«Ich bin ein Esel!» sagte der Doktor nach einem langen Stillschweigen. «Hast du das schon gewußt, Oliver?»
«Nein, Sir.»
«Dann vergiß es ein anderes Mal nicht. – Selbst wenn es das Haus war,» fuhr er nach einer abermaligen Pause fort, «und die Diebe darin gewesen wären – was hätt' ich als einzelner tun können? Und hätt' ich Beistand gehabt, so wäre auch nichts weiter dabei herausgekommen, als daß meine Voreiligkeit und die Weise kund geworden, wie ich den unangenehmen Handel zu vertuschen gesucht. Es wäre mir freilich gerade recht geschehen, und ich würde nicht dümmer danach geworden sein, denn ich bringe mich selbst in eine Patsche nach der andern, indem ich immer bloß nach den fatalen Eindrücken des Augenblicks handle.»
Der treffliche Doktor hatte in seinem ganzen Leben nur nach ihnen gehandelt, und es lag kein geringes Lob der in ihm vorherrschenden oder ihn bestimmenden Eindrücke in dem Umstande, daß er, weit entfernt, jemals in ernstliche Unannehmlichkeiten durch sie geraten zu sein, bei allen, die ihn kannten, die wärmste und größte Hochachtung genoß. Muß die Wahrheit gesagt sein, so war er ein paar Minuten übler Laune, sich in der Hoffnung getäuscht zu sehen, sogleich bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit Zeugnisse für die Wahrheit der Erzählung Olivers zu erhalten. Sein Gleichmut war jedoch bald wiederhergestellt, und da die Antworten des Knaben auf seine erneuerten Fragen klar und zusammenhängend waren und blieben und mit derselben offenbaren Aufrichtigkeit wie früher gegeben wurden, so nahm er sich vor, ihnen von nun an vollkommenen Glauben zu schenken.
Da Oliver die Straße zu nennen wußte, in welcher Mr. Brownlow wohnte, so waren keine Kreuz- und Querfragen erforderlich, und als sie hineinfuhren, klopfte des Knaben Herz so heftig, daß er kaum zu atmen imstande war. Losberne forderte ihn auf, das Haus zu bezeichnen.
«Das da!» rief Oliver, eifrig aus dem Fenster zeigend. «Das weiße Haus! Oh, lassen Sie rasch fahren, recht rasch. Es ist mir, als wenn ich sterben müßte, eh' ich hinkomme; ich kann mir vor Zittern nicht helfen!»
«Nur Geduld, mein lieber Kleiner», sagte Losberne, ihn auf die Schulter klopfend. «Du wirst deine Freunde sogleich sehen, und sie werden sich freuen, dich gesund und wohlbehalten wiederzufinden.»
«Oh, das hoff' ich auch», versetzte Oliver. «Sie waren so gütig, so sehr, sehr gütig gegen mich, Sir.»
Der Wagen hielt, und Oliver blickte mit Tränen der freudigsten Erwartung nach den Fenstern hinauf. Doch ach! Das weiße Haus war unbewohnt; ein Anschlag verkündigte, daß es zu vermieten sei. Losberne stieg aus, zog den Knaben mit sich fort, klopfte an die nächste Tür und fragte die öffnende Magd, ob sie wisse, wohin sich Mr. Brownlow gewendet, der nebenan gewohnt habe. Sie wußte es nicht, lief hinauf, um sich zu erkundigen, kehrte zurück und brachte die Nachricht, er habe sein Haus und seine Mobilien verkauft und sei vor sechs Wochen nach Westindien gegangen. Oliver schlug die Hände zusammen und wäre bald zu Boden gesunken.
«Hat er auch seine Haushälterin mitgenommen?» fragte Losberne nach einem kurzen Stillschweigen.