Das Land der Hinkenden

Vorzeiten gabs ein kleines Land,
Worin man keinen Menschen fand,
Der nicht gestottert, wenn er redte,
Nicht, wenn er ging, gehinket hätte;
Denn beides hielt man für galant.
Ein Fremder sah den Übelstand;
Hier, dacht er, wird man dich im Gehn bewundern müssen;
Und ging einher mit steifen Füßen.
Er ging, ein jeder sah ihn an,
Und alle lachten, die ihn sahn,
Und jeder blieb vor Lachen stehen,
Und schrie: Lehrt doch den Fremden gehen!
Der Fremde hielts für seine Pflicht,
Den Vorwurf von sich abzulehnen.
Ihr, rief er, hinkt; ich aber nicht;
Den Gang müßt ihr euch abgewöhnen!
Der Lärmen wird noch mehr vermehrt,
Da man den Fremden sprechen hört.
Er stammelt nicht; genug zur Schande!
Man spottet sein im ganzen Lande.

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Gewohnheit macht den Fehler schön,
Den wir von Jugend auf gesehn.
Vergebens wirds ein Kluger wagen,
Und, daß wir töricht sind, uns sagen.
Wir selber halten ihn dafür,
Bloß, weil er klüger ist, als wir.

Das neue Ehepaar

Nach so viel bittern Hindernissen,
Nach so viel ängstlicher Gefahr,
Als jemals noch ein zärtlich Paar
Hat dulden und beweinen müssen,
Ließ endlich doch die Zeit mein Paar das Glück genießen,
Das, wenns ein Lohn der Tugend ist,
Sie durch Beständigkeit zehnfach verdienet hatten.
Sie, die sich, hart bedroht, als Liebende geküßt,
Die küßten sich nunmehr erlaubt als Ehegatten,
Nachdem sie neidscher Freunde List
Und strenger Eltern Zorn liebreich besänftigt hatten.
Wer war, nach langer Jahre Müh,
Nun glücklicher als er und sie?
Denn, was man liebt, geliebt besitzen können;
In einem treuen Arm sich seines Lebens freun,
Ist, Menschen, dies kein Glück zu nennen:
So muß gar keins auf Erden sein.
Hier wett ich wohl, daß mancher heimlich spricht:
Der gute Mensch versteht es nicht.
Denn wär die Lieb ein Glück, was könnte mir denn fehlen,
Da ein erlesnes Weib in meinen Armen liegt?
Ist sie nicht reich und schön? Doch bin ich nicht vergnügt,
Ich glaub es, lieber Freund; allein sich so vermählen,
Wie viele tun, das heißt nicht lieben, nein.
Das heißt, mit weit getrennten Seelen
Ein Leib in einem Hause sein.

Ein unverhofftes Glück begegnet unsern beiden.
Wie weinen sie vor Zärtlichkeit!
Der arme Mann soll itzt auf kurze Zeit
Von seiner teuren Gattin scheiden,
Weil ihn ein naher Freund in einer fernen Stadt
Zum Erben eingesetzet hat.

Von heißen Lippen losgerissen,
Und doch entbrannt, sich länger noch zu küssen,
Sprach eines, was das andre sprach,
Dem andern immer stammelnd nach,
Ein Lebewohl, ein seufzend Ach.

Er stieg nunmehr ins Schiff (wie oft sah er zurücke!),
Und Doris blieb am Ufer stehn,
Um ihrem Damon, ihrem Glücke,
Noch lange schmachtend nachzusehn.
"O Himmel!" hört ich sie noch an dem Ufer flehn,
"Bring meinen Mann gesund zurücke!"

Das Schiff bringt ihn an seinen Ort.
Er schreibt mit jeder Post: "Bald, Doris, werd ich kommen."
Kaum hat er auch sein Gut noch in Besitz genommen:
So eilt er schon zu Schiffe wieder fort,
Und schreibt, damit sie nichts von seiner Ankunft wüßte,
Daß, wider sein gegebnes Wort,
Er noch acht Tage warten müßte,
Eh er sie wiedersah und küßte.