Mr. Cruncher war besänftigt, aber schüttelte bedenklich den Kopf. „Das hängt ganz davon ab, wie Du Deine Talente entwickelst. Gieb Dir Mühe Deine Talente auszubilden, und sprich zu andern Leuten nie ein Wort mehr als Du mußt, dann aber kann man wirklich noch nicht wissen, wozu Du es einmal noch bringen kannst.“ Wie der junge Jerry, so ermuthigt, ein paar Schritte voraus ging, um den Stuhl in den Schatten des Tempelthors zu stellen, sagte Mr. Cruncher zu sich: „Jerry, du rechtschaffener Gewerbsmann, du hast Hoffnung, daß dieser Junge ein Segen wird, und eine Entschädigung für seine Mutter!“

Fünfzehntes Kapitel.
Stricken.

Das Trinken im Weinschank Monsieur Defarges hatte heute früher als gewöhnlich begonnen. Schon sechs Uhr Morgens sahen bleiche Gesichter, die durch die vergitterten Fenster blickten, drinnen andre Gesichter hinter ihrem Maße Wein sitzen. Monsieur Defarge schenkte in den besten Zeiten einen sehr dünnen Wein, aber heute schien er ungewöhnlich dünn zu sein. Uebrigens sauer oder säuernd, denn er brachte in den Gästen eine melancholische Stimmung hervor. Keine lustige bachanalische Flamme sprang aus den gekelterten Trauben Monsieur Defarges hervor, wol aber lag in den Hefen ein im dunkeln fortglimmendes Feuer versteckt.

Es war schon der dritte Morgen, seitdem das frühe Trinken in dem Weinschank Monsieur Defarges angefangen hatte. Begonnen hatte es Montag, und heute war Mittwoch. Es war aber mehr frühes Kopfzusammenstecken als Trinken gewesen, denn Viele hatten seit dem Oeffnen des Ladens dort zugehört und geflüstert und herumgestanden, die um ihre Seele zu retten nicht das kleinste Stück Geld auf den Ladentisch hätten legen können. Sie galten jedoch ebenso viel an dem Orte, als ob sie ganze Fässer Wein hätten bestellen können, und sie schlichen von einem Platz und von einer Ecke zur andern, Worte anstatt Wein mit gierigen Blicken verzehrend.

Der Weinschank.

Trotz ungewöhnlich zahlreichen Besuchs war der Besitzer des Weinschanks nicht sichtbar. Er ward nicht vermißt, denn Niemand der über die Schwelle kam sah sich nach ihm um, Niemand fragte nach ihm, Niemand wunderte sich, nur Madame Defarge auf ihrem Platz zu sehen, neben sich einen Teller voll abgegriffener kleiner Münzen, so sehr ihres ursprünglichen Gepräges verlustig geworden, als die Menschen, aus deren zerrissenen Taschen sie gekommen waren.

Die Spione, die in den Weinschank hineinguckten, wie sie jeden Ort, hoch oder niedrig, vom Königspalast bis zum Kerker beguckten, bemerkten vielleicht ein gespanntes Warten und eine vorherrschende Zerstreutheit. Das Kartenspiel ging nicht flott, die Dominospieler bauten nachdenklich Thürme mit den Steinen, Gäste malten mit vergossenem Wein Figuren auf den Tisch, und selbst Madame Defarge stach mit ihrem Zahnstocher in dem Muster auf ihrem Aermel herum, und sah und hörte etwas Unhörbares und Unsichtbares, was noch in weiter Ferne war.