«Der junge Mensch befindet sich sehr wohl, und läßt sich Ihnen ganz gehorsamst empfehlen, Sir.»
«Schön», sagte der Doktor. «Doch da ich Sie hier treffe, fällt mir's ein, Giles, daß ich in den Tagen, wo ich so eilig abgerufen wurde, aufgefordert von Ihrer gütigen Herrschaft, einen kleinen Auftrag zu Ihren Gunsten übernahm. Treten Sie doch auf einen Augenblick mit mir an das Fenster!»
Giles trat ziemlich verwundert zu ihm, und der Doktor beehrte ihn mit einer kurzen, heimlichen Unterredung, nach deren Beendigung er eine große Menge Verbeugungen machte, und mit ungewöhnlicher Wichtigkeit wieder zurückging. Der Gegenstand des so leise geführten Gesprächs wurde im Zimmer nicht bekannt gegeben, wohl aber sofort in der Küche; denn dahin lenkte Mr. Giles augenblicklich seine Schritte und verkündete, nachdem er sich einen Krug Ale hatte reichen lassen, daß es seiner Herrschaft, in Anbetracht seines mutvollen Benehmens bei dem Einbruche, gefallen habe, die Summe von fünfundzwanzig Pfund in der Sparkasse für ihn niederzulegen. Die Köchin und das Hausmädchen hoben die Hände und Augen empor und meinten, daß Mr. Giles jetzt ganz stolz werden würde, worauf Mr. Giles, an seiner Hemdkrause zupfend, erwiderte, daß sie sich in einem großen Irrtume befänden, und daß er ihnen dankbar sein wollte, wenn sie, falls sie dergleichen jemals gewahrten, ihn aufmerksam darauf machen würden, daß er sich hoffärtig gegen Geringere erwiese. Er verbreitete sich darauf weitläufig über seine Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, wofür ihm großes Lob gezollt wurde, wie es bei bedeutenden Personen in solchen Fällen zu geschehen pflegt.
Oben verging der Rest des Abends sehr heiter, denn der Doktor befand sich in der fröhlichsten Stimmung, und so ermüdet oder nachdenklich Harry Maylie anfangs gewesen sein mochte, er konnte der guten Laune des wackeren Mannes nicht widerstehen. Losberne scherzte und erzählte, und Oliver glaubte nie in seinem Leben so drollige Dinge gehört zu haben, so daß er zur großen Freude des Doktors fortwährend lachte, wie der Doktor selbst, und endlich auch Harry; denn auch das Gelächter hat ja seine ansteckende Kraft. Mit einem Wort, sie waren so vergnügt, wie sie es unter den obwaltenden Umständen nur irgend hätten sein können, und es war spät geworden, als sie mit leichtem und dankerfülltem Herzen die Ruhe aufsuchten, deren sie nach der Ungewißheit und Angst, in der sie in den letzten Tagen geschwebt hatten, so sehr bedurften.
Oliver ging am folgenden Morgen mit mehr Hoffnung und Freude, als er, wie ihm schien, seit langer Zeit gekannt hatte, an seine gewöhnliche Beschäftigung. Die Betrübnis war von seinem Antlitz wie durch Zauber verschwunden; es war ihm, als wenn die Blumen mit doppeltem Glanze im Tau funkelten, die linde Luft in den Blättern lieblicher säuselte, der Himmel reiner und blauer als je wäre. Das ist die Wirkung unserer inneren Stimmung auf unsere Anschauung des Äußeren um uns her. Die auf die Natur und ihre Mitmenschen blicken und wehklagen, daß alles schwarz und finster sei, sie haben recht; allein die düsteren Farben sind Widerspiegelungen ihrer gelbsüchtigen Augen und Herzen. Die wahren und wirklichen sind zarte Tinten, und bedürfen eines schärferen Gesichts.
