Ein solches Herz trug Madame Defarge unter ihrem groben Kleide. So sorglos es angelegt war, stand ihr das Kleid doch in einer gewissen unheimlichen Weise und ihr dunkles Haar sah schön aus unter der groben, rothen Mütze. In ihrem Busen versteckt war ein geladenes Pistol. In ihrem Gürtel versteckt befand sich ein scharfes Messer. So angethan und mit der Zuversicht eines solchen Charakters und der geschmeidigen Sicherheit einer Frau einherschreitend, die in ihrer Kindheit gewohnt gewesen, barfuß und barbeinig über den feuchten Meeresstrand zu gehen, suchte Madame Defarge ihren Weg durch die Straßen.
Als man vorige Nacht den Plan der Abreise der Kutsche ausgesonnen, die in diesem Augenblicke gerade die Vervollständigung ihrer Ladung erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß mit darin aufzunehmen, Mr. Lorry viel Kopfzerbrechen verursacht. Es war nicht blos wünschenswerth, die Kutsche nicht so schwer zu belasten, sondern auch von der höchsten Wichtigkeit, die von dem Durchsuchen und dem Verhör der Reisenden beanspruchte Zeit bis auf das Aeußerste zu beschränken, da ihre Rettung von der Ersparniß weniger Sekunden an diesem und jenem Orte abhängen konnte. Zuletzt schlug er, nach sorgfältiger Erwägung, vor, daß Miß Proß und Jerry, welche die Stadt zu allen Zeiten verlassen konnten, um drei Uhr in dem leichtesten der damals üblichen Fuhrwerke abreisen sollten. Nicht belästigt mit Gepäck, konnten sie die Kutsche bald einholen, dann vorausfahren und auf den Stationen im Voraus Pferde bestellen. So waren sie im Stande die Reise während der kostbaren Nachtstunden, wo Verzug am Gefährlichsten war, erheblich zu beschleunigen.
Da Miß Proß in dieser Anordnung die Hoffnung sah, in dieser drängenden Noth wirkliche Dienste zu leisten, begrüßte sie dieselbe mit Freuden. Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen, hatten gewußt wer es war, den Salomo brachte, hatten zehn Minuten in allen Qualen der Spannung verlebt, und beendigten nun ihre Vorbereitungen um der Kutsche zu folgen, während Madame Defarge, immer noch durch die Straßen wandelnd, der im übrigen verlassenen Wohnung, wo sie jetzt zu Rathe gingen, immer näher kam.
„Nun, was meinen Sie, Mr. Cruncher,“ fragte Miß Proß, deren Aufregung so arg war, daß sie kaum sprechen oder stehen konnte, „was meinen Sie dazu, wenn wir nicht von hier abfahren? Daß heute hier schon ein anderer Wagen weggefahren ist, könnte Verdacht erwecken.“
„Meine Meinung, Miß, ist, daß Sie Recht haben,“ antwortete Mr. Cruncher. „Und auch, daß ich zu ihnen halten will, im Recht oder im Unrecht.“
„Furcht und Hoffnung für unsere liebe Herrschaft lassen mich so wenig zum Bewußtsein kommen,“ fuhr Miß Proß mit hellen Thränen fort, „daß ich außer Stande bin einen Plan zu fassen. Können Sie einen Plan fassen, mein guter Mr. Cruncher?“
„Was meine zukünftige Lebensweise betrifft, Miß,“ entgegnete Mr. Cruncher, „so hoffe ich es. Was den gegenwärtigen Gebrauch dieses meines alten Kopfes betrifft, so glaube ich nicht. Wollen Sie mir den Gefallen thun, Miß, sich zwei Versprechen und Gelübde zu merken, die ich in dieser jetzigen Krisis machen möchte?“
„Ach, um des Himmels Willen,“ rief Miß Proß immer noch laut weinend, „nur gleich heraus mit der Sprache, damit wir mit ihnen fertig werden.“
„Erstlich,“ sagte Mr. Cruncher, der am ganzen Leibe zitterte und mit leichenblassem und feierlichem Gesicht sprach, „wenn unsere arme, gute Herrschaft glücklich heraus ist, will ich es nie wieder thun, nie, nie wieder thun!“