„Still geschwiegen!“ murrte eine Rothmütze und schlug mit dem Flintenkolben auf die Bettdecke. „Still geschwiegen, Aristokrat!“
„Es ist so wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der schüchterne Beamte. „Sie sind ein Aristokrat und müssen eine Escorte haben — und müssen dafür bezahlen.“
„Ich habe keine Wahl,“ sagte Charles Darnay.
„Wahl! Hört ihn nur!“ rief dieselbe grollende Stimme der Rothmütze wieder. „Als ob es keine Begünstigung wäre, Schutz vor der Laterne zu finden!“
„Es ist immer so, wie der gute Patriot sagt,“ bemerkte der Beamte. „Stehen Sie auf und ziehen Sie sich an, Emigrant.“
Darnay gehorchte und wurde nach der Thorwache zurückgebracht, wo andere Patrioten in rothen Mützen bei einem Wachtfeuer rauchten, tranken und schliefen. Hier bezahlte er schweres Geld für seine Escorte und mußte dann mit derselben um drei Uhr früh auf der regendurchweichten Landstraße weiter. Die Escorte bestand aus zwei berittenen Patrioten in rothen Mützen mit dreifarbigen Cocarden, und bewaffnet mit Gewehren und Säbeln aus dem Nationaleigenthum. Die Patrioten hatten Darnay in der Mitte, welcher sein eigenes Pferd lenkte; aber am Zaume desselben war ein Strick befestigt, den einer der Patrioten um die Hand geschlungen hatte. In diesem Aufzuge traten sie die Reise an, während der kalte Regen ihnen in’s Gesicht schlug und ritten mit schleppendem Trott über das schlechte Straßenpflaster der Stadt und hinaus auf die Landstraße, die nur einen Morast bildete. Ohne einen anderen Wechsel als in der Gangart der Pferde legten sie so im knietiefen Schlamm die Meilen zurück, die sie noch von der Hauptstadt trennten.
Sie reisten in der Nacht, machten ein oder zwei Stunden nach Tagesanbruch Halt und lagen still bis zur Abenddämmerung. Die beiden Patrioten waren so dürftig gekleidet, daß sie Stroh um ihre nackten Beine wickelten und auf die zerlumpten Schultern Stroh legten, um sie vor der Nässe zu schützen. Abgesehen von der persönlichen Unannehmlichkeit so begleitet zu werden, und von Besorgnissen für die Gegenwart, welche der Umstand erweckte, daß einer der Patrioten chronisch betrunken war und mit seinem Gewehr sehr leichtsinnig umging, ließ Charles Darnay trotz des ihm aufgelegten Zwanges keine ernstliche Furcht in seiner Brust emporkommen; denn er redete sich ein, daß dies nichts zu thun haben könnte mit der Gerechtigkeit einer individuellen Sache, die noch nicht vorgebracht war und mit Vorstellungen die, bestätigt von dem Gefangenen in der Abtei, noch zu machen waren.
Aber als sie die Stadt Beauvais erreichten — es war gegen Abend und die Straßen waren voller Leute — konnte er sich nicht verhehlen, daß die Dinge einen sehr beunruhigenden Anstrich annahmen. Unheil verkündende Gesichter umdrängten ihn, als er vor dem Posthaus abstieg, und viele Stimmen riefen laut aus dem Gewühl: „Nieder mit dem Emigranten!“
Eben im Absteigen begriffen, setzte er sich wieder in den Sattel als den sichersten Platz und sagte:
„Emigrant, meine Freunde! seht Ihr mich nicht hier in Frankreich aus eignem freien Willen?“