Mr. Giles und Brittles bekleiden fortwährend ihre alten Ämter und Würden; nur ist der erstere kahl und der letztgenannte Knabe vollkommen grau geworden. Sie schlafen im Pfarrhause, widmen aber ihre Aufmerksamkeiten den Bewohnern desselben, Oliver, Brownlow und Losberne, so gleichmäßig, daß die Leute im Dorfe niemals haben erforschen können, wem sie eigentlich dienen.

Master Charley Bates, erschüttert durch Sikes' Verbrechen, geriet auf den Gedanken, ob ein rechtschaffenes Leben nicht am Ende doch noch das beste wäre, überlegte, kam zu dem Schlusse, daß dem so sei, und nahm sich vor, den Pfad der Tugend zu erwählen. Es wurde ihm eine Zeitlang äußerst schwer, er litt nicht wenig dabei, allein es gelang ihm endlich, da er einen zufriedenen und festen Sinn besaß. Er ging in saure Dienste bei einem Pächter, darauf bei einem Fuhrmanne und ist gegenwärtig der munterste junge Viehhändler in ganz Northamptonshire.

Und nun, am Schlusse, beginnt mir die Hand, welche dies niederschreibt, zu beben, und gern spänne ich den Faden meiner Erzählung noch ein wenig länger aus – verweilte so gern noch bei einigen der mir teuer Gewordenen, in deren geistigem Umgange ich mich so lange bewegt, um ihr Glück durch den Versuch seiner Schilderung zu teilen. Ich möchte Rose Maylie in der ganzen Blüte und Anmut der jungen Gattin schildern, wie sie auf ihren von der großen Welt entfernten Lebenspfad ein so mildes und schönes Licht warf, das auf alle mit ihr ihn Wandelnde fiel und in ihre Herzen leuchtete; – ich möchte sie als das Leben und die Lust des traulichen Kreises am Kamine und der froh in der Sommerlaube Versammelten schildern; ich möchte ihr Mittags im Sonnenglanze folgen und den sanften Ton ihrer süßen Stimme bei Spaziergängen an den mondhellen Abenden vernehmen; sie bei ihren stillen Wohltätigkeitswanderungen und im Hause beobachten, wie sie lächelnd und unermüdet ihre häuslichen Pflichten erfüllt; möchte ihr Glück und das des Kindes ihrer hinübergegangenen Schwester malen, das sie genossen in gegenseitiger Liebe, in wehmütig-süßen Gedanken an so traurig verlorene Teure; möchte vor mir die fröhlich sie umspielenden, munter-geschwätzigen Kleinen hinzaubern; möchte mir den Ton ihres frohen Gelächters, die Freudenträne in ihrem sanften blauen Auge – ihr holdes Lächeln, ihre verständige Rede – jeden Blick, jedes Wort zurückrufen.

Wie Mr. Brownlow seinen angenommenen Sohn von einem Fortschritte in Kenntnissen aller Art zum andern führte und ihn, je mehr er sich entwickelte, immer lieber gewann – wie er in seinem Antlitze die Züge der Geliebten seiner Jugend suchte und mehr und mehr fand – wie sich die beiden durch Mißgeschick geprüften Waisen der Lehren desselben erinnerten und sie durch Milde und Nachsicht und Liebe gegen andere übten und unter inbrünstigem Danke gegen den Gott, der sie beschützt und gerettet – das alles braucht nicht erzählt zu werden; denn ich habe gesagt, daß sie wahrhaft glücklich waren, und ohne echte, innige Menschenliebe, ohne Dankbarkeit gegen ihn im Herzen, dessen Gesetzbuch Gnade heißt und Erbarmen, und der die Liebe selbst ist gegen alles, was Odem hat, kann wahres Glück nimmer gewonnen werden.

Neben dem Altare der alten Dorfkirche erblickt man eine weiße Marmortafel, auf welcher nur das eine Wort – «Agnes!» eingegraben ist. In dem Grabgewölbe darunter befindet sich ein Sarg, und möchten noch viele, viele Jahre vergehen, ehe ein zweiter Name hinzugefügt wird! Doch wenn die Geister der Toten zur Erde zurückkehren, die durch Liebe – über das Grab hinausreichende Liebe geheiligten Stätten zu besuchen – Wohnstätten derer, die sie in ihrem Leben kannten, so glaube ich, daß der Schatten des armen Mädchens oft, oft das leere Plätzchen umschwebt, obwohl es sich in einer Kirche befindet, und obwohl Agnes schwach war und vom rechten Pfade abirrte.

Fußnoten:

[A] Die stummen Diener des Leichenbestatters, die vor den Türen der Trauerhäuser stehen.

[B] Was gibt's?

[C] Spitzbubenkamerad.