Wie rot, spricht Phyllis, ist sein Mund!
Bald dürft ich mich zu was entschließen.
O täte nicht sein böser Hund,
Ich müßte diesen Schäfer küssen.
Sie geht, doch da sie gehen will,
So steht sie vor Verlangen still.
Sie sieht sich dreimal schüchtern um,
Und sucht die Zeugen, die sie scheute;
Sie macht den Hund mit Streicheln stumm,
Und lockt ihn freundlich auf die Seite;
Sie sinnt, bis daß sie, ganz verzagt,
Sich noch zween Schritte näher wagt.
Hier steht nunmehr das gute Kind;
Allein sie kann sich nicht entschließen;
Doch nein, itzt bückt sie sich geschwind,
Und wagts, Damöten sanft zu küssen.
Sie gibt ihm drauf noch einen Blick,
Und kehrt nach ihrer Flur zurück.
Wie süße muß ein Kuß nicht sein!
Denn Phyllis kömmt noch einmal wieder,
Scheint minder sich, als erst, zu scheun,
Und läßt sich bei dem Schäfer nieder;
Sie küßt, und nimmt sich nicht in acht;
Sie küßt ihn, und Damöt erwacht.
"O!" fing Damöt halb schlafend an,
"Mißgönnst du mir die sanfte Stunde?"
"Dir", sprach sie, "hab ich nichts getan,
Ich spielte nur mit deinem Hunde;
Und überhaupt, es steht nicht fein,
Ein Schäfer und stets schläfrig sein.
Jedoch, was gibst du mir, Damöt?
So sollst du mich zum Scherze küssen."
"Nun", sprach der Schäfer, "ists zu spät,
Du wirst an mich bezahlen müssen."
Drauf gab die gute Schäferin
Um einen Kuß zehn Küsse hin.
Das Füllen
Ein Füllen, das die schwere Bürde
Des stolzen Reuters nie gefühlt,
Den blanken Zaum für eine Würde
Der zugerittnen Pferde hielt;
Dies Füllen lief nach allen Pferden,
Worauf es einen Mann erblickt,
Und wünschte, bald ein Roß zu werden,
Das Sattel, Zaum und Reuter schmückt.
Wie selten kennt die Ehrbegierde
Das Glück, das sie zu wünschen pflegt!
Das Reutzeug, die gewünschte Zierde,
Wird diesem Füllen aufgelegt.
Man führt es streichelnd hin und wider,
Daß es den Zwang gewohnen soll;
Stolz geht das Füllen auf und nieder,
Und stolz gefällt sichs selber wohl.
Es kam mit prächtigen Gebärden
Zurück in den verlaßnen Stand,
Und machte wiehernd allen Pferden
Sein neu erhaltnes Glück bekannt.
Ach! sprach es zu dem nächsten Gaule,
Mich lobten alle, die mich sahn;
Ein roter Zaum lief aus dem Maule
Die schwarzen Mähnen stolz hinan.
Allein wie gings am andern Tage?
Das Füllen kam betrübt zurück,
Und schwitzend sprach es: Welche Plage
Ist nicht mein eingebildet Glück!
Zwar dient der Zaum mich auszuputzen;
Doch darum ward er nicht gemacht.
Er ist zu meines Reuters Nutzen
Und meiner Sklaverei erdacht.