„Ich habe eine schlimme Ahnung,“ sagte Mr. Lorry und drohte ihm zürnend mit dem Zeigefinger, „daß Ihr das respectable und große Haus Tellson als falsches Schild benutzt habt und einer ungesetzlichen Beschäftigung der verworfensten Art nachgegangen seid. Wenn das der Fall gewesen ist, so erwartet nicht, daß ich ein gutes Wort für Euch einlege, wenn wir nach England zurückkehren. Wenn es der Fall gewesen ist, so erwartet nicht, daß ich Euer Geheimniß achte. Ich kann nicht dulden, daß Tellson’s hintergangen werden.“
„Ich hoffe, Sir,“ bat der beschämte Mr. Cruncher, „daß ein alter Herr wie Sie, dem ich die Ehre gehabt habe Ausläuferdienste zu leisten bis ich grau davon geworden bin, sich es zweimal überlegen wird, selbst wenn es an dem wäre — ich sage nicht daß es ist, eben selbst wenn es wäre. Und was dabei zu bedenken ist, daß, wenn es wäre, selbst dann nicht alle Schuld auf eine Seite fiele. Es sind zwei Seiten bei der Sache. Es könnte Aerzte geben zur gegenwärtigen Stunde, die ihre Guineen verdienen, wo ein ehrlicher Gewerbsmann nicht seinen Dreier verdient. — Dreier! Nein, noch nicht seinen halben Dreier — halben Dreier! Nein, noch nicht seinen Vierteldreier — die ihr Bankconto haben wie Dampf bei Tellsons, und verstohlen mit ihren medicinischen Augen den Gewerbsmann anzwinkern, während sie aus der Bank kommen und in ihren Wagen steigen — Ah! auch mit Dampf, wenn nicht noch mit mehr. Na, das hieße auch Tellsons hinter’s Licht führen. Denn man kann nicht zur Gans Sauce geben und zum Gänserich keine. Und dann kommt Mrs. Cruncher oder kam wenigstens in der Altenglandzeit und würde morgen bei der ersten Veranlassung gegen das Geschäft in einer Weise rutschen, die ruinirlich wäre — rein ruinirlich. Während die Weiber dieser Aerzte nicht rutschen — die lassen’s bleiben! oder wenn sie rutschen, rutschen sie wegen mehr Patienten und wie kann man die Einen haben ohne die Anderen? Und dann sorgen die Leichenbesorger und die Kirchspielschreiber, und die Todtengräber, und die Privatwächter (alle geizig und alle dabei) dafür, daß ein Mann nicht viel dabei verdient, selbst wenn es so wäre. Und das Wenige, was ein Mann verdient würde ihm nie gedeihen, Mr. Lorry. Ja, es würde ihm nie gedeihen; er möchte immer gern das Geschäft aufgeben, wenn er nur wüßte wie er herauskommen sollte, wenn er einmal d’rin ist — selbst wenn es so wäre.“
„Pfui!“ sagte Mr. Lorry, der trotzdem den Verbrecher mit milderem Auge ansah. „Schon der Gedanke empört mich, wenn ich Euch ansehe.“
„Um was ich Sie eben demüthig bitten wollte, Sir,“ fuhr Mr. Cruncher fort, „selbst wenn es so wäre, und ich sage nicht, daß es so ist“ —
„Keine Hinterzüge,“ sagte Mr. Lorry.
„Nein, ganz gewißlich nicht,“ entgegnete Mr. Cruncher, als ob seinen Gedanken oder seinem Thun nichts ferner läge — „ich sage nicht, daß es so ist — um was ich Sie demüthig bitten wollte ist Folgendes. Auf dem Stuhle wissen Sie, dort bei dem Temple-Thor drüben, sitzt mein Junge, auferzogen und aufgewachsen um bald ein Mann zu sein, der Ihnen Botenlaufen und Alles für Sie thun kann, bis Ihre Hacken sind, wo jetzt Ihr Kopf ist, wenn Sie es sonst wünschen. Wenn es so wäre, was ich noch gar nicht sage, (denn ich will keine Hinterzüge machen, Sir,) so lassen Sie diesen Jungen seines Vaters Stelle einnehmen und für seine Mutter sorgen; verrathen Sie den Vater dieses Jungen nicht — thuen Sie es nicht, Sir, und lassen Sie den Vater einen ordentlichen Gräber werden, und wieder gut machen, was er schlecht gemacht hat durch Ausgraben — wenn es so wäre — indem er sie ordentlich und richtig einscharrt und ein verfluchter Kerl sein will, wenn er sie wieder ausgraben läßt. Das, Mr. Lorry,“ sagte Mr. Cruncher, und wischte sich die Stirn mit dem Rockärmel ab, zum Zeichen, daß er sich dem Schlusse seiner Rede näherte, „das ist’s, um was ich Sie bitten wollte, Sir. Der Mensch kann hier nicht ersehen wie schrecklich es zugeht, was Subjecte ohne Köpfe betrifft — Gott! reichlich genug vorhanden, um den Preis herunter zu drücken bis auf’s Trägerlohn und kaum das, — ohne seine ernsten Gedanken zu bekommen. Und das wären meine Gedanken, wenn es so wäre und ich bitte Sie nicht zu vergessen, daß ich das, was ich gesagt habe, in der guten Sache gesagt habe, wo ich hätte schweigen können.“
„Das wenigstens ist wahr,“ sagte Mr. Lorry. „Schweigen wir jetzt davon. Vielleicht werdet Ihr noch meine Fürsprache haben, wenn Ihr sie verdient und in Werken bereut — nicht in Worten. Ich brauche keine Worte mehr.“
Mr. Cruncher fuhr mit den Knöcheln an die Stirn, als Sydney Carton und der Spion aus dem dunkeln Nebenzimmer erschienen. „Leben Sie wohl, Mr. Barsad!“ sagte der erstere; „unsere Verabredung ist getroffen und Sie haben Nichts weiter von mir zu fürchten.“