Pierre Hardy hatte bei seinem Freunde viel zu lernen. Sie lebten ein gemeinsames Leben, zu dem Louis Buisson die Erklärungen lieferte. Er untersuchte mächtig die Ereignisse und oft, wenn er irgend einen alten Irrtum oder eine neue Wahrheit entdeckte, war er in Verlegenheit, wie er seine Lebensführung mit seinen Ideen in Einklang bringen sollte. Die Analyse ist keine kalte Wissenschaft, sie, die durch unser Herz geht und es aufrührt. Die Erregungen Louis lösten Erregungen in Pierre aus, weil ihr Leben gemeinsam und weil ihre Seelen aufrichtig waren. Pierre sagte sich: „Es ist komisch, wie er immer recht hat!“ Er dachte wie sein Freund, aber er dachte viel niedriger.

Pierre Hardy fügte hinzu:

„Ich liebe sie viel mehr, seit sie krank ist. Sie schreibt mir ungeschickte Briefe, aus denen man aber errät, daß sie leidet und daß sie zartfühlender wird. Sie sagt: ‚Ich küsse dich vom ganzen Herzen eines kranken Kindes.‘ Ich schicke ihr ein wenig Geld. Mir ist, als würden wir uns nähergekommen sein, wenn sie geheilt sein wird.“

Louis Buisson legte mit seinen langen Geschichten los. Er lächelte, indem er dachte: Ich will einen Vortrag halten. Dann sagte er:

„Man muß die Mädchen lieben, die dulden. Ich war immer davon überzeugt, daß wir sie darum nicht retten können, weil wir sie nicht genug zu lieben verstehen. Ich habe einmal eine Anfängerin gekannt. Sie machte mit vierzehn Jahren bei ihrer Mutter, die wiederverheiratet war und deren zweiter Mann einen Weinhandel hatte, die Bekanntschaft eines Burschen mit wilden Augen. Sein Blick beherrschte sie wie eine Gewalt. Eines Tages ging sie in ein Hotel mit ihm, wo sie, gelehrig wie sie war, sein wurde. Sie hat mir erzählt, daß er sie, nachdem sie sich ganz nackt ausgezogen hatte, in seine Arme nahm und mitten auf das Federbett legte. Sie war so klein, daß sie in dem Bett versank; sie rührte sich nicht mehr und schlief, völlig erschöpft, in ihrer verlorenen Jungfrauschaft hier ein. Ich weiß nicht, warum ihre Eltern sie nicht suchen ließen. Die beiden lebten vier Monate, ohne daß sie arbeitete, doch nach und nach brachte er sie von der Ehrbarkeit ab. Er führte sie selbst auf die großen Boulevards und suchte ihr die Kundschaft aus. Sie verdiente fünfzehn Francs und darüber zeigte sie eine Art naiver Freude. Als ich sie kennen lernte, war sie kaum sechzehn Jahre alt. Ich habe niemals ein gleich mutiges Weib gesehen. Sie hatte schließlich Arbeit gefunden und nähte Flitter. Mein lieber Freund, sie nähte bei Tage, dann nähte sie bei Nacht. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Sie konnte niemals fünfzig Sous täglich verdienen. Und der andere stand da, hinter ihr, mit seinen zwei Fäusten und mit seinen zwei Kinnladen. Sehr oft geschah es, daß sie auf die Straße hinabsteigen mußte, wenn sie ihr Zimmer bezahlen sollte. Ich lernte sie kennen. Es gab Morgen, an denen sie mich um zwei Sous bitten kam. Die Zeit verstrich für sie, indem sie ihr immer neues Unglück brachte. Ihre Mutter wurde endlich unruhig, entdeckte sie und ließ sie ein Jahr lang im Kloster der Nonnen vom heiligen Michael einsperren, wo man junge Mädchen mit schlechten Anlagen unterbringt. Als sie es verließ, hielt ihr Geliebter um ihre Hand an und ihre Mutter gab die Einwilligung dazu. Der Irrsinn herrscht auf der Welt. Da fing die alte Geschichte von neuem an. Er betrog sie, er belustigte sich damit, sie zu betrügen. Eines Tages im Fasching promenierten sie zusammen in der Menge, als ein Frauenzimmer vorüberkam. Er ging ihr nach und blieb drei Tage fort, ohne zurückzukehren. Später trennten sie sich, doch kam er von Zeit zu Zeit auf Besuch, er brauchte Geld. Damals hatte sie einen jungen Mann von neunzehn Jahren zum Freund. ‚Wenn ich ganz alt werden sollte‘, sagte sie zu mir, ‚diesen Jungen werde ich niemals vergessen. Nicht weil er reich war, sondern weil er soviel für mich getan hat.‘ Er liebte sie mit einem guten Jünglingsherzen. Eines Nachts, als sie erschöpft war, trug er sie in seinen Armen vom Bastilleplatz bis ans Ende der Avenue Daumesnil. Er ging gern in ihre Wohnung, wenn sie abwesend war, um irgend eine hübsche Überraschung auf den Tisch zu legen und ihren freudigen Ausruf hören zu können, wenn sie heimkam. Mein lieber Freund, dieser Junge, der zu Hause von Bedienten umgeben war und dessen Mutter eine Kammerzofe hatte, besuchte seine kleine Freundin, und räumte, wenn sie nicht da war, ihr Zimmer auf und putzte ihre Schuhe. Ihre Geschichte nahm ein trauriges Ende, denn der Gatte verprügelte den jungen Mann, daß er sechs Wochen das Bett hüten mußte. Es ist nicht lang her, daß ich diese Dinge weiß, aber täglich verstehe ich sie besser. Der junge Mann bewies so viel Liebe, daß er in das Herz eines armen Mädchens eindrang. Und auch ich hätte in dieses Herz dringen sollen. Als der junge Mann kam, war es viel zu spät, aber für mich wäre es die richtige Zeit gewesen. Es ist drei Jahre her. Sie war nicht verheiratet, und ich hätte sie aus den Armen eines Zuhälters befreien können. Ich hätte sie nehmen und sie zu mir bringen und mich um sie schlagen sollen. Ich hätte sie retten sollen. Versteh das: Ich hätte sie retten können! Ach, warum habe ich sie nicht genug geliebt? Ich hätte ihr das Zimmer aufräumen sollen und ihre Schuhe putzen, ich hätte damit einverstanden sein sollen, sechs Wochen das Bett zu hüten. In der Welt gibt es eine Frau, die ich hätte retten können!“

Als Louis Buisson seine Geschichte beendet hatte, legte er den Kopf zwischen die Hände, und es entstand eine Stille, während der beide bemerkten, daß sie keinen Kaffee in der Tasse hatten. Man hörte fünf Stockwerke tief die Wagen rollen. Louis Buisson nahm das Gespräch wieder auf:

„Du sprachst mir von deiner Freundin Berthe, aber du hast mir nicht gesagt, in welchem Krankenhause sie . . .“

Pierre antwortete:

„Im Brocaspital.“