Verdammter Narr! rief er.
Ich muß gestehen, der Spott meines Freundes, selbst mein eigener, hatte mich ein wenig stutzig gemacht, aber nur ein wenig. Wer könnte auch in dem tollen Newyork, dem lebensfrohen, amerikanischen Paris zum Nachdenken kommen, wo es für das liebe Volk, zwar nicht wie in dem Transatlantischen, heute Wein aus Springbrünnen und Würste von den Bäumen, und den nächsten Tag Kartätschen aus Feuerschlünden regnet; wo es sich aber eben so heiter und froh lebt, nur mit dem Unterschiede, daß man hier ein bischen mehr auf seinen Beutel hält? Das ist eigentlich unser großes, politisches Arcanum, das zuverlässigste gegen alle Wein- und Kartätschenregen, die es gibt. Probatum est. Ja, es ist ein sanguinisch-durchgreifendes Völkchen das Newyorker, das lebt und leben läßt, Geld in Scheffeln gewinnt, und in Büscheln wieder verthut. Zur Besinnung läßt sich's hier nicht kommen. Selbst der kalkulirende Yankeeism von Boston und der Philadelphi-Quakerism arten hier aus, und zwischen der flachen, platten, schweigsamen Bruderstadt, wo die Nachtwächter Schaffellsohlen auf ihren Schuhen tragen müssen, um die Nachtruhe der lieben Bürger und noch liebern Bürgerinnen nicht zu stören, und dem lustigen Newyork, sollte man denken, müssen ganze Welttheile liegen. Die letzten acht Tage war es nun über die Maßen bunt hergegangen. Bachelors-Ball[19] und Präsidentenwahl und Gouverneurswahl und Sheriffswahl hatten die zwei Mal hunderttausend Seelen, aus denen die liebe hohe und niedrige Welt zusammengesetzt ist, in solche Bewegung versetzt, daß es unmöglich war, einen neuen Rock oder Inexpressibles[20] auf seinen Leib zu bekommen, so waren die ehrsamen Zünfte vom Gemeinbesten in Anspruch genommen. Mein Schuhmacher sah mich so wichtig an; ich dachte nicht anders, als er habe auch die fünf und zwanzig tausend Dollars[21] im Kopfe, und wirklich etwas hatte der Gute erjagt; er war zum Mitlenker des Staatsruders in Albany erkohren. Selbst die so schmählich hintangesetzte Kunst hatte zur Verherrlichung des politischen Drama beitragen müssen, und alle Hauptquartiere der siegenden und besiegten Parteien waren mit klafterlangen Transparenten behangen, in denen der Sieger von Neworleans mit seinen Streithengsten goliathmäßig, und hinwieder bescheiden als schlichter Cincinnatus, hinter dem Pfluge einherwandelnd, dargestellt ist, allen Adamsmännern zum Trotz, die ihrer Seits zu seinem Ruhme nicht versäumt hatten, ein Gegenstück in ächter Nürnberger Manier zu liefern, den alten Hickory mit Dolch und Pistole repräsentirend, wie er so eben ein Paar Dutzend freie Bürger in die andere Welt expedirt.
[19]: Bachelors Ball, Junggesellenball. Einer der glänzendsten Bälle, die in Newyork alljährlich von den Junggesellen gegeben werden.
[20]: Inexpressibles, der amerikanische Ausdruck für Beinkleider.
[21]: Fünf und zwanzigtausend Dollars, der Gehalt des Präsidenten der vereinigten Staaten.
Ein kräftiges Hurrah für Jackson, das so eben von der Murraystraße heraufschallt, verkündet etwas Neues. Die Scene ist wahrlich neu und ganz in ihrer Art. An die vierzig Lohnkutschen kamen gegen den Park heraufgezogen, zu beiden Seiten mit der wunderlichsten Cavalcade flankirt, die je ein menschliches Auge gesehen. Wettergebräunte, rührige Männer baumeln zu zwei und drei auf einem Pferde herum und herunter. Jeder Fall der unbeholfenen Cavallerie wird mit einem Hurrah begrüßt, das die Fenster zittern macht. Alle möglichen Trachten sind an den fahr- und reitlustigen Theers zu sehen; mit Pech geschwängerte Hüte und Hütchen und Jacken und Inexpressibles. Der Eine ist mit einem neumodischen Fracke angethan, der Andere prangt in einer Redingotte, die so eben von Chatham-Place ihren Weg auf seinen Leib gefunden; ein Dritter erglänzt in seiner rothflammenden Jacke, der tollste, buntscheckigste Haufe, der je gesehen wurde. Es sind die Matrosen, die Bemannung der Fregatte Constitution, die einberufen und diesen Morgen ausbezahlt worden war, und die nun aus Leibeskräften bemüht ist, die fünf oder sechshundert Dollars so geschwind wie möglich wieder los zu werden, die jedem von ihnen während des dreijährigen Kreuzzuges auf den Hals gewachsen waren. Wer so das lustige Völkchen hinziehen sieht, im Jubel, Saus und Braus, mit vollen Flaschen, jeder eine Schöne neben sich, und brüllend, daß einem die Ohren gellen, der muß sich von unserer polizeilichen Ordnung einen saubern Begriff machen. Thut jedoch nichts. Das sind Männer, die zwar nicht den Julius Cäsar und Cornelius Nepos gelesen; die aber für