Die Nacht war rabenschwarz und der Nebel so dicht, daß nach wenigen Minuten große Tropfen an Olivers Augenbrauen hingen. Sie eilten im tiefsten Schweigen über die Brücke und durch den nächstgelegenen Ort und erreichten um zwei Uhr ein einzeln stehendes, von einer Mauer umgebenes Haus, die Toby Crackit sogleich erklomm. Sikes hob Oliver empor, und nach wenigen Augenblicken waren alle drei hinüber. Sikes und Toby schlichen nach dem Hause und zogen den Knaben mit sich fort, dem die Sinne fast entschwanden, denn jetzt zum erstenmal tauchte der Gedanke in ihm auf, daß Sikes auf Raub, wo nicht auf Mord ausginge und ihn als Werkzeug dabei zu gebrauchen denke. Er schlug die Hände zusammen, und seinen Lippen entfloh ein unwillkürlicher Schrei des Entsetzens. Ihm schwindelte, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, er wankte und fiel auf die Knie nieder.

«Steh auf!» flüsterte Sikes und zog bebend vor Wut die Pistole aus der Tasche; «steh auf, oder ich schieße dir den Brägen aus'm Kopfe 'raus!»

«Oh, um Gottes willen, lassen Sie mich gehen!» rief Oliver; «lassen Sie mich fortlaufen und hinter dem Zaune sterben. Ich will nie wieder nach London kommen – nie, nie; haben Sie Barmherzigkeit mit mir und zwingen Sie mich nicht, zu stehlen. Um der Liebe der Engel willen, die im Himmel wohnen, haben Sie Erbarmen mit mir!»

Sikes stieß einen fürchterlichen Fluch aus und spannte den Hahn, Toby schob indes seine Hand zur Seite, hielt Oliver den Mund zu und zog ihn fort nach dem Hause.

«Pst!» flüsterte er; «das ist hier nichts. Ist's nicht anders und soll's sein, so sprich ein Wort, und ich schlag' ihn auf den Kopf, was ebensogut ist und kein Geräusch macht. Hierher, Bill, brich den Fensterladen auf. Ich stehe dafür, er hat jetzt Courage genug. Ich hab's g'sehn, daß ältere als er in 'ner kalten Nacht 's Kanonenfieber auf 'ne Minute oder so was g'habt haben.»

Sikes murmelte Verwünschungen gegen Fagin, ihm Oliver zu einem solchen Unternehmen geschickt zu haben, setzte das Brecheisen an, und nach kurzer Zeit war der Fensterladen geöffnet. Das kleine Gitterfenster war fünf bis sechs Fuß über der Erde im Hinterhause und gehörte zu einem kleinen, zum Waschen oder Brauen bestimmten Gemach am unteren Ende des Hausflurs. Das Gitter war gleichfalls bald durchbrochen.

«Jetzt hör' und merk, du kleiner Teufelsbraten!» flüsterte Sikes, zog eine Blendlaterne aus der Tasche und hielt sie Oliver gerade vor das Gesicht. «Ich stecke dich durch dies Fenster hier. Nimm diese Laterne, geh leise die Stufen gerade vor dir 'nauf über den Flur nach der Haustür, mach' sie auf und laß uns ein. – Ist die Waschhaustür offen, Toby?»

Toby antwortete, nachdem er hineingesehen hatte: «Sie steht weit offen, und sie lassen sie immer offen, daß der Hund, der hier sein Lager hat, im Hause 'rumspazieren kann. Ha, ha, ha! Wie hübsch ihn Barney gestern abend weggelockt hat!»

So leise Crackit gesprochen und gekichert hatte, befahl ihm doch Sikes in gebieterischem Tone, still zu schweigen und an das Werk zu gehen. Er setzte die Laterne auf die Erde, stellte sich unter das Fenster, die Hände auf die Knie gestützt, mit dem Kopfe gegen die Wand, Sikes stieg auf den Rücken Tobys und hob Oliver durch das Fenster in das Haus hinein.

«Nimm die Leuchte», flüsterte er ihm zu. «Siehst du die Stufen da vor dir?»