Noch vor dem Abend kömmt er wieder.
Sulpitia liegt noch danieder,
Und dankt ihm seufzend für den Gruß.
Allein wer sagt, was doch der Schneider bringen muß?
Er hat es in ein Tuch geschlagen,
Er wickelts aus. O welche Seltenheit!
Dies ist der Stoff, dies ist das reiche Kleid.
Allein was soll es ihr? Sie kann es ja nicht tragen.

"Ach Engel", spricht der Mann bei sanftem Händedrücken,
"Mein ganz Vermögen gäb ich hin,
Könnt ich dich nur gesund in diesem Schmuck erblicken!"
"O", fängt sie an, "so krank ich bin:
So kann ich Ihnen doch, mein Liebster, nichts versagen.
Ich will mich aus dem Bette wagen;
So können Sie noch heute sehn,
Wie mir das neue Kleid wird stehn."

Man bringt den Schirm, und sie verläßt das Bette,
So schwach, als ob sie schon ein Jahr gelegen hätte.
Man putzt sie an, geputzt trinkt sie Kaffee.
Kein Finger tut ihr weiter weh.
Der Krankheit Grund war bloß ein Kleid gewesen,
Und durch das Kleid muß sie genesen.
So heilt des Schneiders kluge Hand
Ein Übel, das kein Arzt gekannt.

Die Mißgeburt

"Frau Orgon!" rief die Frau Gevatterin,
"Ach wüßten Sie, wo ich gewesen bin!
Ich will es Ihnen wohl entdecken;
Allein Sie müssen nicht erschrecken.
Ich komme gleich von einer Wöchnerin.
Lucinde, daß ichs kurz erzähle,
Lucinde, die so stolze Seele,
Die uns durch ihren Staat so oft beschämt gemacht
Erschrecken Sie nur nicht, hat in vergangner Nacht
Ein Kind (verzeih mirs Gott!) mit langen Hasenohren,
Ein recht abscheulich Kind geboren.
Die stolze Frau! Ich richte nicht;
Allein ich weiß, daß nichts umsonst geschieht.
Lucinde wünscht, daß es verschwiegen bliebe;
Ich wünsch es selbst aus Menschenliebe;
Allein die Stadt erfährts, gedenken Sie an mich.
Indes behalten Sie die Heimlichkeit für sich."
Frau Orgon eilt von ihr erschrocken zu Dorinden.
Sie fragt nach ihrem Wohlbefinden,
Und schmäht mit ihr die Weiber, die gern schmähn.
Wie? Sollte sie Dorinden nichts erzählen?
Nein, denn sie fängt schon an sich bestens zu empfehlen.
Warum muß der Besuch so bald zu Ende gehn?
Vielleicht, weil beide sich von nichts zu reden schämen.
Deswegen? Nein, das glaub ich nicht.
Wie sollten dies sich Weiber übelnehmen?
Da mancher große Mann, gelehrt von Angesicht,
Oft tagelang von nichts mit großen Männern spricht.

So ist Frau Orgon schon gegangen?
Noch nicht. Nun aber geht sie fort.
Doch seht, sie kehrt sich um: "Frau Schwester, noch ein Wort,
Ein Wort! Es soll mich sehr verlangen,
Ob Sie—? Lucinde—Wie? Sie hätten nichts gehört?
Nichts, Gott vergib mir meine Sünde!
Nichts von der Mißgeburt der kostbaren Lucinde,
Mit welcher sie die Welt beschwert?
Hier sieht man recht die göttlichen Gerichte.
Ein Kind mit härichtem Gesichte,
Das einem Hasen gleicht, und einem Pferdefuß,
Bedenken Sie, wie das erschrecklich lassen muß!
Allein Lucinde wills verhehlen;
Drum sagen Sie nur weiter nichts davon.
Das arme Kind! Es ist ein Sohn."

Dorinde sagts ihr zu. Und doch soll mirs nicht fehlen,
Sie wird die Neuigkeit, sobald sie kann, erzählen,
Weil jene sie, zu schweigen, bat.
Sie tut es so getreu, als es Frau Orgon tat.
Erst hat das Kind nur Hasenohren,
Frau Orgon schenkt ihm drauf noch einen Pferdefuß;
Allein Dorinden ists noch viel zu schön geboren.
Und weil sie was verbessern muß,
Tut sie dem Kinde den Gefallen
Und macht ihm noch an beide Hände Krallen.

Eh noch der Nachmittag verstrich,
Ließ das Geheimnis sich auf allen Gassen hören.
Die alten Mütter kreuzten sich,
Und suchten schon recht mütterlich
Durch dieses Zorngericht die Töchter zu bekehren.
Da war kein Mensch, der nicht mit einem Ach
Von diesem Wechselbalge sprach.
Die Knaben stritten selbst mit blutigem Gesichte
Schon für die Wahrheit der Geschichte.

Sobald als dies der Magistrat erfuhr,
Schickt er den Physikus nach dieser Kreatur.
Er kam neugierig zu Lucinden;
Allein anstatt den Wechselbalg zu finden,
Fand er ein wohlgestaltes Kind,
An dem die Ohren größer waren,
Als sie bei andern Kindern sind.
Das war die Mißgeburt, der man so mitgefahren!

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