Der Jude legte ihr noch mehrere andere Fragen in derselben Absicht vor, um zu erfahren, ob sie die ihm in einem unbewachten Augenblicke entschlüpften Andeutungen beachtet und verstanden hätte; allein sie antwortete und hielt seine forschenden Blicke so unbefangen aus, daß er seinen ersten Gedanken, daß sie zuviel getrunken, vollkommen bestätigt zu sehen glaubte. Und Miß Nancy war allerdings nicht frei von der unter Fagins Zöglingen gewöhnlichen Schwäche, der Neigung zum übermäßigen Genuß geistiger Getränke, in der sie in ihren zarteren Jahren eher bestärkt wurden, als daß man sie davon zurückgehalten hätte. Ihr wüstes Aussehen und der das Gemach anfüllende starke Genevergeruch dienten zum bekräftigenden Beweise der Richtigkeit der Annahme des Juden; und als sie endlich zu weinen und gleich darauf wieder zu lachen anfing und wiederholt rief: «Heisa, wer wollte den Kopf hängen lassen!» so zweifelte er, der in Sachen dieser Art seinerzeit große eigene Erfahrungen gemacht hatte, nicht mehr und freute sich höchlich der Gewißheit, daß ihre Trunkenheit in der Tat schon einen hohen Grad erreicht hatte.
Er empfand infolge dieser Entdeckung eine große Erleichterung und entfernte sich sehr zufrieden, seinen doppelten Zweck erreicht zu haben, dem Mädchen zu hinterbringen, was ihm von Toby mitgeteilt worden war, und sich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Sikes nicht zurückgekehrt wäre. Es war eine Stunde vor Mitternacht und bitterlich kalt; er säumte daher nicht, seine Wohnung baldmöglichst zu erreichen. Als er an der Ecke der Straße, in welcher sie lag, angelangt war und schon in der Tasche nach dem Hausschlüssel suchte, trat plötzlich und unhörbar ein Mann hinter ihn und flüsterte seinen Namen dicht an seinem Ohre. Er wendete sich rasch um und sagte: «Ist das –»
«Ja, ich bin's», unterbrach ihn der Mann barsch. «Hab' hier seit zwei Stunden aufgepaßt. Wo zum Teufel seid Ihr gewesen?»
«Beschäftigt mit Euren Angelegenheiten, mein Lieber», erwiderte der Jude, ihn unruhig anblickend und einen langsameren Schritt annehmend. «Den ganzen Abend beschäftigt mit Euren Angelegenheiten.»
«Ei, natürlich», sagte der andere höhnisch. «Was habt Ihr denn ausgerichtet?»
«Nicht viel Gutes», antwortete Fagin.
«Ich will hoffen, nichts Schlimmes», fiel der Vermummte, stillstehend und den Juden wild ansehend, ein.
Fagin schüttelte den Kopf und stand im Begriff, ihm eine Antwort zu geben, als ihn der Vermummte unterbrach und sagte, er wolle lieber drinnen im Hause anhören, was er würde hören müssen, denn er wäre halb erfroren. Der Jude sah ihn mit einer Miene an, die offenbar genug verkündete, daß er des Besuches zu einer so späten Stunde gar gern überhoben wäre, und murmelte, daß er kein Feuer habe, und Ähnliches; allein der unwillkommene Gast wiederholte seine Erklärung, mit ihm gehen zu wollen, mit großer Bestimmtheit, und Fagin schloß die Haustür auf und sagte ihm, er möge sie leise wieder verschließen, während er selbst Licht holen wolle.
«'s ist hier so finster wie im Grabe», bemerkte der Besucher, ein paar Schritte vorwärts tappend. «Macht geschwind, ich kann solche Dunkelheit nicht leiden.»
«Verschließt die Tür», flüsterte Fagin unten auf dem Hausflur, und während er sprach, wurde die Türe mit donnerndem Schalle zugeworfen.