„Ich sage Dir“ fuhr Madame fort, indem sie, um ihrer Rede Nachdruck zu geben, die rechte Hand ausstreckte, „daß, obgleich es lange unterwegs ist, es doch unterwegs und im Anzuge ist. Ich sage Dir, es zieht sich nie zurück und steht nie still. Ich sage Dir, es kommt immer näher. Sieh um Dich und bedenke, welches Leben die Welt — so weit wir sie kennen — führt; bedenke die Wuth und die Unzufriedenheit zu welcher die Jacquerie stündlich mit sicherer Aussicht auf Erfolg spricht. Kann so etwas ewig dauern? Bah! Ich möchte lachen.“

„Mein starkes Weib!“ entgegnete Defarge, der vor ihr mit etwas gesenktem Haupt und auf dem Rücken gelegten Händen stand, wie ein gelehriger und aufmerksamer Schüler vor seinem Lehrer. „Alles das ziehe ich nicht in Zweifel. Aber es hat schon lange Zeit gedauert und es ist möglich — Du weißt recht gut, Frau, es ist möglich — daß es während unserer Lebenszeit nicht kommt.“

„Nun gut, was dann?“ fragte Madame und knüpfte einen andern Knoten, als ob sie einen andern Feind erwürge.

„Nun ja!“ sagte Defarge mit einem halbklagenden und halb um Verzeihung bittenden Achselzucken. „Wir sehen dann den Sieg nicht.“

„Wir haben aber mit dazu geholfen“ entgegnete Madame und streckte ihre Hand mit energischer Geberde aus. „Nichts, was wir thun, geschieht vergebens. Ich glaube von ganzer Seele, daß wir den Sieg erblicken werden. Aber selbst wenn nicht, selbst wenn ich es gewiß wüßte, so zeige mir den Hals eines Aristokraten und Tyrannen und ich wollte doch —“

Hier knüpfte Madame mit festgeschlossenen Zähnen einen wirklich recht festen Knoten.

„Halt!“ rief Defarge ein wenig erröthend, als ob man ihn der Feigheit beschuldigte; „auch ich, Frau, werde vor Nichts zurückschrecken.“

„Ja! aber es ist Deine Schwäche, daß Du manchmal Dein Opfer und Deine Gelegenheit sehen willst, um frischen Muths zu bleiben. Behalte frischen Muth ohne das. Wenn die Zeit kommt laß einen Teufel und einen Tiger los; aber warte auf die Zeit, mit dem Tiger und dem Teufel an der Kette — Niemand sichtbar — aber immer bereit.“

Madame gab dem Schlußwort dieses Rathes dadurch Nachdruck, daß sie mit ihrer Kette von eingeknüpftem Geld auf den kleinen Ladentisch schlug, als ob sie dessen Gehirn ausschlüge und dann das Taschentuch mit unbefangener Miene unter den Arm nahm und bemerkte, daß es Zeit zum Schlafengehen sei.

Der nächste Mittag sah die wunderbare Frau auf ihrem gewöhnlichen Platze im Weinschanke fleißig mit Stricken beschäftigt. Eine Rose lag neben ihr und wenn sie manchmal einen Blick auf die Blume warf, so verlor sie dabei ihr gewöhnliches nachdenkliches Aussehen nicht. Im Laden waren wenig Gäste, welche tranken oder nicht tranken, saßen oder standen. Es war sehr heiß und Haufen von Fliegen, welche ihre neugierigen und abentheuerlichen Forschungen bis in die klebrigen Gläschen neben Madame ausdehnten, fielen todt auf den Boden. Ihr Untergang machte keinen Eindruck auf die andern spazierengehenden Fliegen, welche ihnen in der unbefangensten Weise zusahen (als ob sie selbst Elephanten oder etwas anderes den Fliegen eben so wenig Aehnliches wären), bis sie dasselbe Schicksal traf. Seltsam, wie leichtsinnig Fliegen sind! — Vielleicht dachten sie an diesem sonnigen Sommertage an dem Hof eben so.