Lottchen. Siegmund.

Lottchen. Wenn ich Ihre Größe nicht kennte: so würde ich gezittert haben, Ihnen die Nachricht von dem großen Glücke meiner Schwester zu hinterbringen. Aber ich weiß, Sie schätzen mich deswegen nicht einen Augenblick geringer. Unser Schicksal steht in den Händen der Vorsicht. Diese teilen allemal weise aus, und sie werden sich auch noch zu unserm Vorteile öffnen, wenngleich nicht in dem Augenblicke, da wir es wünschen.

Siegmund. Mein liebes Lottchen, es wird mir sehr leicht, über Ihrem
Herzen das Glück zu vergessen. Wir wollen hoffen. Vergeben Sie mir
nur, daß ich noch immer den Zerstreuten vorstelle. Ich habe lange mit
Ihrem Papa gesprochen, und ich weiß in Wahrheit nicht was.

Lottchen. Wenn Sie mich so lieben, wie ich Sie: so wundert mich's nicht, daß Ihnen ein Tag, wie der heutige ist, wo solche Anstalten gemacht werden, einige Wünsche und Unruhen abnötiget. Trauen Sie doch der Vorsehung. Es ist eben heute ein Jahr, da Sie durch den unglücklichen Prozeß Ihres seligen Herrn Vaters Ihr Vermögen verloren. Vielleicht beunruhiget Sie dieser Gedanke; aber vielleicht haben Sie auch alles heute über ein Jahr wieder. Haben Sie mit Julchen gesprochen und dem Herrn Damis zum besten sich etwas zärtlich gestellt?

Siegmund. Nein, weil ich so zerstreut bin, so…

Lottchen. Gut. Sie werden diese kleine Mühe fast ersparen können. Ihr Herz scheint keinen großen Antrieb mehr nötig zu haben. Aber sagen Sie ihr noch nichts von der Erbschaft. Ich will sie holen und es ihr in Ihrer Gegenwart entdecken und ihrem Geliebten zugleich.

Zehnter Auftritt

Siegmund allein.

Welche entsetzliche Nachricht!… Julchen!… Ein ganzes Rittergut! Julchen… die so viel Reizungen, so viel Schönheit und Anmut besitzt! … Kennte ich Lottchens Wert nicht: so würde Julchen…. Aber ist Julchen nicht auch tugendhaft… großmütig… klug… unschuldig… ? Ist sie nicht die Sittsamkeit selbst? Ist Lottchen so schamhaft? oder… Himmel, wo bin ich? Verdammte Liebe, wie quälst du mich! Muß man auch wider seinen Willen untreu werden?… Warum konnte jene nicht die reiche Erbschaft bekommen? Sahe die Muhme auch, daß die jüngste mehr Verdienste hatte?… Ich Elender! Ich bin ohne meine Schuld um das größte Vermögen gekommen… Aber habe ich weniger Vorzüge als Damis? Julchen widersteht ja seiner Liebe… Ist es ein Verbrechen?… Was kann ich dafür, daß sie mich rührt? Sind meine Wünsche verdammlich, wenn sie mit Julchens Wünschen vielleicht gar übereinstimmen? O Himmel! Sie kömmt allein.

Eilfter Auftritt