Der Aussatz der Unwirklichkeit entstellte jedes Menschenkind, das bei Monseigneur auf Audienz wartete. In den vordersten Vorzimmern befand sich ein halbes Dutzend Ausnahmemenschen, welche seit einigen Jahren eine unbestimmte Ahnung hatten, daß die Welt im Allgemeinen eher schief ginge. Um sie wieder auf den geraden Weg zu bringen, waren die Hälfte desselben Dutzend Mitglieder einer phantastischen Secte von Convulsionären geworden und überlegten eben jetzt bei sich, ob sie nicht auf der Stelle mit schäumendem Munde und Gebrüll in Epilepsie verfallen sollten — um damit zu Monseigneurs Leitung für die Zukunft einen außerordentlich verständlichen Wegweiser zu setzen. Außer diesen Derwischen gab es noch drei andere, Mitglieder einer andern Secte, welche die Welt mit einem Kauderwälsch von dem „Centrum der Wahrheit“ bessern wollte und behauptete, die Menschheit wäre aus dem Centrum der Wahrheit herausgekommen — was nicht vielen Beweises bedurfte —, aber noch nicht aus der Peripherie, und damit sie nicht über die Peripherie hinausfliege und sogar wieder in den Mittelpunkt komme, müsse man fasten und Geister citiren. Diese Leute hatten demnach einen lebhaften Verkehr mit der andern Welt — und verrichteten damit außerordentlich viel Gutes, das man nur leider nie zu sehen bekam.

Aber der Haupttrost war, daß die ganze Gesellschaft im Hotel Monseigneurs tadellos angezogen war. Wenn man nur hätte sicher sein können, daß der Tag des Gerichts ein Gallatag sein werde, so hätte jeder der Versammelten in alle Ewigkeit die Prüfung bestanden. Ein solches Frisiren und Pudern und Pomadisiren des Haares und so kunstvolles Schminken und Malen, so tapfere Degen für das Auge und so zartes Huldigen des Geruchssinnes mußten sicherlich alles Mögliche in alle Ewigkeit im besten Glanze erhalten. Die feinsten Herren von der feinsten Erziehung trugen an ihren Uhren niedliche Kleinodien, welche klimperten, wie sie sich schläfrig bewegten; diese goldenen Fesseln läuteten wie liebliche Glöckchen; und mit diesem Läuten und dem Rauschen von Brocat und Seide und feinem Linnen ging ein Regen durch die Luft, welches St. Antoine und seinen nagenden Hunger weit hinweg wehte.

Costüm war der eine unfehlbare Talisman und Zauber, der jegliches Ding auf seinem Platze erhalten mußte. Jedermann war für eine Maskerade costümirt, die nie aufhören sollte. Vom Tuilerienpalaste durch Monseigneur und den ganzen Hof, durch die Kammern, die Gerichtshöfe und die ganze Gesellschaft (mit Ausnahme der Vogelscheuchen) stieg die Maskerade bis zum Henker herab, der, um den Zauber nicht zu brechen, frisirt, gepudert, in goldbetreßtem Rock, Schuhen und weißseidenen Strümpfen sein Amt verrichten mußte. An Galgen und Rad — das Beil war eine Seltenheit — verrichtete Monseigneur Paris, wie nach bischöflichem Brauche seine Collegen aus der Provinz, Monsieur Orleans und die Andern, ihn nannten, in diesem schmucken Aufzuge sein Amt. Und wer unter der Gesellschaft an Monseigneurs Audienztag in diesem 1780sten Jahre unseres Herrn hätte zweifeln können, daß ein System, das seine Wurzel in einem frisirten und gepuderten Henker im Tressenrock, Schuhen und weißseidenen Strümpfen hatte, nicht selbst die Sterne überdauern würde!

