„Aber er — er ist gefunden worden. Er lebt. Sehr verändert, wie nur zu wahrscheinlich ist; möglicherweise nur ein traurigster Rest von dem, was er war, obgleich wir das Beste hoffen wollen. Aber er lebt doch noch. Ihr Vater hat eine Zuflucht in dem Hause eines alten Dieners in Paris gefunden und dorthin gehen wir: ich, um ihn womöglich zu identificiren; Sie, um ihn dem Leben, der Liebe, der häuslichen Pflege und dem häuslichen Glück wiederzugeben.“

Ein Schauer überlief ihren Körper und ging auf ihn über. Sie sagte mit leiser, deutlicher, von feierlichem Grauen gedämpfter Stimme, als ob sie es in einem Traume sagte:

„Ich soll seinen Geist sehen! Es wird sein Geist sein — nicht er selbst!“

Mr. Lorry rieb in stiller Fassung die Hände, welche sich an seinen Arm klammerten. „So, so! Nur ruhig, nur ruhig! Sie wissen jetzt das Beste und das Schlimmste. Sie sind unterwegs zu dem armen Dulder und bei glücklicher See- und Landreise werden Sie bald an seiner geliebten Seite sein.“

Sie wiederholte mit derselben, von feierlichem Grauen gedämpften Stimme. „Ich bin frei, ich bin glücklich gewesen, aber sein Geist hat mich nie heimgesucht!“

„Nur noch Eins,“ sagte Mr. Lorry, mit besonderem Nachdruck, um damit in wohlthuender Weise ihre Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu lenken; „man hat ihn unter einem andern Namen gefunden; sein eigener ist seit langer Zeit vergessen oder verborgen gehalten worden. Es wäre schlimmer als nutzlos, danach zu forschen; schlimmer als nutzlos, zu fragen, ob er selbst seit Jahren vergessen oder absichtlich als Gefangener festgehalten wurde. Es wäre schlimmer als nutzlos, jetzt überhaupt Nachforschungen anzustellen, weil es gefährlich wäre. Besser kein Wort weiter von der Sache zu sagen und ihn wenigstens auf einige Zeit aus Frankreich zu entfernen. Selbst ich, so sicher ich als ein Engländer bin und selbst Tellsons, so wichtig sie für den französischen Credit sind, vermeiden, die Sache nur mit Einem Worte zu erwähnen. Ich habe auch kein Zettelchen Schriftliches, was sich darauf bezieht, bei mir. Es ist ganz und gar eine Sendung im geheimen Dienst. Meine Beglaubigungsschreiben, Notizen und Aufzeichnungen sind alle in der Einen Zeile zusammengefaßt „Wiederauferstanden“; was sonst wer weiß was sagen kann. Aber was ist das! Sie hört kein Wort! Miß Manette!“

Ganz regungslos und stumm und nicht einmal in ihren Stuhl zurückgesunken saß sie gänzlich gefühllos da, mit offenen und auf ihn gehefteten Augen und mit dem letzten Ausdruck auf ihrer Stirn wie eingeschnitten, oder wie eingebrannt. So krampfhaft hielt sie noch seinen Arm umklammert, daß er aus Furcht, ihr wehe zu thun, gar nicht wagte, sich von ihr los zu machen; deshalb rief er, ohne sich zu bewegen, laut um Hülfe.

Eine wild aussehende Frau, von der Mr. Lorry sogar in seiner Aufregung bemerkte, daß sie über und über roth war und rothes Haar hatte, und nach einer merkwürdigen, knapp anliegenden Mode gekleidet war und auf ihrem Kopf einen höchst wunderbaren Hut hatte, ungefähr von der Form eines hölzernen Metzenmaßes, oder eines großen Stiltonkäses, kam der Bedienung des Wirthshauses ein gut Stück voraus in das Zimmer gelaufen und schlichtete bald die Frage seiner Loslösung von der armen jungen Dame dadurch, daß sie eine muskulöse, sonnenverbrannte Hand auf seine Brust legte und ihn mit einem Schub an die nächste Wand warf.

(„Ich denke wirklich, das muß ein Mann sein!“ sagte Mr. Lorry athemlos bei sich, während er an die Wand flog.)