Das Pferd und die Bremse
Ein Gaul, der Schmuck von weißen Pferden,
Von Schenkeln leicht, schön von Gestalt,
Und, wie ein Mensch, stolz in Gebärden,
Trug seinen Herrn durch einen Wald;
Als mitten in dem stolzen Gange
Ihm eine Brems entgegenzog,
Und durstig auf die nasse Stange
An seinem blanken Zaume flog.
Sie leckte von dem weißen Schaume,
Der heficht am Gebisse floß.
"Geschmeiße!" sprach das wilde Roß,
"Du scheust dich nicht vor meinem Zaume?
Wo bleibt die Ehrfurcht gegen mich?
Wie? Darfst du wohl ein Pferd erbittern?
Ich schüttle nur: so mußt du zittern."
Es schüttelte; die Bremse wich.
Allein sie suchte sich zu rächen;
Sie flog ihm nach, um ihn zu stechen,
Und stach den Schimmel in das Maul.
Das Pferd erschrak, und blieb vor Schrecken
In Wurzeln mit dem Eisen stecken.
Und brach ein Bein; hier lag der stolze Gaul.
——
Auf sich den Haß der Niedern laden,
Dies stürzet oft den größten Mann.
Wer dir, als Freund, nicht nützen kann,
Kann allemal, als Feind, dir schaden.
Das Schicksal
O Mensch! Was strebst du doch, den Ratschluß zu ergründen,
Nach welchem Gott die Welt regiert?
Mit endlicher Vernunft willst du die Absicht finden,
Die der Unendliche bei seiner Schickung führt?
Du siehst bei Dingen, die geschehen,
Nie das Vergangne recht, und auch die Folge nicht,
Und hoffest doch, den Grund zu sehen,
Warum das, was geschah, geschieht?
Die Vorsicht ist gerecht in allen ihren Schlüssen.
Dies siehst du freilich nicht bei allen Fällen ein;
Doch wolltest du den Grund von jeder Schickung wissen:
So müßtest du, was Gott ist, sein.
Begnüge dich, die Absicht zu verehren,
Die du zu sehn zu blöd am Geiste bist;
Und laß dich hier ein jüdisch Beispiel lehren,
Daß das, was Gott verhängt, aus weisen Gründen fließt,
Und, wenn dirs grausam scheint, gerechtes Schicksal ist.
——
Als Moses einst vor Gott auf einem Berge trat,
Und ihn von jenem ewgen Rat,
Der unser Schicksal lenkt, um größre Kenntnis bat:
So ward ihm ein Befehl, er sollte von den Höhen,
Worauf er stund, hinab ins Ebne sehen.
Hier floß ein klarer Quell. Ein reisender Soldat
Stieg bei dem Quell von seinem Pferde,
Und trank. Kaum war der Reuter fort.
So lief ein Knabe von der Herde
Nach einem Trunk an diesen Ort.
Er fand den Geldsack bei der Quelle,
Der jenem hier entfiel, er nahm ihn, und entwich;
Worauf nach eben dieser Stelle
Ein Greis gebückt an seinem Stabe schlich.
Er trank, und setzte sich, um auszuruhen, nieder;
Sein schweres Haupt sank zitternd in das Gras,
Bis es im Schlaf des Alters Last vergaß.
Indessen kam der Reuter wieder,
Bedrohte diesen Greis mit wildem Ungestüm,
Und forderte sein Geld von ihm.
Der Alte schwört, er habe nichts gefunden,
Der Alte fleht und weint, der Reuter flucht und droht,
Und sticht zuletzt, mit vielen Wunden,
Den armen Alten wütend tot.
Als Moses dieses sah, fiel er betrübt zur Erden;
Doch eine Stimme rief: "Hier kannst du innewerden,
Wie in der Welt sich alles billig fügt.
Denn wiß: Es hat der Greis, der itzt im Blute liegt,
Des Knabens Vater einst erschlagen,
Der den verlornen Raub zuvor davongetragen."
Das Testament
Philemon, der bei großen Schätzen
Ein edelmütig Herz besaß,
Und, andrer Mängel zu ersetzen,
Den eignen Vorteil gern vergaß:
Philemon konnte doch dem Neide nicht entgehen,
So willig er auch war, den Neidern beizustehen.
Zween Nachbarn haßten ihn, zween Nachbarn ruhten nie,
Aufs schimpflichste von ihm zu sprechen.
Warum? Er war beglückt, und glücklicher, als sie.
Ist dies nicht schon ein groß Verbrechen?
Die Freunde rieten ihm, sich für den Schimpf zu rächen.
"Nein", sprach er, "laßt sie neidisch schmähn,
Sie werden schon nach meinem Tode sehn,
Wieviel sie recht gehabt, ein Glück mir nicht zu gönnen,
Das wenig Menschen nützen können."
Er stirbt. Man findt sein Testament,
Und liest: "Ich will, daß einst, nach meinem Sterben,
Mein hinterlaßnes Gut die beiden Nachbarn erben,
Weil sie dies Gut mir nicht gegönnt."
So mancher Freund verwünscht dies Testament.
"Wie? Konnt ich ihn nicht auch beneiden?
Mir gibt er nichts, und alles diesen beiden?"
Die beiden Nachbarn sehn vergnügt
Den Sinn des Testaments vollführen.
Denn damals wußte man nicht recht zu prozessieren,
Sonst hätten beide nichts gekriegt.
So aber kriegten sie das völlige Vermögen.
Wie rühmten sie den Selgen nicht!
Er war die Großmut selbst, er war der Zeiten Licht,
Und alles dies des Testamentes wegen,
Denn eh er starb, war ers noch nicht.
Sind unsre Nachbarn nun beglückt?
Vielleicht. Wir wollen Achtung geben.
Der eine Nachbar weiht entzückt
Dem reichen Kasten Ruh und Leben.
Er hütet ihn mit karger Hand,
Und wacht, wenn andre schnarchend liegen,
Und wünscht mit Tränen sich Verstand,
Die schlauen Diebe zu betrügen;
Springt oft, durch böse Träum erschreckt,
Als ob man ihn bestohlen hätte,
Mit schnellen Füßen aus dem Bette,
Und sucht den Ort, wo er den Schatz versteckt.
Er martert sich mit tausend Sorgen,
Sein vieles Geld vermehrt zu sehn,
Und nimmt aus Geiz sich vor, die Hälfte zu verborgen,
Und läßt den, den er rief, doch leer zurücke gehn.
Arm hatt er sich noch satt gegessen;
Reich hungert er, bei halbem Essen,
Und schnitt das Brot, das er den Seinen gab,
Mit Klagen über Gott, und über Teurung, ab,
Und ward, mit jedem neuen Tage,
Der Seinen Last und seine Plage.
Der andre Nachbar lachte sein.
"Der Torheit", sprach er, "will ich wehren;
Was ich geerbt, will ich verzehren,
Und mich des Segens recht erfreun."
Er hielt sein Wort und sah, in wenig Jahren,
Sein vieles Geld in fremder Hand;
Durch Gassen, wo er sonst stolz auf und ab gefahren,
Schlich itzt sein Fuß ganz unbekannt.
"Ach!" sprach er zu dem andern Erben,
"Philemon hat es wohl gedacht,
Daß uns der Reichtum wird verderben,
Drum hat er uns sein Gut vermacht.
Du hungerst karg, ich hab es durchgebracht.
Wir waren wert, den Reichtum zu besitzen,
Denn keiner wußt ihn recht zu nützen."