte Soetkin für sich allein. Und am Morgen gedachte sie, daß ihr Sohn etwa an irgend einer Straßenecke krank läge, und trat auf die Türschwelle, um zu sehen, ob er nicht heimkehrte; aber sie sah nichts und setzte sich ans Fenster und schaute von da auf die Straße. Und manch liebes Mal hüpfte ihr das Herz in der Brust, wann sie den leichten Schritt eines Knaben hörte. Doch wenn er vorüberging, sah sie, daß es nicht Ulenspiegel war, und dann weinte sie, die betrübte Mutter.
18
Derweilen war Ulenspiegel mit seinen nichtsnutzigen Gefährten in Brügge auf dem Samstagsmarkt.
Da sah man Schuster und Schuhflicker in besonderen Buden, Kleiderhändler, Meisenfänger von Antwerpen, die nachts mit Hilfe einer Eule die Meisen fangen, Geflügelhändler, spitzbübische Hundefänger, Verkäufer von Katzenfellen für Handschuhe, Koller und Wämse, und Verkäufer jeglicher Art, Bürger und Bürgerfrauen, Knechte und Mägde, Brotbäcker, Kellermeister, Köche und Köchinnen. Und alle, Verkäufer und Kunden, priesen je nach ihrem Stande die Ware an oder setzten sie herab, lobten oder schalten sie.
In einer Ecke des Marktes war ein schönes Leinenzelt mit vier Pfosten aufgerichtet. Am Eingang stand ein Bauer aus der Ebene von Alost neben zwei Mönchen, die das Geld einnahmen; der wies dem neugierigen Frommen um einen Heller ein Stück vom Schulterknochen der heiligen Marie von Ägypten. Er grölte mit heiserer Stimme die Verdienste der Heiligen und ließ in seiner Ballade nicht aus, wie jene aus Mangel an Geld einen jungen Fergen in schöner Naturmünze zahlte, auf daß sie nicht wider den heiligen Geist sündigte, wenn sie jenem seinen Lohn vorenthielte.
Und die Mönche nickten mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß der Bauer wahr redete. Neben ihnen stand ein dickes rotes Weib, wollüstig wie Astarte, die blies mit Gewalt einen gräulichen Dudelsack, dieweil ein anmutig Mägdlein neben ihr wie eine Grasmücke sang. Über dem Eingang des Zeltes aber schaukelte an zwei Stangen, an den Henkeln von Stricken gehalten, ein Kübel mit Wasser, welches zu Rom geweiht war. So nämlich sang es die dicke Frau, indeß die beiden Mönche mit dem Kopfe wackelten, ihre Rede bekräftigend. Ulenspiegel betrachtete den Kübel und ward nachdenklich.