Obgleich die Tochter des Doctors von dem Lande ihrer Geburt Nichts gewußt hatte, schien sie doch von diesem die Fähigkeit geerbt zu haben, Viel mit geringen Mitteln zu machen, welche eine der nützlichsten und angenehmsten Eigenheiten der Franzosen ist. So einfach der Hausrath war, so war derselbe durch viele kleine verzierende Zuthaten, die an sich ohne Werth waren, aber von Geschmack und Empfindung zeugten, gehoben, sodaß die Gesammtwirkung höchst angenehm war. Die Aufstellung aller Gegenstände, von dem Größten bis zum Kleinsten, in den Zimmern, der Zusammenklang der Farben, die anmuthige Verschiedenartigkeit und die nicht minder anmuthigen Gegensätze, welche hier bei sehr bescheidenen Mitteln durch geschickte Hände, urtheilende Augen und verständigen Takt erreicht worden, waren zugleich so hübsch an sich und erinnerten so lebhaft an die junge Dame, die sie hergestellt hatte, daß es Mr. Lorry vorkam, als ob selbst die Stühle und Tische ihn mit einem Anklang von dem Ausdrucke, den er jetzt so gut kannte, fragten, ob es ihm auch so recht sei?
Drei Zimmer befanden sich in einem Stockwerk, und da die Zwischenthüren alle offen standen, damit die Luft frei durch dieselben ziehen könne, ging Mr. Lorry aus einem in’s andere und verfolgte mit einem stillen Lächeln die Aehnlichkeit, die sich der ganzen Umgebung, wie er meinte, aufgeprägt hatte. Das erste Zimmer war das Empfangszimmer und in ihm befanden sich Luciens Vögel und Blumen und Bücher, ihr Arbeitstisch und ihr Malkasten; das zweite war das Consultationszimmer des Doctors, das zugleich als Speisezimmer diente; das dritte, abwechselnd licht und dunkel bemalt von dem Schatten des Platanenbaumes im Hofe, war das Schlafzimmer des Doctors — und dort in einer Ecke stand die nicht mehr gebrauchte Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug daneben, ungefähr in demselben Zustand, wie ehedem in dem fünften Stockwerk des unheimlichen Hauses neben dem Weinschank in der Vorstadt St. Antoine in Paris.
„Ich wundere mich,“ sagte Mr. Lorry und blieb stehen, „daß er diese Erinnerung an seine Leiden hier behält!“
„Und warum wundern Sie sich darüber?“ war die kurz angebundene Frage, die ihn überraschte.
Sie kam aus dem Munde der Miß Proß, des wilden, rothen Frauenzimmers mit der kräftigen Hand, dessen Bekanntschaft er zuerst in dem Gasthaus „König Georg“ in Dover gemacht und seitdem cultivirt hatte.
„Ich sollte meinen,“ fing Mr. Lorry wieder an.
„Pah! Sie wollen meinen!“ sagte Miß Proß; und Mr. Lorry redete nicht weiter.
„Wie gehts Ihnen?“ fragte dann die Dame mit einiger Schärfe und doch so, als wollte sie ausdrücken, daß sie ihm nicht böse sei.
„Ich befinde mich ziemlich wohl, ich danke Ihnen,“ antwortete Mr. Lorry bescheiden, „wie geht es Ihnen?“
„Nicht übermäßig gut,“ sagte Miß Proß.