Nachdem Monseigneur seine vier Leute ihrer Lasten entledigt und seine Chocolade zu sich genommen hatte, ließ er die Flügelthüren des Allerheiligsten aufthun und trat hinaus. O, die Unterwürfigkeit, die krummen Rücken und schmeichelnden Gesichter, die Servilität, die niedere Kriecherei, die jetzt zu sehen waren! Was das Demüthigen, körperlich und geistig, betrifft, so blieb in dieser Hinsicht Nichts für den Himmel übrig — was einer von den vielen Gründen gewesen sein mag, warum die Anbeter Monseigneurs ihn niemals belästigten.

Mit einem Worte der Verheißung hierhin und einem Lächeln dorthin, einem geflüsterten Wort für einen glücklichen Sclaven und einem Gruß mit der Hand für einen andern, wandelte Monseigneur leutselig durch seine Gemächer bis in die entlegene Region der Peripherie der Wahrheit. Dort kehrte Monseigneur um und ging desselbigen Weges zurück und schloß sich im gehörigen Verlauf der Zeit wieder ein in sein Allerheiligstes mit den Chocoladengeistern und ward nicht mehr gesehn.

Nachdem das Schauspiel vorüber war, wurde das Regen in der Luft fast zu einem kleinen Sturm und die lieblichen Glöckchen läuteten die Treppen hinunter. Bald blieb von dem ganzen Gedränge nur ein einziger Herr zurück und dieser, mit dem Hute unter dem Arm und der Tabaksdose in der Hand, ging langsam an den Spiegeln vorüber hinaus.

„Ich widme Euch dem Teufel!“ sagte dieser Herr, indem er in der letzten Thür stehen blieb und das Gesicht dem Allerheiligsten zukehrte.

Damit schüttelte er den Tabak von seinen Fingerspitzen, als ob er den Staub von seinen Füßen geschüttelt hätte und ging ruhig die Treppe hinab.

Er war ein Mann von ungefähr sechszig Jahren in schönen Kleidern, von stolzem Benehmen und mit einem Gesicht, gleich einer schönen Maske. Ein Gesicht von durchsichtiger Blässe; jeder Zug in demselben deutlich ausgeprägt, ein feststehender Ausdruck auf demselben. Die Nase, sonst tadellos geformt, hatte über jedem Nasenflügel eine kleine Vertiefung. In diesen beiden Vertiefungen ging die einzige kleine Veränderung vor sich, welche das Gesicht überhaupt jemals zeigte. Sie veränderten manchmal die Farbe und sie erweiterten und zogen sich manchmal zusammen durch Etwas wie ein schwaches Pulsiren; dann verliehen sie dem ganzen Gesicht einen Ausdruck der Falschheit und Grausamkeit. Betrachtete man es genauer, so entdeckte man, daß dieser Ausdruck durch die Linien des Mundes und die viel zu gerade und dünne Abgrenzung der Augäpfel unterstützt ward. Dennoch war das Gesicht in der Wirkung, die es hervorbrachte, ein schönes Gesicht und ein merkwürdiges Gesicht.

Der Besitzer desselben ging die Treppe hinunter in den Hof, stieg in seinen Wagen und fuhr fort. Während der Audienz hatten nicht Viele von den Versammelten mit ihm gesprochen; er hatte einen kleinen freien Raum um sich gehabt und Monseigneur hätte wärmer gegen ihn sein können. Unter diesen Umständen that es ihm fast wohl, das gemeine Volk vor seinen Pferden Platz machen und oft kaum dem Ueberfahrenwerden entgehen zu sehen. Sein Kutscher fuhr, als ob er auf einen Feind losstürmte und sein wüthendes Jagen vermochte den Herrn weder zu einer Miene noch zu einem Worte des Tadels. Selbst in dieser tauben Stadt und in diesem stummen Zeitalter war manchmal die Klage laut geworden, daß in den engen Straßen ohne Fußweg die rücksichtslose Patriziergewohnheit schnellen Fahrens das gewöhnlichere Volk in Gefahr brachte, die gesunden Glieder oder gar das Leben zu verlieren. Aber Wenige kümmerten sich so sehr darum, um ein zweites Mal daran zu denken und in dieser Weise, wie in allen andern, überließ man es dem großen Haufen, sich aus seiner Noth zu finden, so gut er konnte.