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Am Ende der Frauengasse standen zwei Weiden am Rand eines tiefen Wassers einander gegenüber. Zwischen beiden zog Ulenspiegel ein Seil, darauf er eines Sonntags Nachmittags nach der Vesper tanzte, und das so gut, daß ihm der ganze Haufe der Müßiggänger mit Hand und Stimme Beifall zollte. Dann stieg er von seinem Seil hinunter und hielt jedermann einen Teller dar, welcher bald mit Gelde gefüllt war. Er aber leerte ihn in Soetkins Schürze und behielt nur eilf Heller für sich.

Am anderen Sonntag wollte er wiederum auf dem Seil tanzen, doch etliche nichtsnutzige Buben, die ihm seine Behendigkeit neideten, hatten einen Schnitt in das Seil gemacht, also daß es nach wenig Sprüngen zerriß und Ulenspiegel ins Wasser fiel.

Dieweil er schwamm, um das Ufer zu gewinnen, schrieen die tapferen kleinen Seilschneider:

„Wie steht es mit Deiner behenden Gesundheit, Ulenspiegel? Willst Du die Karpfen auf dem Grunde des Teichs tanzen lehren, Du unvergleichlicher Tänzer?“

Ulenspiegel stieg aus dem Wasser, schüttelte sich und schrie ihnen zu, denn sie liefen davon, aus Furcht vor Prügel:

„Fürchtet Euch nicht; kommt den nächsten Sonntag wieder, da will ich Euch Künste auf dem Seil zeigen und Ihr sollt Euren Teil am Gewinst haben.“

Am Sonntag darnach hatten die Buben sich wohl gehütet, das Seil durchzuschneiden, und hielten rund herum Wacht, aus Furcht, daß irgend wer daran rührte, denn es war viel Volks zugegen.