«Soll ich hingehen?» entgegnete Charley eifrig, denn er versprach sich jetzt den köstlichsten Genuß von einem Schauspiele, bei welchem der Baldowerer, den er noch vor kurzem als einen Gegenstand des Mitleides und Verdrusses betrachtet, in der ersten glänzenden Rolle auftreten sollte.
«Nicht um alles in der Welt», antwortete Fagin.
«So schickt den da – den Neuangeworbenen hin», riet Charley; «den kennt niemand.»
«Kein schlechter Rat», sagte der Jude. «Was meint Ihr, mein Lieber?»
«Nein, nein», erwiderte Mr. Bolter kopfschüttelnd; «nichts davon, 's ist mein Fach nicht.»
«Was habt Ihr ihm denn für ä Fach zugeteilt, Fagin?» fragte Charley Bates, Noahs schlottrige Gestalt mit großem Widerwillen betrachtend. «Sich den Rücken zu decken, wenn was zu riskieren ist, und alles aufzuessen, wenn wir in guter Ruhe zu Haus sitzen?»
«Geht dich nichts an», fiel Mr. Bolter ein; «und nimm dir keine Freiheiten heraus gegen Leute, die über dir sind, Knirps, oder du wirst erfahren, daß du vor die unrechte Schmiede gekommen bist.»
Master Bates belachte die prahlerische Drohung so ausgelassen, daß es einige Zeit währte, bevor Fagin vermitteln und Mr. Bolter vorstellen konnte, daß er bei einem Besuche des Polizeiamts durchaus keine Gefahr liefe; denn von seiner kleinen Affäre würde noch ebensowenig Kunde nach der Hauptstadt, wo man ihn am wenigsten vermute, gelangt sein, wie ein Steckbrief; und sollte es das Unglück gewollt haben, so würde er sich, gut verkleidet, nirgends in ganz London mit größerer Sicherheit aufhalten können, als eben auf der Polizei, wo er ohne Zweifel am letzten gesucht werden dürfte.
Mr. Bolter ließ sich endlich durch diese und ähnliche Vorstellungen, noch mehr aber durch seine Furcht vor dem Juden bewegen, freilich mit der verdrießlichsten Miene, einzuwilligen, die Sendung zu übernehmen. Fagin versah ihn sogleich mit einem Kärrnerkittel, manchesternen Kniehosen, ledernen Beinlingen, einem Hut mit Weggeldzetteln und einer Peitsche, und zweifelte um so weniger am Erfolge, da Mr. Bolter obendrein die Ungelenkheit eines Kärrners im vollkommensten Maße besaß. Der Baldowerer wurde ihm genau beschrieben, und Master Bates geleitete ihn durch Nebengassen nach Bow-Street, wies ihn zurecht, erteilte ihm jede sonst nötige Auskunft, forderte ihn zur Eile auf und versprach, seine Rückkehr an der Stelle, wo er ihn verließ, zu erwarten.
Master Bates' Weisungen waren so genau gewesen, daß sich Noah Claypole oder Morris Bolter, wie der Leser will, sehr leicht, und ohne fragen zu müssen, zurechtfand. Er drängte sich durch einen hauptsächlich aus Frauenzimmern bestehenden Haufen hinein in das düstere und schmutzige Gerichtszimmer. Vor den Schranken standen ein paar Weiber, die ihren bewundernden Angehörigen oder Bekannten zunickten, während der Gerichtsschreiber zwei Polizisten und einem einfach gekleideten, über den Tisch lehnenden Manne Zeugenaussagen vorlas und ein Gefängniswärter lässig dastand und von Zeit zu Zeit Ruhe oder «das Kind hinauszuschaffen» gebot, wenn ein ungebührliches Geflüster oder der Aufschrei eines Säuglings eine Störung verursachte. Noah blickte scharf umher nach dem Baldowerer, bemerkte Leute genug, welche Geschwister oder Eltern des Gepfefferten hätten sein können, aber niemand, auf den die Beschreibung gepaßt hätte, die ihm von Jack Dawkins selbst gegeben worden war. Endlich waren die vor den Schranken stehenden Frauenzimmer abgeurteilt und entfernt, und nunmehr erschien ein Angeklagter, der ohne Frage der Baldowerer war.