Aber dies Alles war blos ein Anfang. Es dauerte nicht lange, so stellte sich die Erwägung ein, daß keine Schande in dem Schicksal sei, dem er entgegen ging, daß jeden Tag Viele denselben Weg, ungerecht verurtheilt, wandelten und ihn mit festem Schritte gingen. Zunächst kam der Gedanke, daß es von höchster Wichtigkeit für den zukünftigen Seelenfrieden der Theueren, die er auf der Erde zurückließ, sei, ruhige Fassung zu zeigen. So wurde allmälich sein Gemüth ruhiger und gerieth in eine Stimmung, wo seine Gedanken sich viel höher erhoben und er Trost von Oben holen konnte.
Bevor es am Abend seiner Verurtheilung dunkel geworden, war er so weit auf seinem letzten Wege gekommen. Man hatte ihm gestattet, Schreibmaterialien und ein Licht zu kaufen, und er setzte sich hin um zu schreiben bis zu dem Zeitpunkt, wo das Licht in den Gefängnissen ausgelöscht werden mußte.
Er schrieb einen langen Brief an Lucien, in welchem er ihr erzählte, daß er von ihres Vaters Haft nichts gewußt, bis er davon durch sie gehört, und daß es ihm ebenso wenig wie ihr selbst bekannt gewesen, daß sein Vater und sein Oheim Schuld an diesem Unglück gewesen, bis das Papier verlesen worden. Er hatte ihr bereits auseinandergesetzt, daß es ihr Vater — warum, sei jetzt wohl einzusehen — zur einzigen Bedingung bei ihrer Verlobung gemacht und es sich an ihrem Hochzeitsmorgen noch besonders habe versprechen lassen, ihr den Namen zu verheimlichen, den er aufgegeben hatte. Um ihres Vaters willen bat er sie, niemals nachzuforschen, ob ihr Vater das Vorhandensein des Papieres vergessen, oder ob er daran erinnert worden durch die Geschichte aus dem Tower, an jenem längst vergessenen Sonntage unter dem lieben Platanenbaume im Garten. Wenn er eine bestimmte Erinnerung an dasselbe gehabt, so sei er jedenfalls überzeugt gewesen, daß es mit der Bastille verbrannt sei, als er es unter den Reliquien von Gefangenen, welche die Stürmenden dort gefunden und welche in allen Zeitungen beschrieben worden, nicht erwähnt gefunden hatte. Er bat sie — obgleich er hinzusetzte, daß er recht wohl wisse wie überflüssig das sei — ihren Vater damit zu trösten, daß sie ihm bei jeder Gelegenheit in der schonendsten Weise die Wahrheit einpräge, daß er nichts gethan habe, weßwegen er sich begründete Vorwürfe zu machen habe, sondern stets um ihrer beider willen in Selbstvergessenheit voran gegangen sei. Nachdem er sie noch einmal gebeten, sich seiner letzten dankbaren Liebe und seines Segens ewig zu erinnern und ihren Schmerz zu überwinden, um für ihr geliebtes Kind zu sorgen, beschwor er sie nächst diesem, ihren Vater zu trösten.
An diesen schrieb er in derselben Weise; aber er sagte ihm noch, daß er ausdrücklich seine Gattin und sein Kind seiner Obhut übergebe. Und er sagte ihm Dies sehr eindringlich in der Hoffnung, ihn dadurch vor Niedergeschlagenheit oder einem gefährlichen Rückfall in den alten Zustand, der nur zu sehr zu befürchten war, zu bewahren.
Mr. Lorry legte er alle seine Lieben an’s Herz und setzte seine irdischen Angelegenheiten auseinander. Nachdem dies mit vielen Aeußerungen dankbarer Freundschaft und warmer Zuneigung geschehen, war Alles fertig. An Carton dachte er nicht ein einziges Mal. So voll war seine Seele von den Anderen.
Er hatte Zeit diese Briefe zu beenden, bis die Lichter ausgelöscht wurden. Als er sich auf sein Strohbett streckte, glaube er mit dieser Welt abgeschlossen zu haben.
Aber sie winkte ihn zurück in seinem Schlummer und zeigte sich ihm in leuchtenden Gestalten. Frei und glücklich, wieder in dem alten Hause in Soho (obgleich es ganz anders aussah als das wirkliche Haus), in unerklärlicher Weise befreit und der Sorgen entledigt, war er wieder mit Lucien vereint und sie sagte ihm, daß alles ein Traum und er nie fortgewesen sei. Eine Pause des Vergessens und dann hatte er geduldet und dann war er wieder bei ihr, todt und in Frieden und doch war kein Unterschied in ihnen. Noch eine Pause der Vergessenheit und er wachte in düsterer Morgenstunde auf, ohne zu wissen wo er war und was geschehen, bis es ihm wie ein Blitz durch den Kopf fuhr, dies ist mein Sterbetag!
So war er durch die Stunden zu dem Tage gekommen, wo die zweiundfünfzig Köpfe fallen sollten. Und jetzt, wo er gefaßt war und hoffte, seinem Ende mit ruhigem Heldenmuthe entgegen gehen zu können, nahmen seine wachenden Gedanken eine neue Richtung an, die sehr schwer zu bewältigen war.