Der Schweiger sprach:

„Geh über Namur, Flandern, Hennegau, Süd-Brabant, Antwerpen, Nord-Brabant, Geldern, Oberyssel, Nord-Holland und verkünde allerorten: wenn Fortuna unsere heilige, christliche Sache auf dem Lande verrät, so wird der Kampf gegen alle ungerechten Gewalttaten auf dem Meere fortgesetzt werden. Diese Sache steht in Gottes Hand, sei es im Glück oder Unglück. In Amsterdam angelangt, wirst Du Paul Buys, meinem Getreuen, von deinem Tun und Treiben Rechenschaft geben. Hier sind drei Pässe, von Alba selbst unterzeichnet und bei den Leichen von Quesnoy-le-Comte gefunden. Mein Sekretarius hat sie ausgefüllt. Kann sein, daß Du unterwegens einen guten Gefährten findest, dem Du vertrauen kannst. Die sind gut, die auf Lerchentriller mit kriegerischem Hahnenruf antworten. Hier sind fünfzig Gülden. Du wirst tapfer und treu sein.“

„Klasens Asche brennt auf meinem Herzen,“ antwortete Ulenspiegel. Und er ging von dannen.


16


Er hatte vom König und vom Herzog Vollmacht, nach seinem Ermessen alle Waffen zu tragen. Er nahm seine gute Radschloßbüchse, Patronen und trockenes Pulver, legte einen zerlumpten Mantel, ein zerschlissenes Wams, eine nach hispanischer Mode durchlöcherte Hose, ein Barett mit wallender Feder und einen Degen an; so verließ er das Heer an der französischen Grenze und wandte sich nach Maastricht. Die Zaunkönige, der Kälte Boten, flogen Obdach begehrend um die Häuser. Es schneiete am dritten Tage.

Manchmal mußte Ulenspiegel unterwegens seinen Geleitbrief zeigen. Man ließ ihn passieren und er wandte sich nach Lüttich. Er war in eine Ebene gelangt. Ein starker Wind trieb ihm die Flocken in Wirbeln ins Gesicht. Vor seinen Augen breitete sich eine weiße Fläche aus, darüber die Schneewolken von Windstößen gejagt wurden. Drei Wölfe folgten ihm; doch nachdem er ihrer einen mit seiner Büchse niedergeschossen, warfen die andern sich auf den Verwundeten und entwichen in den Wald, jeder ein Stück des Kadavers mitschleppend.

Also befreit, schaute Ulenspiegel sich um, ob nicht noch eine andere Schar auf freiem Felde sei. Da erblickte er am Rande der Ebene Punkte wie graue Steinbilder, die sich zwischen den Schneewirbeln bewegten, und dahinter schwarze Gestalten berittener Soldaten. Er stieg auf einen Baum. Der Wind trug ihm ein fernes Geräusch von Klagen zu. „Vielleicht“, sprach er zu sich selbst, „sind es Pilger, in weiße Gewänder gekleidet. Ich sehe kaum ihre Körper auf dem Schnee.“

Dann gewahrte er Menschen, die nackend liefen, und sah zwei Reiter in schwarzer Rüstung, die auf ihren großen Schlachtrossen sitzend diese armselige Herde mit heftigen Peitschenhieben vor sich her trieben. Er spannte seine Büchse. Unter diesen Gegeißelten sah er junge Leute und nackte Greise, zitternd, erstarrt und gekrümmt. Sie liefen, um der Peitsche der beiden Soldaten zu entrinnen, die wohlgekleidet, von Branntwein und guter Nahrung rot waren und ihr Ergötzen daran fanden, die Körper der nackten Menschen zu geißeln, um sie zu schnellerem Lauf anzutreiben.