Es war ein kärgliches und ungenügendes Abendessen ohne Ahnung von Fleisch oder der meisten andern Zuthat, als schlechtes Brod. Aber menschliche Gemeinschaft flößte den steinharten Lebensmitteln einigen Nahrungsstoff ein und wußte einige Funken von Heiterkeit herauszulocken. Väter und Mütter, die ihren vollen Antheil an den schlimmsten Blutthaten gehabt hatten, spielten gemüthlich mit ihren abgemagerten Kindern, und Liebende mit einer solchen Welt um sich und vor sich liebten und hofften.

Es war fast Morgen, als die letzte Gruppe Gäste Defarge’s Weinschank verließ und Mr. Defarge zu Madame, seiner Frau, mit heiserer Stimme sagte, als er die Thür verriegelte: „Endlich ist es gekommen, Frau!“

„Nun ja!“ — entgegnete Madame. „Beinahe.“

St. Antoine schlief; die Defarge’s schliefen; selbst der Racheengel schlief mit seinem heruntergekommenen Gewürzkrämer und die Trommel ruhte. Die Stimme der Trommel war die einzige Stimme in St. Antoine, welche Sturm und Blutvergießen nicht ermüdet hatte. Der Racheengel, als Hüter der Trommel, hätte sie wecken und ihr dieselben Töne entlocken können, wie vor der Einnahme der Bastille und vor dem Tode des alten Foulon; aber anders war es mit den heiseren Stimmen der Männer und Frauen von St. Antoine.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Feuer!

Es war eine Veränderung über das Dorf gekommen, wo der Brunnen plätscherte und wo der Straßenarbeiter täglich hinausging, um aus den Steinen auf der Landstraße die paar Bissen Brod herauszuklopfen, welche seine arme unwissende Seele und seinen armen abgezehrten Körper nothdürftig zusammenhielten. Das Gefängniß auf der Klippe sah nicht mehr so herrisch wie früher darein. Es waren Soldaten als Wache darin, aber nicht viele; es waren Officiere da, um die Soldaten zu bewachen, aber keiner wußte, was seine Leute thun würden — außer etwa, daß sie wahrscheinlich nicht thun würden, was er ihnen beföhle.

Weit und breit sah man zu Grunde gerichtetes Land, das nichts als Wüstenei war. Jedes grüne Blatt, jeder Gras- und Getreidehalm war so zusammengeschrumpft und dürftig, wie die elende Bevölkerung. Alles war entnervt, entmuthigt, gedrückt und gebrochen. Wohnungen, Einzäunungen, Hausthiere, Männer, Weiber und Kinder und der Boden, der sie trug — Alles ausgesogen und unfruchtbar geworden.

Monseigneur (oft als Individuum ein sehr würdiger Herr) war ein Segen für die Nation, gab Allem einen ritterlichen Ton, war ein elegantes Beispiel eines üppigen und glänzenden Lebens und noch viel mehr ähnlicher Art; dessenungeachtet hatte Monseigneur als Stand auf die eine oder andere Weise die Sachen auf diesen Punkt gebracht. Merkwürdig daß die Schöpfung, ausdrücklich für Monseigneur gemacht, sich so bald so ganz und gar ausquetschen läßt! Es muß doch etwas Kurzsichtiges in den Anordnungen des Ewigen sein! So war es aber doch; und da der letzte Tropfen Blut aus den Steinen herausgepreßt und die letzte Schraube der Folter so oft gedreht worden war, daß sie zu Schanden ging und sich drehte und drehte, ohne Etwas zu drücken, so fing Monseigneur an, vor einer so gemeinen und unerklärlichen Erscheinung davon zu laufen.

Aber das war nicht die Veränderung, die über dieses Dorf und viele andere ähnliche Dörfer gekommen war. Seit zwanzig Jahren und länger hatte Monseigneur es gedrückt und aufgesogen und es selten mit seiner Gegenwart beehrt, als um die Freuden der Jagd zu genießen, die bald im Hetzen der Leute, bald im Hetzen des Wildes bestanden, zu dessen Erhaltung Monseigneur — sehr erbaulich — weite Strecken zur unbebauten Wüstenei werden ließ. Nein. Die Veränderung bestand mehr in dem Erscheinen fremder Gesichter gemeiner Art, als in dem Verschwinden der vornehmen classischen und auch anderweitig seligen und beseligenden Gesichtszüge Monseigneurs.