»Ja, wenn wir noch ein Paar Dutzend tüchtige, nagelneue Romane hätten,« meinte Arthurine. »Ich kann nur nicht begreifen, warum Cooper so faul ist. Das Jahr hindurch nicht mehr als einen Roman! Ich könnte, mein' ich, alle Tage einen spielen. Wie wär's Sissi, wenn du zu schreiben anfingest? Ich glaube, so gut wie Mistreß Mitchell triffst du es auch. Bulwer ist ein unausstehlicher Fantast, und Walter Scott wird so alt, und abgedroschen, als wenn er für Tagelohn schriebe.«
»Ach Howard!« seufzte Margareth.
»Geduld, liebe Margareth!« erwiederte ich. »Wenn es möglich ist, so helfe ich Ihnen den Alten ausputzen. Wollen es wenigstens versuchen.«
Klapp, klapp, klapp erschallte es an der Hausthüre. Arthurine horchte. Noch zwei Schläge. Ihre Augen leuchteten vor Freude. »Ein Besuch,« rief sie triumphirend, und tanzte zur Thüre und horchte. »Ach, das sind Damenfußtritte!« Die Thüre öffnete sich, und herein schwebten in's glänzende Drawing-room[6] die Misses[7] Pearce, so rauschend, so duftend in den violettfarbigen, offenen Ueberröcken und gestickten Roben und in Prunellschuhen! Sie sahen aus, als ob sie auf den Ball gingen.
[6]: Drawing-room, Besuchzimmer.
[7]: Misses, Plural von Miß, Fräulein.
Wer unsre Mädchen vom sogenannten haut-ton im Morgenkleide zu sehen das Glück hat, ich sage, zu sehen, das Glück hat — denn wir sind bereits ziemlich exclusiv geworden, — dessen Herz muß von Granit oder Quarz geformt sein, wenn es so vielem Zauber widerstehen kann. Diese zarten, leichten Wesen mit ihren intellectuellen und doch so schmachtenden Gesichterchen, ihren schwimmend-feurigen Augen, ihren zarten Körperchen, die man gerne festhalten möchte, damit der Wind sie nicht wegblase; diese zarten Hände und Füßchen, sie sind unwiderstehlich. Die Bostonerinen sind verstandreicher, ihre Gesichtszüge regelmäßiger, aber sie haben etwas Yankeeartiges, das mir nicht zusagt; zu dem ist ihre Taille ein Artikel, an dem ich immer das Wichtigste vermisse, nämlich den Busen. Es ist bekanntlich in der Yankee-Metropolis Mode, keinen zu haben. Dabei sind sie so verwünschte Bluestockings[8]. Die Philadelphierinnen sind runder, elastischer. Man trifft unter ihnen herrliche Gestalten, die so angenehm plappern; im Small talk[9] sind sie unübertrefflich; aber die Newyorkerinnen, besonders wenn so ein letzter Mohikan oder Redrover erschienen, sind ganz unvergleichliche Coras und Alices, zum Malen natürlich. Cooper, ich wette darauf, würde er sie nur sehen, zerrisse seine Manuscripte, und bildete seine Damen weniger hölzern. Er muß ihre Bekanntschaft bloß auf der Batterie oder im Broad-way gemacht haben, wo sie so entsetzlich im Putze vergraben sind, daß der eigentliche Mensch gar nicht herauszufinden ist. Die zwei eintretenden Misses sind sprechende Beweise. Die vier täglichen Metamorphosen einer fashionablen Engländerin oder Französin haben sie mit Einem Male auf sich geladen. Doch mit meinem tête-à-tête ist es für heute vorbei. Ich bin nun überflüssig, und für die Langeweile der zwei holden Geschöpfe ist gesorgt. Ich empfehle mich daher.
Als ich vor dem Parlour[10] vorbeikam, öffnete sich die Thüre, und Mama Bowsends winkte mir hinein. Auch der Papa war zugegen.
[8]: Bluestockings, buchstäblich Blaustrümpflerinnen, so viel als wirkliche Schöngeister, Literatoren.
[9]: Small talk, plaudern, gewöhnlicher Conversationston.