Damis. Wenn ich die Aufrichtigkeit weniger liebte: so würde ich mit mehr Mäßigung vor Ihnen reden. Aber mein Eifer gibt mir für Ihren Liebhaber keinen andern Namen ein. Sie, meine Schwester, sind Ihres Herzens wegen würdig, angebetet zu werden, und eben deswegen ist der Mensch, der bei Ihrer Zärtlichkeit und bei den sichtbarsten Beweisen der aufrichtigsten Liebe sich noch die Untreue kann einfallen lassen, eine abscheuliche Seele.
Lottchen. Eine abscheuliche Seele? Wohlan; nun fordere ich Beweise. (Heftiger.) Doch weder Ihr Vormund noch Sie, noch meine Schwester, noch mein Vater selbst werden ihm meine Liebe entziehn können. Und ich nehme keinen Beweis an als sein eigen Geständnis. Ich bin so sehr von seiner Tugend überzeugt, daß ich weiß, daß er auch den Gedanken der Untreue nicht in sich würde haben aufsteigen lassen, ohne mir ihn selbst zu entdecken. Und ich würde ihn wegen seiner gewissenhaften Zärtlichkeit nur desto mehr lieben, wenn ich ihn anders mehr lieben könnte.
Damis. Ich sage es Ihnen, wenn Sie mir nicht trauen: so gebe ich
Ihnen das Herz meiner Braut wieder zurück. Ihnen bin ich's schuldig;
aber ich mag nicht die größte Wohltat von Ihnen genießen und zugleich
Ihr Unglück sehn.
Lottchen. Sie müssen mich für sehr wankelmütig halten, wenn Sie glauben, daß ich durch bloße Beschuldigungen mich in der Liebe irren lasse. Haben Sie oder ich mehr Gelegenheit gehabt, das Herz meines Bräutigams zu kennen? Wenn Sie recht haben, warum werfen Sie ihm seine Untreue abwesend vor? Rufen Sie ihn hieher. Alsdann sagen Sie mir seine Verbrechen. Er ist edler gesinnet als wir alle. Und ich will ihn nun lieben.
Damis. Sie haben recht. Ich will ihn selbst suchen.
Siebenzehnter Auftritt
Lottchen. Julchen.
Lottchen. Er geht? Er untersteht sich, ihn zu rufen? Nun fängt mein Herz an zu zittern. (Sie sieht Julchen. Kläglich.) Meine Schwester, bist du auch da? Hast du mich noch lieb? (Lottchen umarmt sie.) Willst du mir die traurigste Nachricht bringen? O nein! Warum schweigst du? Warum kömmt er nicht selbst?
Julchen. Ich bitte dich, höre auf, einen Menschen zu lieben, der…
Lottchen. Er soll schuldig sein; aber muß er gleich meiner Liebe unwürdig sein? Nein, meine liebe Schwester. Ach nein, er ist gewiß zu entschuldigen. Willst du ihn nicht verteidigen? Vergißt du schon, was er heute zu deiner Ruhe beigetragen hat? Warum sollte er mir untreu sein, da ich Vermögen habe? Warum ward er's nicht, da ich noch keines hatte?