„S’ist die Nässe, Sir, die sich mir auf Brust und Stimme legt,“ sagte Jerry. „Daran können Sie selbst sehen, auf welchem nassen Wege ich mir mein tägliches Brod verdienen muß.“

„Schon gut, schon gut,“ sagte der alte Diener; „jeder hat seinen eigenen Weg, sich seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Manche thun es auf nassem Wege und manche auf trockenem Wege. Hier ist der Brief. Sputet Euch!“

Jerry nahm den Brief und sprach zu sich mit viel weniger innerer Ehrerbietung, als er äußerlich zur Schau trug, „Ihr wollt ein Geriebener sein,“ machte seine Verbeugung, unterrichtete seinen Sohn im Vorbeigehen von seiner Bestimmung und ging seines Wegs.

Sie henkten zu jener Zeit in Tyburn. Die Straße vor dem Newgatekerker vorüber hatte noch nicht jene gräßliche Notorität erlangt, die jetzt an ihr haftet. Aber das Gefängniß war ein greuelvoller Ort, wo fast jegliche Ausschweifung und Schlechtigkeit verübt ward und wo böse Krankheiten sich erzeugten, die mit den Gefangenen in den Gerichtssaal kamen und manchmal von der Verbrecherbank geraden Wegs auf den Lord-Oberrichter losstürzten und ihn von seinem Sitz herunterzerrten. Mehr als einmal war es geschehen, daß der Richter in der schwarzen Mütze sein eigenes Urtheil so sicher wie das des Gefangenen sprach und sogar noch vor ihm starb. Im Uebrigen war Old Bailey berühmt als eine Art von Sterbestation, von wo leichenblasse Reisende beständig in Karren und Kutschen eine gewaltsame Reise in die andere Welt antraten, wobei sie zwei und eine halbe englische Meile Stadt- und Landstraße durchfuhren, und wenn überhaupt, nur in wenigen guten Bürgern einen heilsamen Abscheu erregten. So mächtig ist die Gewohnheit und so wünschenswerth, daß sie von Anfang an gute Gewohnheit sei. Auch war Old Bailey berühmt wegen des Prangers, eine weise und uralte Einrichtung, welche eine Strafe verhängte, deren Schärfe Niemand ermessen konnte; auch wegen des Prügelpfahls, eine andere liebe und altbewährte Einrichtung, deren Wirksamkeit anzusehen sehr vermenschlichend und mildernd auf das Gemüth wirkte; auch wegen ausgedehnter Geschäfte in Blutgeld, ein anderes Bruchstück der Weisheit unserer Vorväter, das systematisch zu den schrecklichsten für Geld begangenen Verbrechen führte. Im Ganzen war zu jener Zeit Old Bailey eine auserlesene Erläuterung des Spruchs: „Was ist, ist Recht“; ein Spruch, der ebenso Alles abschließend sein würde, als er die Trägheit fördernd ist, wenn er nicht die unangenehme Consequenz in sich schlösse, daß Nichts, was jemals war, Unrecht sein könne.

Der Bote bahnte sich einen Weg durch das unsaubere Gedränge mit der Geschicklichkeit eines Mannes, der gewohnt ist, ohne Aufsehen zu machen vorwärts zu kommen, fand die Thüre, welche er suchte und gab durch eine Klappe in derselben seinen Brief hinein. Denn damals bezahlten die Leute, um das Schauspiel in Old Bailey zu sehen, gerade wie sie bezahlten, um das Schauspiel in Bedlam zu sehen — nur daß die erstere Unterhaltung viel theurer zu stehen kam. Deshalb waren alle Thüren von Old Bailey gut bewacht, mit einziger Ausnahme der gefälligen Thüren, durch welche die Gesellschaft die Verbrecher hinein ließ, denn diese standen immer weit offen.

Nach einigen Worten und Besinnen ging die Thüre widerwillig ein ganz klein Wenig auf und erlaubte Mr. Jerry Cruncher, sich in den Gerichtssaal hineinzuquetschen.

„Was ist dran?“ fragte er flüsternd den Mann, der sein Nachbar geworden war.

„Noch Nichts.“

„Was kommt dran?“

„Der Hochverrath.“