Am andern Morgen traten sie
Die Reise wieder an.
Der Waisen Vater wolle sie
Geleiten auf der Bahn!
Nun lasse ich Setma weiter erzählen.
„Meine getreue Mutter und Pflegerin war nun nach ihrer Klugheit und Vorsicht vor allen Dingen für Schutz und Sicherheit meiner Person besorgt, und machte solche Personen, welche Einfluß hatten, mit meiner Geschichte bekannt. Namentlich geschah dieß bei der damaligen Frau Oberhofmeisterin v. Wachenheim, welche sich dann bei der Frau Herzogin Magdalena Sibylla, damaliger Mitregentin und Landesmutter für mich verwendete. Die Herzogin schenkte mir gnädigst ihre Huld, versicherte mich ihres Schutzes, und bewies mir von da an bis zu ihrem Ende unzählige Wohlthaten, was ihr der Herr in Seinem Lichte reichlich und ewig vergelten wolle.
Dieser mächtige Schutz war mir aber auch sehr nöthig, und kam mir wohl zu Statten, als kurze Zeit hernach mein vormaliger Gebieter, der Obrist-Lieutenant Burget, von ungefähr nach Stuttgart kam, und, ich weiß nicht auf welchem Wege, auskundschaftete, daß ich mich in Stuttgart aufhalte. Gleich noch in der Nacht schickte er einen seiner Diener, den ich wohl kannte, in das Haus der Frau Doktorin, und ließ mich hart bedrohen. Zum Unglück befand sich gerade Niemand zu Hause, als ich und der Sohn der Frau Doktorin, der damals Magister war, und so wurde ich sehr in Angst und Schrecken gesetzt. Sobald meine Mutter nach Hause kam, erzählte ich ihr den Vorfall, und sie wußte gleich Rath. Den andern Morgen schickte sie früh zur Frau v. Wachenheim und ließ ihr sagen, was vorgefallen sei. Diese gieng sogleich zur Herzogin, und bat sie, die nöthigen Maßregeln zu treffen, damit ich vor den Ansprüchen des Obristlieutenants geschützt werde. Die Herzogin nahm sich unverweilt der Sache thätig an, und schickte einen ihrer Kammerherren zu ihm, der wegen meiner Loskaufung mit ihm unterhandeln sollte. Hierauf ließ sie den Obristlieutenant zur herzoglichen Tafel laden, und behandelte ihn da mit so viel Auszeichnung und Herablassung, daß er nachgiebigeren Sinnes wurde, und mich der Herzogin um einige Eimer Wein zu eigen überließ. Darein mußte denn endlich auch seine Frau willigen, obwohl sehr ungern: denn viel lieber hätte sie ihre Rachgier an mir ausgelassen. Am liebsten wäre es mir freilich gewesen, sie gar nicht wieder sehen zu müssen; aber das konnte ich nicht verhindern. Ich mußte mich, auf ihre Einladung und den Befehl der Herzogin, im Gasthof zum Bären, wo sie logirten, auf eine Mahlzeit bei ihnen einfinden, und konnte nicht ohne Angst und Zittern hingehen; aber da ich nun ein Eigenthum der Herzogin war, durfte sie es nicht wagen, anders mit mir zu reden als freundlich. Von der Art und Weise, wie ich entkommen, wurde gar nicht gesprochen, und das ersparte mir die Verlegenheit, den Adlerwirth, der sich so großmüthig meiner angenommen, verrathen zu müssen. Man fragte mich blos, wie es mir in Stuttgart gefalle, was ich für Beschäftigung habe, ob ich schon im Schloß gewesen, und dergleichen. Als ich Abschied von ihnen nahm, dankte ich noch für alles Gute, was sie, und besonders er, mir von Anfang an erwiesen. Damit war mir’s Ernst. Er hätte mich ja auch an einen andern Ort verkaufen, oder noch mehr mißhandeln können; ich war ja in seiner Gewalt. Aber der HErr war es, der unsichtbar meinen Odem bewahrte, meine Schritte und Tritte leitete, und Seine Hand über mir hielt, daß mich kein Uebel anrühren durfte. Und das Schmerzliche, was ich erfahren mußte, das war gewiß nothwendig und wohlthätig für mich, wär’s auch nur deßwegen, weil ich so die Errettung um so mehr schätzen und dafür danken lernte.
Als ich aus dem Bären wieder heraus war, da fühlte ich mich so froh wie Jonas, da ihn der Wallfisch wieder an’s Land spie. Den langen Weg von da bis zum Spitalplatz hatte ich, mehr fliegend als gehend, in wenigen Minuten zurückgelegt, und als ich heim kam, warf ich mich in die Arme meiner treuen Pflegerin und rief: „Aber nun sollen sie mich nicht wieder hier wegreißen!“ — „Nein, das sollen sie auch nicht,“ erwiederte die Mutter, „Gott selbst hat dich auf wunderbaren Wegen frei gemacht. Vergiß nicht, Ihm zu danken.“
Ja, ich bleibe stets an Dir,
Du hältst mich bei meiner Rechten;