„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat mir sein Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose zerrissen ist und mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte liegen am Boden. Sieh, ich verliere all mein Blut durch den Strumpf.“
„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich vor dem Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel.
„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber ich werde Dir nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen guten Männern und Frauen bleiben. Wie kannst Du sonder Scham gegen meine Schmerzen so hart sein, wenn ich Dir wie ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und Wind auf den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut schwitze!“
„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf, das wird ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber weißt Du, wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht, armer Freund. Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am Stöhnen zu hindern. Sie heißen koeye-schieters, Kuhschützen, denn sie waren einstmals so dumm, auf Kühe zu zielen, die sie für feindliche Soldaten hielten. Wir aber, wir zielen auf die hispanischen Böcke; ihr Fleisch ist stinkend, aber die Haut ist gut, Trommeln daraus zu machen. Und die von Tirlemont? Weißt Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen Beinamen kirekers. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine Ente vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die Töpfe und Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das ist Eifer für die Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an, setzest den Suppenkessel wieder auf seinen Dreifuß und befassest Dich gar sorglich mit dem Kochen. Weißt Du, warum es in Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will es Dir sagen. Erstlich, weil die Lebenden dort unter den Toten gehn, denn die Kirche Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt daraus, daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken dort außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt. Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn die Vorderseite von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens wegen des Turms ohne Nägel, sintemalen die Turmspitze von Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt aus Holz gebaut ist und man die Steine nicht nagelt, ausgenommen das Herz des Blutkönigs, das ich über das große Tor von Brüssel nageln möchte. Doch Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt Du, warum die von Termonde die Bettwärmer, de vierpannen genannt werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge zum „Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte nicht, wie er die Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem Bettwärmer. Er ließ das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen, das eilends davonlief, da es den Prinzen kommen hörte; und der Prinz fragte, warum man den Bettwärmer nicht darinnen gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in einen Kasten von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als Bettwärmer diene.“
„Laß mich in Ruhe,“ sagte Lamm; „ich lache über Dich, Deine vierpannen, den Turm ohne Nägel und die andern Possen. Laß mich bei meiner Brühe.“
„Hüte Dich,“ sprach Ulenspiegel. „Das Gebell ertönt ohn Unterlaß; es wird stärker, die Hunde heulen, das Jagdhorn erklingt. Nimm Dich vor dem Hirsch in Acht. Du fliehst. Das Jagdhorn tönt.“
„Das ist das Halali,“ sagte der Alte. „Kehre zu Deinen Gerichten zurück, Lamm, der Hirsch ist zur Strecke gebracht.“
„Das soll uns eine gute Mahlzeit sein,“ sprach Lamm. „Ihr müsset mich zum Schmaus laden, um der Mühe willen, die ich mir für Euch gebe. Die Tunke der Vögel wird gut sein, nur knirscht sie etwas: das macht der Sand, auf den sie gefallen sind, da dieser große Teufel von Hirsch mir beides, Wams und Fleisch zerriß. Aber fürchtet Ihr nicht die Förster?“
„Wir sind unsrer zu viele,“ entgegnete der Alte; sie haben Furcht und stören uns nicht. Desgleichen die Häscher und Richter. Die Städter lieben uns, denn wir tun nichts Böses. Wir werden noch etliche Zeit in Frieden leben, es sei denn, daß das hispanische Heer uns einschließt. So das geschieht, werden wir, alte und junge Männer, Frauen, Mädchen, Büblein und Dirnlein, unser Leben teuer verkaufen und uns lieber untereinander töten, denn unter der Hand des Blutherzogs tausendfache Marter leiden.“
Ulenspiegel sagte: