„Was der Teufel, sag ich noch einmal!“ rief der Kerkermeister aus, der jetzt mit seiner Frau allein war. „Wie viele sollen noch kommen!“
Die Frau des Kerkermeisters, die keine Antwort auf diese Frage hatte, erwiederte blos: „Man muß Geduld haben, mein Guter!“ Drei Schließer, welche auf ein Klingeln hereintraten, wiederholten den Rath und Einer setzte hinzu „um der Liebe zur Freiheit willen“; was an diesem Ort wie ein unpassender Schluß klang.
Das Gefängniß La Force war ein schauerliches Gefängniß, finster und schmutzig, und mit einem schrecklichen Geruch von ungesundem Schlaf darin. Es ist merkwürdig, wie bald sich der ekelhafte Dunst eingekerkerten Schlafs in allen solchen Orten, die nicht gut gehalten werden, bemerklich macht.
„Obenein zu geheimer Haft,“ murrte der Kerkermeister, wie er einen Blick auf den Zettel warf. „Als ob es nicht schon zum Ueberlaufen voll wäre.“
Uebellaunig reihete er das Papier zu vielen andern auf eine Nadel auf, und Charles Darnay erwartete sein weiteres Belieben wohl eine halbe Stunde lang, während welcher Zeit er abwechselnd in dem hochgewölbten Raume auf und ab ging oder auf einer steinernen Bank ausruhte, denn er wurde mit Absicht aufgehalten, damit der Oberschließer und dessen Untergebene sich sein Aussehen gehörig einprägten.
„Folgen Sie mir, Emigrant,“ sagte der Kerkermeister endlich, indem er nach einem Bund Schlüssel langte.
Durch das unheimliche Kerkerzwielicht folgte ihm der Gefangene durch Corridore und mehrere Treppen hinauf, und mehrere Thüren schlugen rasselnd hinter ihm zu, und wurden verschlossen, bis sie in ein großes niedriges gewölbtes Zimmer kamen, gedrängt voll von Gefangenen beiderlei Geschlechts. Die Frauen saßen an einem langen Tisch, lasen und schrieben, strickten, näheten und stickten; die Männer standen meistens hinter ihren Stühlen oder bewegten sich im Zimmer umher.
In dem unwillkürlichen Zusammendenken von Gefangenen mit entehrenden Verbrechen und Schande fühlte sich der neue Ankömmling von dieser Gesellschaft abgestoßen. Aber die alles übertreffende Unwirklichkeit seines langen fast dem Traumleben angehörenden Rittes war, daß sie alle auf einmal aufstanden und ihn mit aller Feinheit der damaligen Zeit und mit der ganzen gewinnenden Anmuth und Höflichkeit der vornehmen Welt begrüßten.
So seltsam getrübt war dieses Wesen durch das Kerkerleben und das Kerkerdüster, so gespenstig wurde es in dem dagegen schreienden Schmutz und Jammer, von dem es begleitet war, daß Charles Darnay sich vorkam, als ob er in einer Gesellschaft von Todten stände. Lauter Gespenster! das Gespenst der Schönheit, das Gespenst der Vornehmheit, das Gespenst der Anmuth, das Gespenst des Stolzes, das Gespenst der Frivolität, das Gespenst des Witzes, das Gespenst der Jugend, das Gespenst des Alters, sie warteten Alle auf ihre Entfernung von dem unwirthlichen Strande und sahen ihn an mit Augen, welche der Tod verändert hatte, den sie beim Eintritt in diesem Raum gestorben waren.
Er blieb erstarrt stehen. Der neben ihm wartende Kerkermeister und die andern sich im Zimmer herum bewegenden Schließer, die in der gewöhnlichen Ausübung ihres Amtes gut genug ausgesehen haben würden, sah so entsetzlich gemein aus neben den hier anwesenden bekümmerten Müttern und blühenden Töchtern — neben der Coquette, der jungen Schönheit und der gereiftern vornehm erzogenen Frau — daß die Verkehrung aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit, welche dieses Bild aus dem Schattenreich darstellte, den höchsten Grad erreichte. Gewiß lauter Gespenster! Gewiß war der lange traumhafte Ritt eine Krankheit gewesen, die ihn unter diese düstern Schatten gebracht!