Der junge Jerry, der sich gar nicht ausgezogen hatte, als er zu Bett ging, folgte sehr bald seinem Vater. Unter dem Schutze der Finsterniß folgte er ihm aus dem Zimmer die Treppe hinab in den Hof hinunter bis auf die Straße. Wieder in das Haus zu kommen machte ihm keine Sorge, denn es wohnten viel Leute darin und die Thür blieb die ganze Nacht angelehnt.
Getrieben von einem lobenswerthen Ehrgeiz, die Kunst und das Geheimniß des ehrlichen Gewerbes seines Vaters kennen zu lernen, behielt der junge Jerry, immer dicht an den Häusern, Mauern und Thorwegen hinschleichend, seinen ehrenwerthen Vater fortwährend im Auge. Der ehrenwerthe Vater schlug eine nördliche Richtung ein und war noch nicht weit gegangen, als sich ein anderer Schüler Isaak Waltons zu ihm fand und Beide nun in Gesellschaft weiter gingen.
Eine halbe Stunde nach dem Aufbruch hatten sie die trübe brennenden Laternen und die schlafenden Nachtwächter hinter sich und befanden sich auf einer einsamen Landstraße. Hier fand sich noch ein Liebhaber des Angelns zu ihnen und zwar so in aller Stille, daß, wenn der junge Jerry abergläubisch gewesen wäre, er hätte glauben können, der zweite Verehrer des edeln Zeitvertreibs hätte sich auf einmal in zwei Männer gespalten.
Die Drei gingen weiter und der junge Jerry ebenfalls bis die Drei an einer Stelle stehen blieben, wo die Straße durch einen Hohlweg lief. Oben auf dem Hohlweg sah man eine niedrige Mauer von Ziegelsteinen mit einem eisernen Gitter darüber. Im Schatten des Hohlwegs und der Mauer verließen alle Drei die Landstraße und lenkten in einen Seitenweg ein, dessen eine Seite die hier acht bis zehn Fuß hohe Mauer bildete. Das Nächste, was der junge Jerry, der sich in eine Ecke gekauert hatte, sah, war die Gestalt seines ehrenwerthen Vaters, der rasch ein eisernes Gitterthor hinaufkletternd sich ziemlich deutlich gegen den von einem Hof umgebenen und durch Wolken schwimmenden Mond abzeichnete. Er war bald auf der andern Seite und dann folgte der zweite Angler und der dritte. Sie alle ließen sich vorsichtig auf den Boden hinunter und blieben dort eine Weile liegen — vielleicht um zu horchen. Dann krochen sie auf Händen und Knien weiter.
Jetzt kam an den jungen Jerry die Reihe, sich der Gitterpforte zu nähern und er that es mit angehaltenem Athem. Er kauerte sich dort wieder in eine Ecke und sah, wie die drei Angler durch hohes struppiges Gras krochen, während alle Grabsteine auf dem Friedhofe — denn sie befanden sich auf einem großen Friedhofe — wie weiß gekleidete Gespenster zusahen und der Kirchthurm selbst wie das Gespenst eines ungeheuren Riesen herniederschaute. Sie waren noch nicht weit gekrochen, als sie Halt machten und sich aufrichteten. Und nun fingen sie an zu fischen.
Sie fischten zuerst mit einem Spaten. Gleich darauf machte der ehrenwerthe Vater ein Werkzeug, ungefähr gleich einem großen Korkzieher zurecht. Aber mit welchen Werkzeugen sie immer arbeiteten — sie arbeiteten mit Anstrengung, bis der dumpfe Schlag der Thurmglocke den jungen Jerry so erschreckte, daß er mit zu Berge stehendem Haar davon lief.
Doch sein lange gehegter Wunsch, mehr von diesen Sachen zu erfahren, hemmte nicht nur seinen Lauf, sondern bewog ihn auch, wieder um zu kehren. Sie fischten immer noch mit großer Ausdauer, als er zum zweiten Male zur Pforte hereinguckte; aber jetzt schien ein Fisch gebissen zu haben. Man hörte einen rumpelnden und ächzenden Ton unten in der Erde und die gekrümmten Rücken der Fischer strengten sich mächtig an, als wollten sie eine schwere Last heben. Langsam und allmählig brachten sie dieselbe auch aus der Erde heraus. Der junge Jerry wußte recht gut, was es sein würde; aber als er es erblickte und seinen ehrenwerthen Vater Anstalten machen sah es aufzubrechen, bemächtigte sich seiner bei dem noch neuen Anblick eine solche Angst, daß er wieder fortlief und nicht eher stehen blieb, als bis er wol eine halbe Stunde Wegs gelaufen war.
Auch jetzt wäre er nicht stehen geblieben, wenn er nicht unbedingt hätte Athem schöpfen müssen; denn er lief ein Gespensterwettrennen und wünschte sehnlichst, damit fertig zu sein. Er konnte sich nicht von dem Gedanken losmachen, daß der Sarg, den er gesehen, ihm nachlaufe, und wie er sich ihn dachte, wie er immer auf seinem schmalen Ende stehend ihm nachhoppe und stets auf dem Punkte stand, ihn einzuholen und an ihn heran zu hoppen — vielleicht gar seinen Arm zu nehmen — wurde es ihm fürchterlich zu Muthe. Es war auch ein allgegenwärtiger Dämon; denn während er die ganze Nacht hinter ihm zu einem Entsetzen machte, lief Jerry auf die Fahrstraße hinüber, um dunkeln Seitenwegen fern zu bleiben, aus denen der gespenstige Sarg ja hervorgehoppt kommen konnte — gleich einem wassersüchtigen Papierdrachen ohne Schweif und Flügel. Er versteckte sich auch in Thorwegen, wo er seine gräßlichen Schultern an den Thüren rieb und sie bis zu den Ohren heraufzog, als ob er lachte. Er lauerte in dunkeln Stellen auf der Straße und legte sich hinterlistig auf den Boden, daß der Laufende über ihn wegfalle. Die ganze Zeit über hoppte er ihm unaufhörlich hinten nach und kam immer näher, sodaß der Knabe halbtodt war, als er seine Hausthüre erreichte. Aber auch hier wollte er ihn nicht verlassen, sondern folgte ihm die Treppe hinauf mit einem dumpfklingenden Aufstoßen auf jeder Stufe, kletterte mit ihm in’s Bett und fiel todt und schwer auf seine Brust, wie er einschlief.
Aus schwerem Schlummer fand sich der junge Jerry in seiner Kammer nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines Vaters in der Familienstube erweckt. Etwas mußte ihm schief gegangen sein; wenigstens schloß dies der junge Jerry aus dem Umstande, daß er Mrs. Cruncher bei den Ohren hielt und sie mit dem Hinterkopf gegen das Kopfbrett des Bettes stieß.
„Ich hab’ Dir’s vorausgesagt“ sagte Mr. Cruncher „und jetzt geschieht’s.“