Mir war höchst sonderbar. Wir hatten so wenig zusammen gesprochen, und dennoch war ohne Worte eine Vertraulichkeit unter uns entstanden, in der ich zwar nichts strafbares fand, die mich aber doch erröthen machte, da ich mir nicht erklären konnte, wie es zugegangen war. — Ich werde Dich nun öfter sehn, Justine! sagte Lorenz, aber so sehr ich auch dieß wünsche, so gefällt mir doch die Art und Weise nicht, wie es geschehen soll. Weißt Du, daß Dich die gnädige Frau als Kammerjungfer zu sich nehmen will?
Mich? rief ich voll Erstaunen. Sie hat mich ja heute zum erstenmahl gesehen. —
Das thut nichts, antwortete Lorenz mit einem bittern Lächeln, dafür hat Dich der Kammerherr zweimahl gesehen, und mich dünkt, schon einmahl ist genug, um sich in Dich zu verlieben.
Und wenn dieß auch wäre, versetzt' ich verlegen, so würde dieß doch gewiß kein Bewegungsgrund für die gnädige Frau seyn, mich in ihre Dienste zu nehmen.
Du kennst die Welt noch nicht, gutes, unschuldiges Geschöpf! sagte Lorenz, aber in unserem Hause wirst Du sie kennen lernen, und wenn auch gleich von einer schlechten Seite, doch gewiß nicht zu Deinem Nachtheil. Denn das unverdorbene Herz, das Dir aus den Augen blickt, wird Dich die Künste der Verführung verachten lehren, und je mehr Du dort Gelegenheit hast, das Laster zu beobachten, je fester wirst Du Dich an die Tugend ketten. Selbst die schönen, entschuldigenden Namen, die man sogar den abscheulichsten Verbrechen giebt, werden Dich nicht blenden, und Beispiele, die andre unwiderstehlich mit sich dahin reißen, werden für Dein edles Gemüth nur Bilder der Warnung seyn. Es ist Sitte unter vielen vornehmen Leuten, die sich nicht aus Liebe, sondern aus Ehrgeiz, oder um des Geldes willen, geheirathet haben, sich gar nicht um einander bekümmern, und sich keineswegs zu stören, oder Zwang anzuthun, sie mögen nun etwas gutes oder etwas böses im Sinn haben. Auf einen solchen Fuß lebt der Kammerherr mit seiner Gemahlin. Sie hat immer ihren erklärten Liebhaber. Kömmt dieser, so ist der Herr so galant, ihm Platz zu machen; er verreiset — oder kommt ihm wenigstens nicht zur ungelegenen Zeit in den Weg. Dazu gehört nun freilich viel Gefälligkeit, denn die gnädige Frau ist sehr veränderlich, und wechselt fast mit jedem Mondenlicht ihre Anbeter. Aber dafür ist sie auch dankbar, und thut wieder alles mögliche, was sein Vergnügen vermehren kann. Mit ihrer Bewilligung hält er sich immer eine, oder auch mehrere Maitressen, und nicht selten führt sie selbst die armen Schlachtopfer seiner Wollust entgegen, die sein gieriges Auge sich ersehen hat. Sie lobt oder tadelt seinen Geschmack ganz unpartheiisch, und findet es höchst spaßhaft, daß sie meistens alle drei Vierteljahr genöthigt ist, eine andre Kammerjungfer zu nehmen. — Warum ist sie denn dazu genöthigt? fragt' ich mit aller der Unschuld meines damaligen Alters, die noch kein Blick in die verdorbenen Sitten der großen Welt entweiht hatte. Lorenz wurde roth — er schlug die Augen nieder, und besann sich. O wie verschönert Bescheidenheit den Mann wie das Weib! Diese Bemerkung macht' ich bald darauf, als der Sinn seiner vorigen Rede sich klärer mir entwickelte. Justine! sprach er verlegen — ich kann Dir nicht deutlich sagen, warum? Die Ausschweifungen des Kammerherrn — — denk Dir das übrige, und wenn Deine reine Seele keine so schmutzigen Vorstellungen zu fassen vermag, so begnüge Dich damit, mir zu glauben, daß der Kammerherr ein sehr schlechter, und für die meisten Deines Geschlechts gefährlicher Mann ist.
Meine Wangen waren mit den seinigen erröthet; — ich suchte dem Gespräch eine andre Wendung zu geben. Ist's aber auch Recht, sagt' ich zu ihm, daß Er so freimüthig die Fehler Seines Herrn entschleiert? —
Wenn ich es thue, versetzte er sanft und ernst, so geschieht es, weil die Wahrheit mir heilig ist, sie mag Tugenden oder Laster beleuchten, und weil ich es nicht einer bittern Erfahrung überlassen will, Dir den Abgrund zu zeigen, den Du kennen mußt, um ihn zu vermeiden. O Justine, fuhr er mit einem Seufzer fort, es ist hart — sehr hart für mich, einem Menschen dienen zu müssen, den ich verachte. Härter noch ist's von dem Verhängniß, daß es alle Macht, mich zu beglücken eben in die Hände legte, aus denen ich so ungern Wohlthaten empfange. Doch nein — ich übereilte mich. Ich that dem Schicksal Unrecht. — Mehr Macht, als ihm, gab es Dir im ersten Augenblick unserer Bekanntschaft, über das Wohl oder Wehe meiner Zukunft zu entscheiden. O laß mich hören, wie Du sie anwenden willst? —
Er stand vor mir mit liebetrunknen, gerührten, strahlenden Blicken, und hielt meine bebenden Hände zwischen den seinen. Ich verstand seine Frage, denn das liebende Herz, das in seinen Augen sich mahlte, war für das meine kein Räthsel mehr — aber Schaam und Schüchternheit verschlossen meine Lippen, und so gingen einige Momente schweigend, aber unvergeßlich glücklich vorüber. Nun, Justine! sagt' er leiser, da ich nicht antwortete, willst Du mir kein Wort der Hoffnung sagen? — Du hast mich verstanden — ich seh es an Deinem Erröthen. Darf ich hoffen, wenn einst eine günstige Wendung meiner Lage mir ein ruhiges Plätzchen giebt, was uns beide ernähren kann — darf ich hoffen, daß Du es dann mit mir theilen wirst? —