Die Strafe der Bosheit leiden müssen.
Doch haben die Bären keinen verzehrt;
Nicht Hunger sie trieb, sondern Gottes Schwert.
Sie gehen nun langsam wieder heim,
Und suchen sich Bäume mit Honigseim.
Zuweilen machte der Vogt einen Besuch bei seinem Freunde, dem Pfarrer Roth in Möttlingen, einem kleinen Dorfe östlich von Liebenzell. Er war damals schon neunzehn Jahre Pfarrer auf diesem Dorfe, und blieb nachher noch neunundzwanzig Jahre daselbst. Da der Vogt gewohnt war, bei solchen Besuchen immer seine ganze Familie mitzunehmen, zu welcher ich auch gezählt wurde, so durfte ich jedesmal auch mitgehen, was mir eine besondere Freude machte, da ich den Pfarrer Roth, einen sehr unterhaltenden Mann, so gern erzählen hörte. Ich hatte ein rechtes Herz zu ihm, und konnte ihm meine Gedanken und Empfindungen ganz offen mittheilen. Er verstand mich gleich, und wußte mir immer etwas Passendes zu antworten. Einmal z. B. sagte er mir: „Weißt du denn auch, wie die Bauernweiber bei uns es machen, ehe sie zu Bette gehen?“ — „Nein,“ sagte ich. — „Nun sieh, damit sie nicht am Morgen die Mühe haben, erst Feuer anzumachen, kehren sie am Abend die Glut auf dem Heerd zusammen und bedecken sie mit Asche, dann haben sie am andern Morgen gleich wieder Feuer. Nun mach’ du’s auch so. Wenn du Abends zu Bette gehst, so bitte den Heiland, daß Er die guten Gedanken in deiner Seele zusammenkehre, damit du sie am Morgen gleich wieder findest, und dein erster Gedanke beim Erwachen Jesus sei.“ Diesen Rath habe ich denn auch befolgt, und großen Nutzen davon gehabt.
Ein anderes Mal äußerte ich gegen ihn, wie bang es mir sei, wenn ich nun bald wieder in den Dienst meiner Herrschaft zurücktreten müsse, wo ich nichts als Spott und Verachtung zu erfahren haben würde, wenn ich meinen Glauben an Jesum bekennen wollte, und wo es mir schmerzlich ahnd thun werde nach dem christlichen Umgang und Unterricht, den ich in meiner jetzigen Lage in so reichem Maße genieße. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir, zur Ermunterung meiner Standhaftigkeit, die Geschichte von dem jungen christlichen Märtyrer
Cyrillus.
„In Cäsärea bewies im Jahr 258 nach Christi Geburt ein Kind, Namens Cyrillus, eine ungemeine Beharrlichkeit. Er rief ununterbrochen den Namen Christi an, und Mißhandlungen und Schläge konnten ihn nicht von einem offenen Bekenntniß des Christenthums abschrecken. Verschiedene Kinder von gleichem Alter verfolgten ihn, und sein eigener Vater trieb ihn aus dem Hause, worüber ihm viele Leute wegen seines Eifers für das Heidenthum Lob ertheilten. Der Richter ließ den Knaben vor sich kommen und sagte zu ihm: „„Mein Kind! ich will dir deine Fehler verzeihen, und dein Vater soll dich wieder aufnehmen. Es steht in deiner Macht, in den Genuß der Güter deines Vaters gesetzt zu werden, wenn du nämlich klug bist, und dein Glück nicht mit Füßen trittst.““ — „„Ich trage Eure Vorwürfe gern““ — erwiederte das Kind. — „„Gott wird mich aufnehmen. Es macht mir keinen Kummer, daß ich aus meinem väterlichen Hause vertrieben bin: ich werde eine bessere Wohnung bekommen. Ich fürchte den Tod nicht: denn er wird mich in ein besseres Leben führen.““ — Nachdem ihn die Gnade Gottes gestärkt hatte, dieses gute Bekenntniß abzulegen, ließ man ihn binden und zur Hinrichtung führen. Der Richter hatte geheime Befehle gegeben, ihn zurückzuführen, weil er hoffte, der Anblick des Feuers könnte seinen Entschluß überwältigen. Cyrill blieb unbeweglich. Die Menschlichkeit des Richters versuchte immer wieder auf’s Neue, Gegenvorstellungen zu machen. „„Euer Feuer und Euer Schwert““ — sagte der junge Märtyrer — „„sind unbedeutend. Ich gehe in ein besseres Haus, zu vortrefflicheren Reichthümern. Laßt mich lieber gleich sterben, daß ich zu ihrem Genuß gelange.““ Die Zuschauer weinten vor Rührung. „„Ihr solltet euch lieber freuen,““ — sagte er — „„wenn Ihr mich zum Tode führet. Ihr wisset nicht, was für eine Stadt ich bewohnen werde, und was für eine Hoffnung ich besitze.““ So gieng er seinem Tode entgegen und war die Bewunderung der ganzen Stadt. Aus dem Munde der Kinder hat Gott sich ein Lob zubereitet!“ —
Ich schämte mich bei dieser Erzählung herzlich über meine Schwachheit und Furchtsamkeit; aber doch konnte ich mich, so oft ich an eine Trennung von der mir so lieb gewordenen Familie in Liebenzell dachte, eines heimlichen Schauders nicht erwehren, und sah auch keinen Ausweg, um dieser schmerzlichen Veränderung zu entgehen. Das Spätjahr kam mit schnellen Schritten herbei, der Feldzug hatte ein Ende, meine Herrschaft zog in die Winterquartiere nach Baiern zurück, und ich mußte mit. Bei dem herzverwundenden Abschied von meinen Freunden in Liebenzell blieb mir zur Aufrichtung nur die Hoffnung, sie etwa im nächsten Feldzug wieder zu sehen.