Vielleicht, daß mancher eh die Wahrheit finden sollte,
Wenn er mit mindrer Müh die Wahrheit suchen wollte.
Und mancher hätte sie wohl zeitiger entdeckt,
Wofern er nicht geglaubt, sie wäre tief versteckt.
Verborgen ist sie wohl; allein nicht so verborgen,
Daß du der finstern Schriften Wust,
Um sie zu sehn, mit tausend Sorgen,
Bis auf den Grund durchwühlen mußt.
Verlaß dich nicht auf fremde Müh,
Such selbst, such aufmerksam, such oft: du findest sie.
Die Wahrheit, lieber Freund, die alle nötig haben,
Die uns, als Menschen, glücklich macht,
Ward von der weisen Hand, die sie uns zugedacht,
Nur leicht verdeckt; nicht tief vergraben.

Der Selbstmord

O Jüngling, lern aus der Geschichte,
Die dich vielleicht zu Tränen zwingt,
Was für bejammernswerte Früchte
Die Liebe zu den Schönen bringt!
Ein Beispiel wohlgezogner Jugend,
Des alten Vaters Trost und Stab,
Ein Jüngling, der durch frühe Tugend
Zur größten Hoffnung Anlaß gab;

Den zwang die Macht der schönen Triebe,
Climenen zärtlich nachzugehn.
Er seufzt, er bat um Gegenliebe;
Allein vergebens war sein Flehn.

Fußfällig klagt er ihr sein Leiden.
Umsonst! Climene heißt ihn fliehn.
Ja, schreit er, ja, ich will dich meiden,
Ich will mich ewig dir entziehn.

Er reißt den Degen aus der Scheide,
Und—o was kann verwegner sein!
Kurz, er besieht die Spitz und Schneide,
Und steckt ihn langsam wieder ein.

Der sterbende Vater

Ein Vater hinterließ zween Erben,
Christophen, der war klug, und Görgen, der war dumm.
Sein Ende kam, und kurz vor seinem Sterben
Sah er sich ganz betrübt nach seinem Christoph um.
"Sohn", fing er an, "mich quält ein trauriger Gedanke:
Du hast Verstand, wie wird dirs künftig gehn?
Hör an, ich hab in meinem Schranke
Ein Kästchen mit Juwelen stehn,
Die sollen dein. Nimm sie, mein Sohn,
Und gib dem Bruder nichts davon."
Der Sohn erschrak und stutzte lange.
"Ach Vater", hub er an, "wenn ich so viel empfange,
Wie kömmt alsdann mein Bruder fort?"
"Er?" fiel der Vater ihm ins Wort,
"Für Görgen ist mir gar nicht bange,
Der kömmt gewiß durch seine Dummheit fort."

Der süße Traum

Mit Träumen, die uns schön betrügen,
Erfreut den Timon einst die Nacht;
Im Schlaf erlebt er das Vergnügen,
An das er wachend kaum gedacht.
Er sieht, aus seines Bettes Mitte
Steigt schnell ein großer Schatz herauf.
Und schnell baut er aus seiner Hütte
Im Schlafe schon ein Lustschloß auf.
Sein Vorsaal wimmelt von Klienten,
Und, unbekleidet am Kamin,
Läßt er, die ihn vordem kaum nennten,
In Ehrfurcht itzt auf sich verziehn.
Die Schöne, die ihn oft im Wachen
Durch ihre Sprödigkeit betrübt,
Muß Timons Glück vollkommen machen;
Denn träumend sieht er sich geliebt.
Er sieht von Doris sich umfangen,
Und ruft, als dies ihm träumt, vergnügt;
Er lallt: "O Doris, mein Verlangen!
Hat Timon endlich dich besiegt?"
Sein Schlafgeselle hört ihn lallen;
Er hört, daß ihn ein Traum verführt,
Und tut ihm liebreich den Gefallen,
Und macht, daß sich sein Traum verliert.
"Freund", ruft er, "laß dich nicht betrügen,
Es ist ein Traum, ermuntre dich!"
"O böser Freund, um welch Vergnügen",
Klagt Timon ängstlich, "bringst du mich!
Du machest, daß mein Traum verschwindet;
Warum entziehst du mir die Lust?
Genug, ich hielt sie für gegründet,
Weil ich den Irrtum nicht gewußt."