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Ihr Kleinen, die ihr stets so gern auf Größre schmähet,
An ihnen tausend Fehler sehet,
Die ihr an euch doch nie entdeckt;
Glaubt, daß an euch der Sumpf, in dem ihr euch so blähet,
Dieselben Fehler auch versteckt.
Und sollen sie der Welt, wie euch, unsichtbar bleiben:
So laßt euch nicht daraus vertreiben!
Die Fliege
Daß alle Tiere denken können,
Dies scheint mir ausgemacht zu sein.
Ein Mann, den auch die Kinder witzig nennen,
Aesopus hats gesagt, Fontaine stimmt mit ein.
Wer wird auch so mißgünstig sein,
Und Tieren nicht dies kleine Glücke gönnen,
Aus dem die Welt so wenig macht?
Denk oder denke nicht, darauf gibt niemand acht.
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In einem Tempel voller Pracht,
Aus dem die Kunst mit ewgem Stolze blickte,
Dich schnell zum Beifall zwang, und gleich dafür entzückte,
Und wenn sie dich durch Schmuck bestürzt gemacht,
Mit edler Einfalt schon dich wieder zu dir brachte;
In diesem Bau voll Ordnung und voll Pracht
Saß eine finstre Flieg auf einem Stein und dachte.
Denn daß die Fliegen stets aus finstern Augen sehn,
Und oft den Kopf mit einem Beine halten,
Und oft die flache Stirne falten,
Kömmt bloß daher, weil sie soviel verstehn,
Und auf den Grund der Sachen gehn.
So saß auch hier die weise Fliege.
Ein halbes Dutzend ernste Züge
Verfinsterten ihr Angesicht.
Sie denkt tiefsinnig nach und spricht:
"Woher ist dies Gebäud entstanden?
Ist außer ihm wohl jemand noch vorhanden,
Der es gemacht? Ich sehs nicht ein.
Wer sollte dieser Jemand sein?"
"Die Kunst", sprach die bejahrte Spinne,
"Hat diesen Tempel aufgebaut.
Wohin auch nur dein blödes Auge schaut,
Wird es Gesetz und Ordnung inne,
Und dies beweist, daß ihn die Kunst gebaut."
Hier lachte meine Fliege laut.
"Die Kunst?" sprach sie ganz höhnisch zu der Spinne.
"Was ist die Kunst? Ich sinn und sinne,
Und sehe nichts, als ein Gedicht.
Was ist sie denn? Durch wen ist sie vorhanden?
Nein, dieses Märchen glaub ich nicht.
Lern es von mir, wie dieser Bau entstanden:
Es kamen einst von ungefähr
Viel Steinchen einer Art hieher,
Und fingen an, zusammen sich zu schicken.
Daraus entstand der große hohle Stein,
In welchem wir uns beid erblicken.
Kann was begreiflicher als diese Meinung sein?"
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Der Fliege können wir ein solch System vergeben;
Allein daß große Geister leben,
Die einer ordnungsvollen Welt
Ein Ungefähr zum Ursprung geben,
Und lieber zufallsweise leben,
Als einen Gott zum Thron erheben,
Das kann man ihnen nicht vergeben,
Wenn man sie nicht für Narren hält.
Die Frau und der Geist
Vordem, da noch um Mitternacht,
Den armen Sterblichen zu dienen,
Die Geister dann und wann erschienen,
Ließ sich ein Geist, in einer weißen Tracht,
Vor einer Frau im Bette sehen,
Und hieß sie freundlich mit sich gehen,
Und ging mit ihr auf einen wüsten Platz.
"Frau", sprach der Geist, "hier liegt ein großer Schatz;
Nimm gleich dein Halstuch ab, und wirf es auf den Platz,
Und morgen, um die zwölfte Stunde,
Komm her, dann findest du ein Licht,
Dem grabe nach, doch rede nicht;
Denn geht ein Wort aus deinem Munde:
So wird der Schatz verschwunden sein!"
Die Frau fand, zur gesetzten Stunde,
Die Nacht darauf sich mit dem Grabscheit ein.
Nun, die muß recht beherzt gewesen ein!
Ich fände mich gewiß nicht ein,
Und sollt ich zwanzig Schätze heben.
Wer stünde mir denn für mein Leben?
Die Nacht ist keines Menschen Freund.
Und wenns der Geist recht ehrlich mit mir meint:
So kann er mir den Schatz ja auf der Stube geben.