Er kehrte von dem toten Freunde
Nach einem letzten Kuß zurück.
Die Sorgen, seiner Ruhe Feinde,
Entwichen in dem Augenblick.
Was, sprach er, will ich mich denn quälen?
Kann mich der Tod so bald entseelen,
Was nützt mir alles Glück der Welt?
Um froh zu sterben, will ich leben.
Der Herr, der alles Fleisch erhält,
Wird mir, soviel ich brauche, geben.
Ihm wert zu sein, der Tugend nachzustreben,
Dies sei mein Kummer auf der Welt!

Amynt

Amynt, der sich in großer Not befand,
Und, wenn er nicht die Hütte meiden wollte,
Die hart verpfändet war, zehn Taler schaffen sollte,
Bat einen reichen Mann, in dessen Dienst er stand,
Doch dieses Mal sein Herz vor ihm nicht zu verschließen;
Und ihm zehn Taler vorzuschießen.
Der Reiche ging des Armen Bitten ein.
Denn gleich aufs erste Wort? Ach nein!
Er ließ ihm Zeit, erst Tränen zu vergießen;
Er ließ ihn lange trostlos stehn,
Und oft um Gottes Willen flehn,
Und zweimal nach der Türe gehn.
Er warf ihm erst mit manchem harten Fluche
Die Armut vor, und schlug hierauf
Ihm in dem dicken Rechnungsbuche
Die Menge böser Schuldner auf,
Und fuhr ihn, denn dafür war er ein reicher Mann,
Bei jeder Post gebietrisch schnaubend an.
Dann fing er an sich zu entschließen,
Dem redlichen Amynt, der ihm die Handschrift gab,
Auf sechs Prozent zehn Taler vorzuschießen,
Und dies Prozent zog er gleich ab.
Indem daß noch der Reiche zählte:
So trat sein Handwerksmann herein
Und bat, weils ihm an Gelde fehlte,
Er sollte doch so gütig sein
Und ihm den kleinen Rest bezahlen.
"Ihr kriegt itzt nichts!" fuhr ihn der Schuldherr an;
Allein der arme Handwerksmann
Bat ihn zu wiederholten Malen,
Ihm die paar Taler auszuzahlen.
Der Reiche, dem der Mann zu lange stehenblieb,
Fuhr endlich auf: "Geht fort, Ihr Schelm, Ihr Dieb!"
"Ein Schelm? Dies wäre mir nicht lieb.
Ich werde gehn und Sie verklagen;
Amynt dort hats gehört."—Und eilends ging der Mann.

"Amynt!" fing drauf der Wuchrer an,
"Wenn sie Euch vor Gerichte fragen:
So könnt Ihr ja mir zu Gefallen sagen,
Ihr hättet nichts gehört. Ich will auch dankbar sein;
Und Euch, statt zehn, gleich zwanzig Taler leihn.
Denn diesen Schimpf, den er von mir erlitten,
Ihm auf dem Rathaus abzubitten,
Dies würde mir ein ewger Vorwurf sein.
Kurz, wollet Ihr mich nicht, als ein Zeuge, kränken:
So will ich Euch die zwanzig Taler schenken:
So kommt Ihr gleich aus aller Eurer Not."

"Herr", sprach Amynt, "ich habe seit zween Tagen
Für meine Kinder nicht satt Brot.
Sie werden über Hunger klagen,
Sobald sie mich nur wiedersehn.
Es wird mir an die Seele gehn.
Die Schuldner werden mich aus meiner Hütte jagen;
Allein ich wills mit Gott ertragen.
Streicht Euer Geld, das Ihr mir bietet, ein,
Und lernt von mir die Pflicht, gewissenhaft zu sein."

Calliste

O Leser! stelle dir mit zärtlichem Gemüte
Einmal die größte Schönheit vor,
Auf deren Stirn der Frühling lächelnd blühte,
Um deren Herz sich längst ein edelmütig Chor
Entzückter Jünglinge bemühte,
Die stell itzt deinem Geiste dar,
Und fühl es recht, wie schön sie war.
Die, deren Schicksal ich erzähle,
Calliste, groß durch ihren Stand,
Und edler noch durch ihre Seele,
Ließ, weil sie sich nicht wohl befand,
Und weil der Doktor ihr den Aderlaß befohlen,
Des Königs ersten Wundarzt holen.

Er, dieser so berühmte Mann,
Der schmachtend ingeheim Callistens Reiz verehrte,
Weil ihm ihr hoher Stand ein größer Glück verwehrte,
Nahm die Gelegenheit mit tausend Freuden an.
Er kam. O wär er nie gekommen!
Er nimmt den weißen Arm, und streift ihn ängstlich auf,
Und forscht, von Lieb und Ahndung eingenommen,
Mit Zittern nach der Adern Lauf,
Und streift in trunkner Angst den Arm noch vielmal auf.

Callistens Freundin sieht ihn zagen,
Und sagts ihr (heimlich sagt sies ihr).
"O", spricht sie: "Lassen Sie den Herrn nur ruhig schlagen,
Und schlüg er zweimal fehl: so werd ich doch nichts sagen,
Ich weiß, er meint es gut mit mir."
Der Arzt sprach noch: "Das wollen wir nicht hoffen!"
Und schlug, und rief: "O unglückselger Schlag!
Ich habe ja den Puls getroffen!"
Und taumelte, bis er daniederlag.

Sie, noch für den besorgt (kann man was Edlers denken?),
Der so gefährlich sie verletzt,
Verbot ihm oft, sich nicht um sie zu kränken,
Und blieb zween Tage lang bei allem Schmerz gesetzt.
Doch dies war nur geringes Leiden.
Die Ärzte sahn nunmehr die tödliche Gefahr,
Und wurden grausam eins, den Arm ihr abzuschneiden,
Weil sonsten keine Rettung war.
Und ohne sich darüber zu beklagen,
Reicht sie den Arm, den schönen Arm, schon dar,
Und bittet nur, den ja um Rat zu fragen,
Der schuld an diesem Unglück war.