Eine bemerkenswerte Beobachtung entging auch Oliver nicht, nämlich, daß er seine Morgenausflüge nicht mehr allein zu machen brauchte. Nachdem ihn Harry Maylie zum erstenmal mit einer Blumenladung hatte heimkehren sehen, wurde er von einer solchen Leidenschaft für Blumen ergriffen, und er entwickelte so viel Geschmack im Ordnen derselben, daß er Oliver weit hinter sich zurückließ, der dagegen wußte, wo die schönsten Blumen zu finden waren. Sie durchstreiften Tag für Tag die Umgegend miteinander, und brachten die köstlichsten Sträuße mit nach Hause. Roses Fenster wurde jetzt geöffnet, denn die balsamische Sommerluft erquickte sie, und auf der Fensterbank stand jeden Morgen ein frischer, mit großer Sorgfalt geordneter Blumenstrauß. Oliver bemerkte, daß die welken Blumen nie weggeworfen wurden, und daß der Doktor, wenn er durch den Garten ging, stets hinaufblickte und bedeutsam lächelnd den Kopf hin und her wiegte. So verflossen die Tage, und Roses Herstellung ging rasch und glücklich vonstatten.
Auch unserm Oliver verging die Zeit nicht langsam, obwohl die junge Dame ihr Zimmer noch nicht verlassen hatte, und obwohl es keine Spaziergänge wie sonst mehr gab, ausgenommen dann und wann ganz kurze mit Mrs. Maylie. Er verdoppelte seinen Fleiß in den Lehrstunden des silberhaarigen, alten Mannes, so daß ihn seine raschen Fortschritte fast selber wundernahmen. Eines Abends, als er seine Aufgaben für den folgenden Tag lernte, begegnete ihm ein so unerwarteter wie als Besorgnis erregender Vorfall.
Das kleine Zimmer, in welchem er bei seinen Büchern zu sitzen pflegte, befand sich im Erdgeschoß, und lag nach hinten hinaus. Das Fenster ging in den Garten, aus welchem man durch eine Tür auf einen eingehegten Wiesengrund gelangte, und aus diesem auf den Anger und in ein Gehölz. Es fing an zu dämmern, Oliver hatte fleißig gelesen und auswendig gelernt, es war noch immer sehr warm, auch wohl ein wenig schwül, und er schlummerte über einem Buche ein.
Uns beschleicht bisweilen eine Art von Schlummer, der, während er den Leib gefangen hält, der Seele ein Halbbewußtsein der Umgebung und die Fähigkeit, nach Belieben umherzuschweifen, läßt. Er ist Schlaf, sofern eine überwältigende Schwere, eine Lähmung der Willenskraft und eine gänzliche Unfähigkeit, unsere Gedanken und Vorstellungen zu beherrschen, Schlaf genannt werden kann; dennoch aber wissen wir in diesem Zustande, auch wenn wir träumen, was um uns her vorgeht, schauen es, hören, was gesprochen wird, oder welche wirkliche Laute sonst an unser Ohr dringen mögen, und Wirklichkeit und Einbildung vermischen sich endlich so wunderbar, daß es nachgehends fast unmöglich ist, sie wieder voneinander zu trennen. Es ist Tatsache, obwohl unsere Gefühls- und Gesichtsorgane für die Zeit gleichsam tot sind, daß die im Schlummer uns kommenden Gedanken und die in der Einbildung geschauten Dinge bestimmt, und zwar wesentlich bestimmt werden durch die bloße stumme Gegenwart eines wirklichen Gegenstandes, der uns, als wir die Augen schlossen, nicht nahe zu sein brauchte, und von dessen Herannahen oder Anwesenheit wir kein eigentliches Bewußtsein haben.
Oliver wußte genau, daß er sich in seinem kleinen Zimmer befand, daß seine Bücher vor ihm auf dem Tische lagen, und daß der Abendwind in dem Blätterwerk vor dem Fenster rauschte – und schlummerte dennoch. Plötzlich trat eine gänzliche Umwandlung seiner Umgebung ein, die Luft wurde heiß und drückend, und er glaubte sich unter Angst und Schrecken wieder im Hause des Juden zu befinden. Da saß der fürchterliche, alte Mann in dem Winkel, in welchem er zu sitzen pflegte, wies mit dem Finger nach ihm und flüsterte einem anderen, neben ihm sitzenden Manne, der das Gesicht abgewendet hatte, etwas zu.