Aber ihr Muth war von der leicht gerührten Art, daß er ihr nicht zurückzuhaltende Thränen in die Augen brachte. Das war ein Muth, den Madame Defarge so wenig begriff, daß sie ihn für Schwäche hielt. „Ha, ha!“ lachte sie, „armseliges Weib! was bist Du werth! Ich wende mich jetzt an den Doctor.“ Dann erhob sie ihre Stimme und rief laut: „Bürger Doctor! Frau Evrémondes! Kind Evrémondes! irgend jemand, nur nicht diese lächerliche Thörin, antworte der Bürgerin Defarge!“

Vielleicht das Schweigen, das jetzt eintrat, vielleicht ein Etwas in dem Ausdruck von Miß Proß’ Gesicht, vielleicht eine plötzliche Ahnung, unabhängig von Allem, was sie sonst sah, flüsterte Madame Defarge zu, daß sie fort seien. Drei von den Thüren machte sie rasch auf und blickte hinein.

„Diese Zimmer sind alle in Unordnung, man hat in Eile gepackt, es liegt allerlei auf dem Boden zerstreut. Es ist Niemand in dem Zimmer hinter Euch. Laßt mich hinein sehen!“

„Nie!“ sagte Miß Proß, welche die Aufforderung so vollkommen verstand, wie Madame Defarge die Antwort.

„Wenn sie nicht in jenem Zimmer sind, so sind sie fort und können verfolgt und zurückgebracht werden,“ sagte Madame Defarge sich selbst.

„Solange Du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind, oder nicht, weißt Du nicht was Du thun sollst,“ sprach Miß Proß zu sich, „und Du sollst es nicht erfahren, wenn ich es Dir verwehren kann; und ob Du es weißt oder nicht weißt, sollst Du doch hier nicht wegkommen, solange ich Dich halten kann.“

„Ich habe mich noch von Nichts aufhalten lassen, ich zerreiße Dich in Stücken, aber weg von dieser Thür mußt Du,“ sagte Madame Defarge.

„Wir sind allein, im obersten Stock eines hohen Hauses, in einem einsamen Hofe, es ist sehr unwahrscheinlich, daß uns Jemand hört und ich bitte Gott um Kraft Dich hier fest zu halten, wo jede Minute, die Du hier bist, hunderttausend Guineen für mein Herzblatt werth ist,“ sprach Miß Proß.

Madame Defarge ging auf die Thür zu. Miß Proß, von der Eingebung des Augenblickes getrieben, packte sie mit beiden Armen um den Leib und hielt sie fest. Vergeblich sträubte sich und schlug Madame Defarge; mit der kraftvollen Zähigkeit der Liebe, die immer so viel stärker ist als der Haß, hielt Miß Proß sie fest und hob sie sogar während des Ringens in die Höhe. Die beiden Hände der Madame Defarge schlugen und zerkratzten ihr Gesicht; aber Miß Proß, den Kopf niedrig haltend, hielt sie fest um den Leib und klammerte sich an sie mit der Verzweiflung einer Ertrinkenden.