ihr Vaterland so heiß glühen, als die Helden Plutarchs. Zeigt ihnen eine Fregatte Brittaniens, und sie werden darauf losstürzen und sie brechen, wie der feste, freie Mann den Uebermuth des stumpfen Herrendieners bricht. Und laßt den Sturm über sie hereintoben, und sie werden wie Felsen dastehen, im Gebrülle des Orkans, und hängen draußen am gefrornen Segeltuche, ihre Hände und Füße erstarrend am Taue; oder sie werden sinken unter den krachenden Balken und hereinstürmenden Wogen in den bodenlosen Abgrund, und ihr letzter Gedanke wird auf das Vaterland gerichtet sein. Solche Männer verdienen, daß man ihnen ihre Lust nach ihrer eigenen Weise gönne. Sie werden schon wieder nüchtern werden ohne Polizei, Gendarmes und Wachhaus. Ihr rohes Treiben ist nicht den zehnten Theil so verderblich für des Volkes Sitten, als euer raffinirte bon ton. In drei Tagen hat das Drittel dieser Vierhundert und Fünfzig keinen Cent mehr in der Tasche, in sechs das zweite Drittel, und in zehn Tagen sind sie so ziemlich alle wieder flott, und in der rothen Jacke und auf der Reise nach allen Weltgegenden; die wenigen ausgenommen, die sich einen eigenen Herd suchen, oder sich in gewissen Affairen verspätet haben. Ein Paar Mal treiben sie das Wesen mit, und dann werden sie klüger, nehmen sich Weiber und setzen sich hin, um tüchtige Hauswirthe zu werden; anfangs ein wenig quer und verschroben, wie es Seemännern zu gehen pflegt; aber allmälig lehrt sie gesunder Menschenverstand, sich in die neue Lage fügen. Es ist in diesen Männern ein fröhlich-freier, selbstständiger Sinn, ein tüchtiger und trotziger Muth, der, über die Nation zerstreut, herrlichen Samen getragen, der im letzten Kriege unser Vertrauen in uns selbst erkräftigt, und so unsern Feind bezwungen hat. Diese Männer haben den Neuseeländer und Chinesen, den Türken und Brasilianer und Franzosen kennen, und auf ihn stolz herabblicken gelernt; den See-Bezwinger Aller — den Britten — haben sie bezwungen. Der brittische Matrose kehrt immer dümmer unter seine Zuchtruthe zurück, als er ausgezogen; der amerikanische immer aufgeklärter, weil Knechtschaft immer zurück, Freiheit immer vorwärts schreitet. Der Eine weiß, daß Lebensweisheit für das Ziel seiner Laufbahn — das Greenwich-Hospital — überflüssig oder gefährlich ist; der Andere muß sie sammeln für's thätige Bürgerleben, in das er ehrenvoll eintritt. Und John Bull wundert sich in seiner Dummheit, daß wir ihm mit unsern fünf Fregatten zehn genommen, und ihn in zwei Haupttreffen von unsern Seen verjagten; er, der seine armen Wichte von Matrosen mit fünfzehn Schillingen abfertigt, und wenn sie ein bischen über die Schnur hauen, auf ein Paar Monate in's Loch steckt. — Wir haben so manche Fehler, und Engel sind wir wahrhaftig nicht — aber eine Tugend haben wir, die der Sünden viele bedeckt: sie ist Achtung für Menschenwürde und Bürgerrecht, und diese hat uns vom größten Tyrannen das Größte errungen, wornach der Mensch je gestrebt hat: Freiheit in unserm Lande und auf unsern Meeren.
Es war sechs Uhr, als ich mit Richard in das Drawingroom meiner künftigen Schwiegermama eintrat. Die gute Dame hatte mich beinahe erschreckt in ihrem nagelneuen, so eben mit dem Henri IV. angekommenen grauen, Gaze-Turban, der ihr das Ansehen einer unserer Missisippi-Nachteulen gab. Auch Richard schrak sichtlich zurück, und der gute Moreland schaute so starr nach dem hehren Kopfputze hin, als wäre er ein Zifferblatt gewesen. Miß Margareth im grün seidenen Kleide, die Haare glatt zu beiden Seiten der Stirne hinabgekämmt à la Margarethe, — wir haben eine eigene Modenphraseologie — war, wie die Tochter Jephtas, blaß und resignirt; ein leichtes Zittern bebte durch die anziehende Gestalt, und in ihrer Begrüßung war süßer Schmerz und schmachtende Sehnsucht nach dem fernen Geliebten unverkennbar. Der Abstand war allerdings grell zwischen dem fünfzigjährigen Moreland, der kalt und zäh und breit und roth da saß, und dem windigen Staunton, der von Austern und Rosinen lebte, und sich höchstens in Bullwer's Novellen betrank. Ich hatte dem zarten, so eben beschriebenen Gebilde die Tales of my Grandfather[22] mitgebracht.
Walter Scott! rief sie mit lieblich verschmelzender Stimme. Ach! der gemeine Mensch weiß auch nicht ein Wort zu sagen, flüsterte sie mir nach einer Weile zu.
Warten Sie nur, tröstete ich sie; Sie wissen ja, daß derlei Affairen zuerst immer Jampartien[23] sind. — Furcht, Bescheidenheit versperren ihm den Mund.
[22]: Tales of my Grandfather, Erzählungen eines Großvaters, von Sir Walter Scott.