«Sehr wohl», erwiderte Brownlow lächelnd; «allein sie werden dafür seinerzeit ohne Zweifel schon selber sorgen, und wenn wir ihnen vorgreifen, so scheint mir's, wir werden eine arge Don-Quichotterie begehen und unserm oder doch Olivers Interesse, was aber dasselbe ist, gerade zuwiderhandeln.»
«Wieso denn?» fragte der Doktor.
«Ist es nicht klar genug,» erwiderte Brownlow, «daß es uns äußerst schwer werden wird, dem Geheimnisse auf den Grund zu kommen, wenn wir nicht imstande sind, Monks zum Beichten zu bringen? Das kann aber nur durch List geschehen und dadurch, daß wir ihn fassen, wenn er eben nicht von dem übrigen Gelichter umgeben ist. Denn gesetzt auch, daß er aufgegriffen würde – wir haben keine Beweise wider ihn. Er hat (soviel wir wissen, oder so weit es aus den Umständen hervorgeht) an keinem Diebstahle oder Raube der Bande teilgenommen. Wenn er auch nicht freigesprochen werden würde, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß er eine weitere Strafe erhielte als die, daß man ihn eine Zeitlang als Landstreicher einsperrte, und sein Mund würde dann hinterher für immer so fest geschlossen sein, daß wir unsere Zwecke ebensowenig erreichten, wie wenn er taub, stumm, blind und blödsinnig wäre.»
«Ich frage Sie abermals,» sagte der Doktor heftig, «ob Sie das dem Mädchen gegebene Versprechen vernünftigerweise für bindend halten – ein Versprechen, das in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben ist, aber wirklich –»
«Ich bitte, lassen Sie den Punkt unerörtert, mein verehrtes junges Fräulein», sagte Brownlow, Rose zuvorkommend; «das Versprechen soll gehalten werden. Ich glaube nicht, daß es unseren Schritten auch nur im mindesten hinderlich sein wird. Doch bevor wir bestimmte Entschließungen in betreff der zu ergreifenden Maßregeln fassen können, müssen wir notwendig das Mädchen sehen, um von ihr zu hören, ob sie uns so oder anders dazu verhelfen will oder kann, Monks' habhaft zu werden, oder wenn nicht, sie wenigstens zu bewegen, uns seine Person zu beschreiben und uns zu sagen, wo er sich zu verstecken pflegt, oder wo er sonst zu finden sein mag. Das kann nun vor dem nächsten Sonntag abend nicht geschehen, und heute ist Dienstag. Mein Rat ist daher, daß wir uns bis dahin vollkommen ruhig und die Sache selbst vor Oliver geheimhalten.»
Obgleich Mr. Losberne zu dem Vorschlage, fünf ganze Tage untätig zu sein, die sauerste Miene machte, so mußte er doch zugeben, im Augenblick keinen besseren Rat zu wissen; und da sowohl Rose wie Mrs. Maylie auf Brownlows Seite traten, so wurde des letzteren Rat endlich allerseits gebilligt.
«Ich nähme gern den Beistand meines Freundes Grimwig in Anspruch», sagte Brownlow. «Er ist ein wunderlicher Kauz, besitzt aber sehr viel Scharfblick und könnte uns von wesentlichem Nutzen sein. Er ist Rechtsgelehrter von Haus aus und entsagte lediglich aus Unmut darüber, daß ihm binnen zehn Jahren nur ein einziger Prozeß anvertraut wurde, dem Advokatenstande. Sie mögen indes selbst entscheiden, ob das eine Empfehlung ist oder nicht.»
«Ich habe nichts dawider, daß Sie Ihren Freund zuziehen, wenn ich auch den meinigen zuziehen darf,» sagte Losberne und erwiderte auf Brownlows Frage, wer derselbe wäre: «Der Sohn Mrs. Maylies und Miß Roses – sehr alter Freund.»
Roses Wangen wurden purpurn; sie machte jedoch keine hörbare Einwendung gegen den Vorschlag (vielleicht weil sie erkannte, daß sie doch jedenfalls in einer hoffnungslosen Minorität bleiben würde), und Harry Maylie und Grimwig wurden daher zu Mitgliedern des Komitees ernannt.
«Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt,» sagte Mrs. Maylie, «wie noch die geringste Aussicht vorhanden ist, unsere Nachforschungen mit Erfolg fortzusetzen. Ich werde bei einer uns alle so sehr interessierenden Sache weder Mühe noch Kosten sparen und gern hierbleiben, und wenn es sein muß, zwölf Monate, solange Sie mir sagen können, daß noch Hoffnung vorhanden ist.»